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Methodisch angeleitete Inklusion sozialräumlicher Netzwerke - Mit systemischen und diskursiven Methoden das Verhältnis zweier Netzwerke in der sozialen Seniorenarbeit bestimmen und verändern

Tjard de Vries & Nils Adolph
[Forum Gemeindepsychologie, Jg. 24 (2019), Ausgabe 2]

Zusammenfassung

Im Sozialraum Freiburg Ost wollen zwei nachbarschaftliche Netzwerke stärker interagieren, sich gegebenenfalls ineinander integrieren. Mehrere Anläufe der Akteure führen jedoch nicht zu den gewünschten Ergebnissen, so dass ein indifferenter Stillstand der beiderseitigen Bemühungen droht. Die koordinative Sozialraumarbeit nimmt sich des Problems an: "Wie kann unter den bestehenden Bedingungen das gewünschte Ergebnis weiter verfolgt werden?" Dafür werden zwei Fallvignetten erstellt, die für die Anwendung zweier Methoden im Workshop - Gruppendiskussion und systemische Strukturaufstellung - als Grundlage dienen. Dieser Artikel dokumentiert die Anwendung der Methoden bei einem Workshop und verweist auf exemplarische Erkenntnisse, die eine Grundlage für sozialarbeiterische Interventionen in einer aussichtslos erscheinenden Situation schaffen.

Schlüsselwörter: Methodendokumentation, Fallvignetten, Systemische Strukturaufstellung, Gruppendiskussion, Quartiersforschung, Sozialraum, Praxisforschung, Methodenreflexion

Summary

Methodically guided inclusion of socio-spatial networks - Using systemic and discursive methods to determine and change the relationship between two networks in social work with seniors
In the socio-spatial area Freiburg-Ost, two neighbourhood networks want to interact more closely and, if necessary, integrate with each other. Several attempts of the actors, however, do not lead to the desired results, so that an indifferent standstill threatens the mutual efforts. Coordinative and spatial social work addresses the problem: "How can the desired result be further pursued regarding the existing conditions?” Two case vignettes will be created for this purpose which will serve as a basis for the application of two methods in the workshop - group discussion and systemic structural constellation. The article documents the application of the methods in a workshop and refers to exemplary findings that provide a basis for social interventions in a seemingly hopeless situation.

Keywords: method documentation, case vignettes, systemic-structural constellation, group discussion, neighbourhood research, socio-spatial work, practical research, reflexion of methods

Einleitung

Der folgende Beitrag beruht auf einem Workshop bei der Jahrestagung der GGFP e.V. am 22./23. Juni 2018 in Freiburg, der angekündigt war mit dem Titel: "Integration verschiedener sozialräumlicher Netzwerke in der sozialen Seniorenarbeit". Gemäß diesem Titel ist das Anliegen des Workshops, zwei verschiedene Netzwerke miteinander zu "integrieren". Dazu wurden mithilfe zweier Fallvignetten zwei Personen als Stellvertreter in einem später noch einzuführenden, zweidimensionalen Modell des Sozialraums positioniert und befragt. Parallel dazu fand laufend eine Gruppendiskussion mit allen am Workshop beteiligten Personen statt. Für alle Beteiligten ergab sich auf diese Art ein eindrückliches Bild über soziale Zusammenhänge und emotionales Erleben der stellvertretenden Netzwerkakteure. Es wurden wichtige Informationen über die Netzwerke und ihre Interaktionen sicht-, hör- und fühlbar und zugleich Reflexionen auf Struktur-, Prozess- und Beziehungsebene möglich. Darüber hinaus wurden mithilfe der fortgesetzten Diskussion im Plenum und dem lösungsfokussierten Sprechen mit den Netzwerkrepräsentanten innovative Lösungen offenbar. Ob eine Umsetzung der Erkenntnisse in die Praxis gelang, wird in diesem Artikel nicht thematisiert.

Theoretische und methodische Verortung

Im folgenden Beitrag wird das methodische Vorgehen im Symposion erläutert. Die lösungsorientierte Methode des systemischen Stellens wird mit dem Ziel angewendet, zwei sich als Netzwerkorganisationen verstehende Player miteinander integrieren zu lassen. Das Anliegen des Stellens besteht also in der Inklusion, worunter wir die Bewegung der beiden Netzwerke innerhalb eines als "Win-Win-Quadranten" bezeichneten Raumabschnitts verstehen (vgl. Abbildung 1). Dieses Motiv entspricht der von beiden Playern geäußerten Absicht, die sie bislang mit verschiedenen Mitteln1 selbst nicht einlösen konnten. Der Workshop fungiert als eine Form der kreativen Stellvertreter*innenkonversation, die die mögliche Richtung einer Veränderung indizieren soll. Die im Workshop angewendete Methode des systemischen Stellens bezieht sich auf die von Insa Sparrer (2007) dokumentierte Methode der Systemischen Strukturaufstellung. Für den Übertrag der dokumentierten Wirklichkeit auf die abstrahierte Realität des Workshops dienen Fallvignetten als Hilfsmittel. Sie ermöglichen "den subjektiven Handlungssinn durch imaginierte Situationen hervorzubringen und festzuhalten, d.h. Prozesse nachzuvollziehen, in denen die Akteure ihre soziale Wirklichkeit herstellen." Theoretisch lässt sich der Einsatz von Vignetten als eine sozialwissenschaftliche Methode in Hinblick auf tiefenpsychologische Konzepte der Projektion, sozialkonstruktivistische und kognitionspsychologische Ansätze begründen (vgl. Stiehler & Werner, 2008). Das zentrale Geschehen während einer systemischen Strukturaufstellung hat Insa Sparrer (2007) zutreffend mit dem Begriff der transverbalen Sprache gefasst. Die transverbale Sprache umfasst das Verbale und das Nonverbale und geht darüber hinaus, indem sie auch das erfasst, was zwischen Personen ist, und damit das Individuelle übersteigt.

"Transverbale Sprache wird von Gruppen gesprochen, deren Mitglieder im Raum als Modell für ein abgebildetes System angeordnet werden. Die einzelnen angeordneten Personen werden zu RepräsentantInnen für Elemente des abzubildenden Systems. Ihr Körper dient als Wahrnehmungsorgan in Bezug auf Aspekte des abzubildenden Systems. Die >repräsentierende Wahrnehmung< der Repräsentanten nehmen Aspekte des abzubildenden Systems wahr." (Sparrer 2007, S. 9)


Obwohl die Workshopteilnehmenden keine eigenen Erfahrungen mit den Strukturen und Netzwerken im untersuchten Sozialraum haben, sind sie in der Lage, spontan Unterschiede in ihrer Körperwahrnehmung zu spüren und zu benennen - sprechen also die transverbale Sprache - insofern sie als symbolische Stellvertreter für Netzwerke in ein System eingesetzt wurden (vgl. Daimler, 2008, S. 20). Während es den Moderatoren im Workshop vor allem um die Implementierung der im diskursiven Aufstellungsgeschehen gewonnenen Erkenntnisse in die sozialarbeiterische Praxis ging, möchten wir hier den Schwerpunkt auf die methodische Arbeit mit einem neuen Diagnoseinstrument legen, diese dokumentieren und nachvollziehbar werden lassen. Auch wenn der Einsatz des Instruments kritisch zu hinterfragen ist, verspricht der Einsatz unserer Methode zur anderen sozialräumlichen Netzwerken und deren Interaktionen sowohl zutreffende Diagnosen und als auch eine damit einhergehende Grundlage für gelungene sozialarbeiterische Interventionen.

Beschreibung des Workshopkontexts

Hintergrund - demografiebezogene Sozialraumarbeit

In Zeiten des demografischen Wandels ergeben sich große Veränderungen für die globalen Gesellschaften einerseits und für lokale und kleinräumige Netzwerke andererseits, wenngleich sich die daraus resultierenden, beobachtbaren Veränderungen auf allen Ebenen tendenziell ähnlich auswirken. Demografen sprechen hierbei vom sogenannten "dreifachen Altern" (Tews, 1993). Diese soziologische Begrifflichkeit fasst drei Tendenzen zusammen: erstens die absolut steigende Anzahl der älteren Menschen, die im jeweiligen Umfeld alt werden, zweitens der prozentual steigende Anteil der über 65-Jährigen und drittens der steigende Anteil der sogenannten "hochaltrigen Menschen" - gemeint sind damit die 80-Jährigen und älteren. Die daraus entstehenden Veränderungsprozesse, die die Gesellschaft vor große Herausforderungen stellt, sind in der medialen und fachwissenschaftlichen Öffentlichkeit bereits seit längerem bekannt und breit diskutiert worden. Dasselbe gilt auch für die Veränderungsprozesse, die sich im wesentlich kleineren Rahmen, also etwa auf Ebene der Städte oder Kommunen ergeben. Einen zentralen Bezugspunkt in diesen Diskursen stellen dabei einzelne Stadtteile und Quartiere dar, da sie als Ort des alltäglichen Lebens für ältere Menschen eine immense Bedeutung innehaben und Auswirkungen auf die subjektiv empfundene Lebensqualität haben können. Vor den beschriebenen Veränderungen und demografischen Herausforderungen müssen auf Quartiersebene dementsprechend Strukturen geschaffen werden, die zu einem gelingenden Älterwerden beitragen und Menschen im Alter in ihrer gewohnten Lebensumgebung stärken und unterstützen (vgl. Heite et al., 2015). Denn, solange wie möglich, autonom im gewohnten Lebensumfeld alt werden zu können, entspricht dem überwiegenden Wunsch älterer Menschen (vgl. Generali Zukunftsfonds, 2013).

In der sozialarbeiterischen Praxis haben sich dabei Ansätze sozialraumorientierten Arbeitens etabliert und bewährt, um Strukturen für ein gutes Leben im Alter in den Stadtteilen zu schaffen. Die Kontextbedingungen sind freilich von Quartier zu Quartier und Kommune zu Kommune sehr heterogen, weshalb sich zwangsweise die Frage stellt, wie sich Strukturen gelingenden Älterwerdens auf Sozialraum- und Netzwerkebene ausdifferenzieren und inwiefern sie auf andere Netzwerke übertragbar sind. An diesem Punkt setzt das Projekt "DEKOS - Demografiebezogene Koordination im Sozialraum" der Katholischen Hochschule Freiburg an, das durch Mittel des "Innovationsprogramms Pflege" des Sozialministeriums des Landes Baden-Württemberg gefördert wurde. In zwei Freiburger Stadtquartieren haben die Projektpartner - Stiftungsverwaltung Freiburg und Caritasverband der Stadt Freiburg e.V. - koordinierende Netzwerkstrukturen im Sinne eines Sozialraummanagements aufgebaut und implementiert. Die Stadtteile - Landwasser und Littenweiler/Waldsee - unterscheiden sich nicht nur in ihrer Bebauung voneinander, sondern auch hinsichtlich der zugrundeliegenden Bevölkerungsstruktur. Mit dem Ziel, die Entwicklung der lokalen Altenarbeit auf sozialräumlicher Ebene zu stärken und Anlaufstelle für die Bewohner*innen zu sein, agieren die "Koordinationsstellen für gelingendes Altern" in sehr unterschiedlichen Netzwerken. Darüber hinaus werden im Projekt durch die Koordinationsstellen die bürgerschaftlichen Aktivitäten vor Ort gebündelt und stärker miteinander vernetzt. Insgesamt wird dadurch sowohl der Zugang zu nachbarschaftlichen Unterstützungsstrukturen erleichtert als auch der Aufbau sozialräumlicher Strukturen gefördert, die zu einem guten Alter(n) im Stadtteil beitragen. Das Projekt "DEKOS" dockt mit diesem Projektverbund und den genannten Zielen an zwei Vorgängerprojekte an - "VEGA - Verantwortungsgemeinschaften für gelingendes Altern im Quartier" und "Pflegemix in Lokalen Verantwortungsgemeinschaften" -, die wesentlich dazu beigetragen haben, die Idee einer "lokalen Verantwortungsgemeinschaft" auf sozialräumlicher Ebene zu stärken. Damit ist ein Konzept gemeint, das mit unterschiedlichen lokalen Akteuren gemeinsam entworfen und erprobt wurde. Das Ziel dieser "lokalen Verantwortungsgemeinschaften" ist vor allem, die Zugangswege und -möglichkeiten zu lokalen Hilfenetzen zu erleichtern und diese gewissermaßen übersichtlicher zu gestalten sowie die Partizipation der einzelnen Bürger*innen im lokalen Kontext zu stärken sowie die Lebenssituationen zu verbessern (vgl. Kricheldorff et al., 2015).

Sozialstruktureller Stadtteilhintergrund

Die Freiburger Stadtteile Littenweiler und Waldsee, in denen sowohl die genannten Vorgängerprojekte als auch das aktuelle Projekt "DEKOS" verortet sind, waren inhaltliche Bezugspunkte des Workshops "Integration verschiedener sozialräumlicher Netzwerke in der sozialen Seniorenarbeit" bei der diesjährigen GGFP-Tagung "Alles Netzwerk oder was?" an der Evangelischen Hochschule Freiburg und sollen nachfolgend noch dezidierter beleuchtet werden. Die beiden Stadtteile grenzen räumlich direkt aneinander, wodurch es im Hinblick auf die einzelnen Sozialräume zu fließenden Übergängen und Verschränkungen kommt. Der Stadtteil Waldsee ist zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden und entspricht in seinem räumlichen Gestaltungskonzept der Gartenstadtlogik. Das Quartier ist daher in besonderem Maße durch eine lockere Bebauung und teils große Gärten gekennzeichnet (vgl. Oertel, 2007). Anders geprägt ist der Stadtteil Littenweiler, der bis zu seiner Eingemeindung ein selbständiges Dorf war. Allerdings lassen sich heutzutage im Quartier selber nur noch wenige Hinweise auf die frühere Dorfstruktur finden, da bestimmte Gewerbebetriebe aus dem Quartier zugunsten von Wohnraum verschwunden sind. Der Stadtteil ist nunmehr durch die dort ansässige Pädagogische Hochschule geprägt, was sich auch unmittelbar auf die Sozialstruktur auswirkt (vgl. Kotterer, 2007). So geben die sozialstrukturellen Daten einen Einblick darüber, wie sich der Aufbau der Bevölkerungsstruktur und die Verteilung der sozialen Milieus in beiden Quartieren gestalten. Die beiden Stadtteile im Freiburger Osten können prinzipiell durch ein liberal-bürgerliches Milieu beschrieben werden. Beide Stadtteile weisen ein hohes Potenzial für bürgerschaftliches Engagement auf und verfügen über ein hohes Potenzial an Bürger*innen, die über verhältnismäßig hohe Einkommens- und Bildungsressourcen verfügen. Ebenfalls sind die Wohneigentumsquoten in beiden Stadtteilen hoch und liegen oberhalb des Durchschnitts der Gesamtstadt Freiburg. Laut den Ergebnissen der unterschiedlichen Freiburger Bürgerumfragen (vgl. Stadt Freiburg, 2015; vgl. Stadt Freiburg, 2016) bestehen aber gleichzeitig in beiden Quartieren schwache Verwandtschaftsnetze, wohingegen informelle, soziale Netzwerke in Teilen ausgeprägter sind. Dies kann auch mit aktuellen Zahlen der repräsentativen Erhebung "Generation 55+" für die beiden Quartiere belegt werden. So liegen die Werte, die Auskunft über die Verfügbarkeit eines Angehörigennetzwerks bzw. erweiterten sozialen Netzwerks geben, ebenfalls über dem Durchschnitt der Gesamtstadt (vgl. Stadt Freiburg, 2016). Die soeben genannten Faktoren sprechen gerade im Hinblick auf Menschen im Alter für eine hohe Wohnort- und Quartiersbindung. Kennzeichnend für Littenweiler sind unterdessen viele ältere Menschen, die lange Wohndauern in ihren Haushalten aufweisen und teilweise in räumlich abgeschiedenen Hanglagen in Einpersonenhaushalten leben.

Im Kontext demografischer Veränderungsprozesse geht die Freiburger Bevölkerungsstatistik von unterschiedlichen Ausgangslagen in den Quartieren aus. Für Waldsee ist ein Bevölkerungsrückgang bei gleichzeitiger Zunahme der Altersgruppe der 65- bis 74-Jährigen errechnet worden. Zudem soll der Anteil der über 75-Jährigen bis 2030 in diesem Quartier abnehmen. In Littenweiler ist dagegen eine Zunahme aller über 65-Jährigen bis zum Jahre 2030 berechnet worden (vgl. Stadt Freiburg, 2015). Beide Stadtteile stehen also vor tiefgreifenden Veränderungen, die sich nicht nur auf Ebene der Bevölkerungsstruktur, sondern gerade auch auf der Ebene der bisher positiv ausgestalteten sozialen Netzwerke niederschlagen werden.

Zwei Netzwerke im Vergleich

Die beiden Netzwerke, die im genannten Workshop vorgestellt wurden, sind auf der einen Seite die Nachbarschaftsbörse Freiburg-Ost (Nachbarschaftsbörse) und auf der anderen Seite das Nachbarnetz Freiburg-Ost (Nachbarnetz). Beide agieren in den Stadtteilen Littenweiler und Waldsee und verfolgen das Ziel, die lokalen Nachbarschaften zu stärken, um so den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft positiv zu begegnen. Durch das Projekt "DEKOS" wurden sie stärker miteinander vernetzt. So treffen beide Initiativen unter anderem vierteljährlich im so genannten "Netzwerkrat" zusammen. Dies ist als ein Metanetzwerk zu verstehen, also ein sozialräumliches Gremium, in dem unterschiedliche Akteure des Freiburger Ostens zusammentreffen, um die Interessen und Bedarfe der Bürger*innen zu vertreten bzw. zu benennen, um Bedarfe auszutauschen, fachlichen Input zu erhalten und verschiedene Dezernate und Anlaufstellen auf städtischer Ebene kennenlernen zu können. Diese Form des Zusammenkommens wird durch die "Koordinationsstelle für gelingendes Altern" organisiert und moderiert, die im Freiburger Osten im Zuge des Projekts "DEKOS" installiert wurde. Die Netzwerkakteure aus dem Sozialraum können folglich in diesem Gremium nur in solidarische Interaktionen treten. Der "Netzwerkrat" fokussiert pro Sitzung unterschiedliche Themenkomplexe, wie beispielsweise Altersarmut oder bürgerschaftliches Engagement. Für gewöhnlich nehmen hieran ebenfalls Akteure von städtischer Seite teil, die an den Themen auf kommunaler Ebene arbeiten und einen fachlichen Input in die Sitzungen mit einbringen. Diese Netzwerkform ist letztlich jedoch an keine städtische Stelle angebunden, wodurch zwar Bedarfe durch die sozialräumlichen Akteure identifiziert und zur städtischen Seite rückgekoppelt werden können, das Netzwerkgremium aber z. B. nicht über ein eigenes Sozialraumbudget verfügen kann.

Der Grundgedanke der Nachbarschaftsbörse ist, im Sinne einer Suche-Biete-Kartei zu agieren. So besteht z. B. für Interessierte die Möglichkeit, ein Gesuch, wie etwa "Ich suche jemanden, der mir die Rosen schneidet", an die Nachbarschaftsbörse weiterzugeben. Eine andere Person bietet dann etwa seine Hilfe beim Gärtnern an. Beide Interessierte landen in der Datenbank der Nachbarschaftsbörse und werden nun miteinander bekanntgemacht. Die einzige Voraussetzung ist das Ausfüllen eines Kontaktbogens, der zu bestimmten Bürozeiten der Initiative ausgefüllt werden kann. Die Nachbarschaftsbörse ist partiell institutionell und sozialarbeiterisch begleitet sowie räumlich an die Heiliggeistspitalstiftung angebunden, die Räumlichkeiten für diese Organisation bereitstellt.

Das Nachbarnetz verfolgt ähnliche Ziele, um die Nachbarschaften im Freiburger Osten zu stärken. Es entstand aus dem Wunsch vieler älterer Bürger*innen heraus, ein Haus zu bauen und darin gemeinsam alt zu werden. Da solch ein Vorhaben in Littenweiler und Waldsee zum Gründungszeitpunkt noch nicht realisiert worden war, beschlossen die Gründungsmitglieder zunächst eine Zeitbank zu organisieren und nachdem dieses Vorhaben auch als gescheitert angesehen werden kann, sozial eng verflochtene Gruppen zu formieren, die sich gegenseitig unterstützen. So entstand ein informell agierendes Netzwerk, das auch in der Lage ist, Notsituationen positiv zu gestalten und Hilfen zu organisieren. Der wesentliche Unterschied beider Netzwerke besteht neben der Gemeinsamkeit der Verwurzelung im Quartier darin, dass das Nachbarnetz bereits seit einem wesentlich längeren Zeitraum aktiv ist als die Nachbarschaftsbörse. Zudem ist das Nachbarnetz eher informell gewachsen und wird nicht von professioneller Seite begleitet. Durch ihre lange Engagementpraxis verfügen die Mitglieder des Nachbarnetzes über einen breiten Erfahrungsschatz und haben das Interesse, diese Erfahrungen an Interessierte weiterzugeben.

Aufbau des Workshops

Als Vorarbeit wurden zwei Fallvignetten erstellt. Die Vignetten enthielten neben einer sozialstrukturellen Hintergrundfolie und des Projekthintergrundes, die mithilfe einer Powerpoint-Präsentation eingeführt wurden, auch mündliche Informationen über die beiden zu vergleichenden Netzwerke. In die Präsentation der Vignetten im Workshop flossen noch Bestandteile mit ein, die aus einer Veranstaltung mit dem Titel "Nachbarschaftliches im Freiburger Osten" am 16. Mai 2018 stammen. Dabei stellten sich diverse Gruppierungen mit ihren Interessen und Aufgaben vor, die alle aufgrund eines gemeinsamen Ziels zusammen gekommen waren: "Gute Nachbarschaft". Außerdem ging in die Vignette eine fragenbogengestützte Erhebung zu den Bedarfen und Angeboten der beiden Netzwerke mit ein (vgl. Adolph & Roth, 2013). Eine kritische Diskussion über die Qualität dieser qualitativen Vignetten muss an dieser Stelle ausbleiben.

In der Gruppendiskussionsphase, die an die Präsentation anschloss, wurden die Daten über Hintergrundfolie und Netzwerke mit zwei Zielen miteinander diskutiert. Zum einen musste eine Auswahl an Stellvertretern getroffen werden, zum anderen galt es eine Einigung über zwei verschiedene Wertachsen für das räumliche Modell zu erzielen. Überraschenderweise generierten jedoch die Diskussionen zunächst weitere Daten oder entrissen sie der Erinnerung. Im Gespräch wurde das visuell Präsentierte vertieft, Rückfragen wurden möglich und es wurden gegenseitig Assoziations- und Identifikationshilfen geschaffen. Diese dienten teilweise auch als Assoziationshilfen für die beiden Workshopleitenden und riefen bei den beiden weitere Erinnerungen hervor, die in das Gespräch eingebracht werden konnten. Damit wurde die emergente Kraft der Gruppendiskussion genutzt, aber zugleich auch Bedeutungen der beiden Netzwerke interpretativ ausgehandelt, was zu "kollektiven Orientierungsmustern" (Bohnsack, 2003, S. 371) führte. So ging nicht zuletzt in die Vignetten auch Wissen aus der zweieinhalbjährigen Feldpraxis mit ein und ebenso länger zurückliegendes Wissen, an das sich wieder erinnert wurde, konnte mit einbezogen werden.

Eine Auswahl an Stellvertreter*innen wurde aufgrund zweier Dimensionen getroffen und begründet. Zunächst aufgrund der Qualität der Beiträge der Teilnehmenden in der Gruppendiskussion. Dabei galten für die Workshopleitenden zwei Auswahlkriterien: Je stärker ihre Resonanzen und ihre Identifikation mit ähnlichen Netzwerken, desto wahrscheinlicher ihre Auswahl als Stellvertreter. Eindeutiger noch ist das Kriterium des individuellen Erfahrungshintergrundes, der im Rahmen einer kurzen Vorstellungsrunde thematisiert wurde. Die acht Teilnehmenden wurden dazu aufgefordert, sich und ihre berufliche Herkunft kurz vorzustellen und dabei auf eigene Erfahrungshintergründe mit ähnlichen Vorhaben, Projekten und Netzwerken zu reflektieren. Dabei zeigte sich, wer sich gut und wer sich weniger gut in die vorgestellten und diskutierten Vignetten hineindenken und einfühlen konnte. Denn die Stellvertretenden sollten sich stellvertretend innerhalb eines zweidimensionalen, räumlichen Modells platzieren und ein lebendiges Netzwerk repräsentieren.

"Auf die Fallvignetten übertragen, erhalten die Befragten in dieser Methode eine Bühne, auf der sie als Regisseur agieren und eine soziale Situation selbst ausgestalten können. Dabei wird nicht von der Willkürlichkeit dieser Konstruktion ausgegangen, sondern davon, dass sie von eigenen Erfahrungen, Erlebnissen und Empfindungen abhängig ist." (Stiehler et al., 2012)


Eine Gefahr bei der Auswahl von Personen, die sich besonders gut in die Fallvignetten einfühlen und hineindenken können, besteht darin, mit eigenen Erfahrungshintergründen die Fallvignetten zu überblenden als eine Art "Überidentifikation mit der Rolle". Als Kontrollorgan und zugleich Korrektiv fungierten dabei in erster Linie die fortgesetzte Diskussion zwischen allen Workshop-Teilnehmenden und in zweiter Linie die Moderation der systemischen Strukturaufstellung.

Die Einigung über Dimensionen des Modells, also Einigung über quere und diametral entge-gengesetzte Wertachsen, erforderte eine weitere Gruppendiskussion. Von der Workshopleitung angedacht und als Ausgangsposition in die Gruppendiskussion eingebracht wurden die folgenden vier, einander wenigstens teilweise widersprechenden Werteinstellungen: "Transparenz - Intransparenz" und "Partizipation - Exklusion". Diese Wertskalen haben den Vorteil, dass sie innerhalb eines Raumes zwischen einander diametral entgegengesetzten Wertachsen aufspannen und zumindest teilweise, in einem nicht näher bestimmten Verhältnis, quer zueinander stehen. Sie entstammen den spieltheoretischen Ausführungen von Robert Axelrod über die Evolution von Kooperation (vgl. Axelrod, 2009). Die Teilnehmenden lehnten diese Wertskalen ab und begannen einen Diskurs über die Frage, wie die Achsen alternativ beschriftet werden sollten. Gemeinsam entschied die Workshop-Gruppe sich aufgrund einiger guter und sinnvoller Gründe für folgende Anordnung und Bedeutung der Wert-Skalen: X-Achse: Zweckorientierung - Soziale Orientierung, y-Achse: Distanz - Nähe (vgl. Abbildung 1).


Abbildung 1: Beide Achsen mit Bezeichnungen der Quadranten

Während der Aufstellung hat die Moderation vordringlich drei Aufgaben:

  1. Zunächst soll sie in allparteilicher Art und Weise das Gespräch mit den Repräsentant*innen führen. Dabei gilt es zu spiegeln und zu loopen, also das gegenseitige Spiegeln durch kurze Paraphrasen anzuregen und zusammenzufassen, so dass das Verständnis bei allen Beteiligten befördert wird. Es soll ersichtlich werden, wie die Repräsentant*innen ihre eigene Welt jeweils konstruieren.
  2. Die Moderation soll die Gruppendiskussion moderieren. Dazu gehört es auch, abstrus erscheinende Beiträge nicht einfach abzuwürgen, sondern wertzuschätzen, sie mit in die Diskussion einzubinden, so dass ein gemeinsamer Gruppenprozess gelingen kann.
  3. Die schwierigste Aufgabe besteht wohl darin, die Gruppendiskussion mithilfe von Fragen an die Repräsentant*innen zu vermitteln. Die Vermittlung soll fragend geschehen, so dass bestenfalls ein Vorangehen der Repräsentant*innen in Richtung des Win-Win-Quadranten möglich wird.


Während die Rolle der Moderation darin besteht, allparteilich Personen und ihre Sichtweisen wertzuschätzen und jede Bewertung zu vermeiden, hat die Moderation, wie bereits oben angeklungen, auch als Kontrollorgan und Korrektiv zu fungieren. Während Ersteres Offenheit beim Positionsbeziehen ermöglichen soll, kann die Moderation und die Gruppendiskussion zugleich auch eine soziale (oder eben fachliche) Erwünschtheit begünstigen. Solche erwünschte und erwartete Aktionen - ganz im Sinne der selbsterfüllenden Prophezeiung - konnten möglicherweise nicht ausgeschlossen werden. Dennoch bestand zu jeder Zeit des Aufstellungsprozesses ein Konsens über das erforderliche Vorgehen (oder: das Drehbuch), so dass zumindest eine gruppeninterne Minimalvariante der Regieanweisungen und damit der Wirklichkeitskonstruktion erhoben werden konnte (vgl. Stiehler et al., 2012).

Das hier verwandte Sozialraumverständnis ist weit entfernt von dem Verständnis des Containerraums, wie es sich insbesondere Verwaltungen oder Handelsvertretungen zeigt, z.B. durch die Einteilung in Wahlbezirke oder Gebietsbegrenzungen. Wir definieren Sozialraum hier als dasjenige, was durch soziale Beziehungen entsteht, besteht und vergeht und dabei von objektiv-materiellen Gegebenheiten und Interessen so sehr mitgeprägt ist, wie es auch gleichzeitig ideell und wertmäßig überformt ist. Einen Eindruck davon liefern beispielsweise die Fall-Vignetten, die vor dem Hintergrund objektiver Daten, aber auch vorhandener Erfahrungen, Erlebnisse und Empfindungen, subjektiv vorhandene sozialräumliche Wahrnehmungs- und Handlungsschemata entstanden sind (vgl. Stiehler et al., 2012). Sozialraum ist daher ein mehrdimensionales und dialektisches Abstraktum, das immer im Hintergrund mitschwingt. Es findet also nicht als kalte Gebietsabgrenzung ökonomisch-bürokratischer Strateg*innen statt, sondern als fortwährende Vermittlung essenziell widersprüchlicher Praxen wie etwa bei den "feinen Unterschieden" (vgl. Bourdieu, 1982).

Rekonstruktion des Workshopverlaufs

Phase 1: Ankommen und sich einfühlen

Die Repräsentant*innen für Nachbarschaftsbörse und Nachbarnetz werden zunächst gebeten, sich gemäß ihrer Intuition auf der Achse von +100 "Soziales" bis -100 "Zweckorientierung" zu positionieren. Dadurch ergibt sich das folgende Ausgangsbild mit deutlichen Unterschieden zwischen den beiden Repräsentant*innen. Die Nachbarschaftsbörse steht bei -30, orientiert sich also in Entfernung von -70 Punkten vom äußeren Endpunkt der Skala "Zweckorientierung". Das Nachbarnetz positioniert sich hingegen deutlich entgegengesetzt auf +50, also nur +50 Punkte zum Endpol "Soziales" (vgl. Abbildung 2).


Abbildung 2: Eindimensionles Skalieren zwischen Sozialer- und Zweckorientierung

Nachdem beide Repräsentant*innen sich an ihrer jeweilige Position gefunden haben und sich an dieser Stelle eingefühlt haben, fragt die Moderation nach ihrem momentanen Empfinden und ihrer Verortung im Raum: "Wie fühlst Du Dich?", "Wie geht es Dir an Deiner Position?", "Warum stehst Du dort, wo du stehst?" Mit diesen interessierten Nachfragen gibt die Moderation den beiden Repräsentant*innen mehrere Gelegenheiten, sich noch stärker in die eigene Position einzufinden. Außerdem gewinnen alle Beteiligten einen Eindruck davon, was gut läuft und was nicht verändert, sondern wertgeschätzt werden soll. Sparrer gewinnt mithilfe dieser Fragen das zentrale Motiv und Anliegen jeder Aufstellung (vgl. Sparrer, 2007, S. 13). Die zweite, mediierende Fragerunde zielt auf ein vertieftes Verständnis beim Gegenüber: "Was trennt Dich noch von den beiden Endpolen der Skala?" Exemplarisch ist das Verständnis der Teilnehmenden und der Stellvertreter*in des Nachbarnetzes dokumentiert:

 

Nachbarnetz: Zur +100 Soziale Orientierung auf der x-Achse trennt das Nachbarnetz die definierten Zwecke, zu denen neben der Selbstsorge und Selbsthilfe auch die öffentlichkeitswirksamen Tätigkeiten gehören.

Gruppendiskussion: Alle Teilnehmenden nehmen an, dass das Nachbarnetz auf der x-Achse mehr Richtung Zweck rücken würde, wenn mehr Unterstützungsbedarf beim Einzelnen entstünde.


Schließlich leitet die Moderation zur Frage nach dem Verhältnis zum Gegenüber ein. "Wie ist Deine Beziehung zu Deinem Gegenüber?", "Kannst Du die Position Deines Gegenübers nachvollziehen?" Exemplarisch ist das Verständnis der Teilnehmenden von der Weltsicht der Nachbarschaftsbörse dokumentiert.

Gruppendiskussion: Die Nachbarschaftsbörse wird eher individualistisch anonym aufgefasst, da sie auf der Tauschebene bleibt. Die Börse verhält sich in der Wahrnehmung der Teilnehmenden eher in Distanz zum Netz, weil dieses als "missionarisch" aufgefasst wird.


Zu Beginn dieser ersten Phase beschränkt die Moderation ihre methodische Tätigkeit aufs Loopen, Spiegeln und kurze Zusammenfassungen. Das Gruppengespräch zu Beginn dieser Phase wird zugelassen und sogar befördert. Dabei zeigt sich bereits jetzt ein Konflikt mit der Selbstwahrnehmung der Repräsentant*innen. Diese Divergenzen verschärfen sich noch, als in der Phase 2 die Fragen der Moderation auf gegenseitiges Verständnis abzielen. "Was brauchst Du um 'voran'zurücken? Was hindert Deine Positionsänderung? Was verändert sich für Dich gegebenenfalls? Welche Gewinne oder Verluste ergäben sich durch mehr Soziales bzw. mehr Zweckorientierung?" Im folgenden Prozess könnte es sowohl um grundlegende interkulturelle Unterschiede zwischen beiden Gruppierungen, aber auch Konkordanzen gehen (vgl. Mall, 1995). Dabei ist anzumerken, dass in der Verwendung des Wortes "Nachbarschaft" eine wesentliche Überlappung besteht, den Begriffsinhalt prägen im -netz und in der -börse jedoch unterschiedliche Ideen, Erfahrungen und entsprechend auch unterschiedliche Zukunftsvisionen.

Phase 2: Auf gegenseitiges Verständnis abzielen

Die Repräsentant*innen von Nachbarschaftsbörse und Nachbarnetz werden nun gebeten, sich ihrem Gefühl nach auf dem Kontinuum der y-Achse zwischen Distanz und Nähe zu positionieren.


Abbildung 3: Nachbarnetz und Nachbarschaftsbörse in der Ausgangsposition

Auf die interessierte Nachfrage der Moderation hin, "Was trennt das Nachbarnetz von der Nachbarschaftsbörse?", äußert der Stellvertreter des Nachbarnetzes, ihn distanziere die Empfindung, dass die Nachbarschaftsbörse im Quartier etwas dem eigenen "Produkt" sehr Ähnliches anbiete, aber dass das Tauschen an sich dabei auf einer "anderen Ebene" stattfindet. Eine Teilnehmende schildert ihre Beobachtung: "Das Netz wirkt etabliert. Es stehe im Raum und warte darauf, dass jemand auf es zukommt ('wir sind hier und warten') mit der Freiheit abzuwarten, was dann passieren würde." Die Börse antwortet: "Sie sieht sich in einer Konkurrenzsituation und schaut gewissermaßen 'neidisch' auf das Netz, da es bereits seit einem längeren Zeitraum existiert und im sozialräumlichen Kontext bereits mehr Erfahrungen gesammelt hat." Diese beiden Positionen, die auf ein vertieftes Interesse zielen, könnten sich mit den realen Vertreter*innen beider Netzwerke in hermeneutischen Tiefeninterviews durchaus vertiefen lassen. Sie antworten dann auf Fragen, die für alle Beteiligten des Nachbarnetzes und der Nachbarschaftsbörse spannend sind und die sie durchaus voneinander wissen wollen. Im Workshop hingegen, unter Einbezug aller Teilnehmenden standen Infos im Vordergrund, die hilfreich für den Integrationsprozess sind. Anstatt also nach den Positionen zu forschen, wurden diese Unterschiede gewürdigt, um in der anschließenden dritten Phase die wahrgenommenen Interessen der Stellvertretenden zu erfragen.

Phase 3: Bewegung ins Modell bringen und Interessensausgleich

Zu Beginn der Phase 3 bringt die Moderation das aus den Vignetten stammende und im Workshoptitel postulierte Interesse der beiden Netzwerkakteure fragend ins Spiel: "Wie können sich die beiden Netzwerkakteure einander möglichst im Win-win-Quadranten annähern?" Auf diese Frage generiert der Workshop zwei verschiedene Antworten:

  1. In der Gruppendiskussion wird angenommen, dass eine Annäherung nur dann geschehen kann, wenn sich die Börse dem Netz öffnet. Dazu wird es als notwendig erachtet, dass die Börse im Quartier Vertrauen aufbaut, um Bürger*innen für die eigenen Anliegen zu erreichen. Die angesprochene Idee einer "Kreditvergabe" untereinander in Form von erbrachter Zeit, die zu einem späteren Zeitpunkt "abgerufen" werden kann, stößt bei den Teilnehmenden auf den größten Anklang. Die dadurch resultierende Vertrauensförderung wäre ein wichtiger Schritt, um die Selbstorganisation der Beteiligten zu stärken und kann als Potenzialsteigerung angesehen werden. Danach gefragt und mit zusätzlichem Vertrauen ausgestattet, bewegt sich die Stellvertretung der Nachbarschaftsbörse tatsächlich in Richtung Nähe wie es in der Abbildung 4 angegeben ist und damit auf einer Dimension in die Richtung des Win-win-Quadranten.
  2. Es wird auch darüber nachgedacht, was es bewirken könnte, wenn die Initiativen füreinander Werbung machen würden. Grundsätzlich unstrittig ist der Vorteil, den die Nachbarschaftsbörse davon hätte. Sie könnte noch mehr hilfsbereite Mitglieder gewinnen und die Öffentlichkeitsarbeit über die informellen Netzwerke des Nachbarnetzes verbessern. Das Nachbarnetz könnte langfristig davon profitieren, da die alternden Mitglieder des Netzes mit zunehmendem Alter ggf. auf mehr Hilfe angewiesen sind. Die steigende Nachfrage kann durch die Mitglieder des sich im geschlossenen Kreis bewegenden Nachbarnetzes nicht adäquat beantwortet werden. Möglicherweise wäre für das Nachbarnetz daher auch der Kontakt mit professionellen Dienstleistern sinnvoll. In jedem Fall jedoch kann die Frage positiv beantwortet werden, ob beide Initiativen langfristig nicht doch von einer Annäherung aneinander profitieren würden, auch dann, wenn das Nachbarnetz weder eine Blockade durch die Nachbarschaftsbörse wahrnimmt noch sich in einer Konkurrenzsituation gegenüber der fast gänzlich anonymen Nachbarschaftsbörse sieht. Allerdings äußert die Stellvertretung des Nachbarnetzes Bedenken und Ängste dahingehend, dass eine mögliche Annäherung mit der Angst eines Identitätsverlustes einhergehe. Sie empfinde die Unterschiede zwischen Netz und Börse - nicht nur aufgrund der Anonymität der Börse - als zu groß und unüberbrückbar. Das Netz würde bei Annäherung an die Börse ein gutes Stück der eigenen Identität einbüßen und das eigene Profil möglicherweise aus den Augen verlieren.


Die Teilnehmenden konterkarieren zur Überraschung der Workshopleitenden das aus den Vignetten stammende und im Workshoptitel postulierte Interesse der beiden Netzwerkakteure: "beiderseitige Integration". Anstelle die Frage zu bearbeiten, wie sich Netz und Börse annähern könnten - die sich im Modell weit voneinander positioniert haben - wird im Plenum die Frage bearbeitet: "Welchen Zugewinn hätten die Initiativen von einer gegenseitigen Annäherung?" Aus dieser radikalen Infragestellung entspringen verschiedene Anregungen jeweils für Nachbarschaftsbörse und für Nachbarnetz.

Nachbarschaftsbörse: Es wird angeregt, ob die Börse die eigene Position und Ausrichtung nicht grundsätzlich überdenken und zukünftig ein Kreditsystem, wie das Zeitbankmodell, nutzen könnte. Beim Zeitbankmodell wird eigene Zeit mit Leistungen eingebracht, angespart und kann einige Zeit später gegen fremde Leistungen "eingetauscht" werden. Dieses Modell ist eine der Initialideen, aus denen heraus sich das Nachbarnetz entwickelt hat.

Nachbarnetz: Eine weitere Anregung betrifft die Entwicklung einer Dokumentation der Aktivitäten des Nachbarnetzes, das zugleich eine Anleitung für Franchise-Organisationen ähnlich des Nachbarnetzes sein kann. Als die Moderation der Stellvertretung für das Nachbarnetz eine zweite, als "Dokumentation" bezeichnete Person beiseite stellt, bewegt sich das Paar tatsächlich tiefer in den Win-win-Quadranten hinein (vgl. Abbildung 4).


Abbildung 4: Modell mit Zukunftsperspektiven

In der Abschlussdiskussion im Plenum wird vor dem Hintergrund des "Kassensturzes" der Börse im Herbst die eher grundsätzliche Frage gestellt: "Ergibt es noch Sinn, Zeit und Energie in die Weiterentwicklung des Börsenkonzepts zu investieren?" Besonders fragwürdig erscheint dabei, ob noch genügend Potenzial in Bezug auf die Arbeit der Börse vorhanden wäre. Falls ja, empfinden die Beobachter eine Öffnung des Konzepts hin zu einem intergenerativen Ansatz als notwendig. So können auch die prognostizierten Veränderungen in den Stadtteilen (Waldsee: Verjüngung durch Zuzug junger Familien; Littenweiler: Zunahme der "jungen Alten") bearbeitet werden. Durch die intergenerationelle Öffnung der Börse würden sich zudem mehr Tauschmöglichkeiten eröffnen, da mehr jüngere Menschen angesprochen werden. Dies hätte einen Kompetenzgewinn und ein größeres Tauschspektrum zur Folge. Gegebenenfalls können auch innerhalb der Börse vorhandene Gruppen gestärkt werden, die zur Gemeinschaft beitragen (bspw. Kartenspiel- und Wandergruppen).


Abschließend zeigen sich alle Beteiligten besonders irritiert darüber, dass der Koordinationsstelle von höherer Ebene her die Hände gebunden seien, sie also kaum Impulse einbringen könnte, um zum Weiterbestehen der Börse beizutragen. Insofern die Koordination nur in eine (vorgegebene) Richtung agieren kann, werden die bürokratischen Strukturen und Autoritäten, die diese Richtung vorgeben, als besonders hinderlich empfunden. Sollte indes die Nachbarschaftsbörse aus irgendeinem Grund aufgelöst werden, würde sie den Teilnehmenden im Sozialraum auf jeden Fall fehlen und im Netzwerkrat schmerzlich vermisst werden.

Erkenntnisgewinne und Diskussion

Die einzelnen Prozesse und Phasen, die in diesem Workshop bei der Jahrestagung der GGFP e.V. durchlaufen und soeben nochmals rekapituliert wurden, haben den Teilnehmenden und Leitenden des Workshops eine Vielzahl von Erkenntnissen ermöglicht. Durch die begleitende Beobachtung des Workshop-Geschehens durch die beobachtenden Teilnehmer*innen konnten sowohl Handlungsbedarfe für die sozialräumliche Koordinationsstelle als auch für die beiden Netzwerke identifiziert werden. Erstens wurde deutlich, dass insbesondere die Nachbarschaftsbörse die eigene, zugrundeliegende Programmatik überdenken sollte. Die beobachtenden Teilnehmer*innen machten deutlich, dass eine Aufhebung der Anonymität der Nachbarschaftsbörse geboten sei, um sich den sozialräumlichen Bedarfen zu öffnen. Dies erfordert sicherlich ein Überdenken des eigenen Handlungskonzepts und der sozialräumlichen Vision bzw. Mission, die dieses Netzwerk in der Praxis verfolgt. Eine Öffnung hin zur Bürgerschaft im Freiburger Osten und Aufhebung der anonymen Strukturen könnte den intergenerationellen Ansatz fördern, der von den Workshopteilnehmenden angeregt wurde. Zweitens könnte aber auch das Nachbarnetz von einer Weitergabe des eigenen Fach- und Expertenwissens profitieren und weitere Vernetzungsmöglichkeiten in den Quartieren des Freiburger Ostens schaffen. Drittens wurde für das Praxisprojekt deutlich, dass weitere Forschungsbedarfe bestehen, um die Perspektiven der handelnden Personen zu evaluieren und vor dem hier vorliegenden Kontext zu reflektieren. Dies sollte mittels eines explorativen Vorgehens geschehen, um sehr offen die jeweiligen Bedarfe zu erheben.

Weiterhin konnte das Leitungsteam dem Workshopgeschehen durch die Aufteilung in eine Moderatoren- und eine Dokumentationsrolle gerecht werden. Die begleitende Moderation leitete hier die einzelnen Phasen ein und stellte, abhängig von der jeweiligen Phase, die bereits zuvor dargelegten Fragen an die Teilnehmenden, die zum Nachdenken angeregt wurden. Durch die begleitende Dokumentation konnten zeitgleich neue Perspektiven, Anregungen der Teilnehmenden, aber auch Fragen zum jeweiligen Hintergrund gesammelt werden. Im Nachgang des Workshops ermöglichte dies eine tiefergehende Reflexion der aufgenommenen Perspektiven und Anregungen.

Die angewandte Methodik wurde von den Workshopleitenden in dieser Art und Weise zum ersten Mal in der Praxis erprobt. Die Offenheit der Methodik für das Gruppengespräch hat von Beginn an dazu beigetragen, sich in die Logik beider Netzwerke und den beschriebenen sozialräumlichen Kontext hineinzudenken. Die Offenheit trug auch dazu bei, vereinzelte Blockaden bei den Teilnehmenden aufzulösen. Dies war etwa der Fall als es darum ging, sich gegenüber dem jeweilig anderen Netzwerk zu öffnen und potenzielle Kooperationen einzugehen. Durch ihr mannigfaltiges Backgroundwissen fiel es den Teilnehmenden zudem verhältnismäßig leicht, sich in die angedachten Rollen der beiden Netzwerke einzufinden. Dementsprechend konnten die einzelnen Phasen des Workshops recht reibungslos absolviert werden. An dieser Stelle ist fraglich, ob ein derartiges Vorgehen für einen vergleichbaren Workshop mit Teilnehmenden, die über weniger Fach- und Netzwerkwissen verfügen, denselben Erfolg erzielen könnte. Insofern sind der gewählten Methodik in der Praxis sicherlich Grenzen gesetzt, die bei einer erneuten Erprobung in der Workshoppraxis mitbedacht werden sollten. Folglich ist die beabsichtigte Übertragbarkeit des Vorgehens nicht eins zu eins gegeben. Vielmehr ist es notwendig, den beruflichen und fachspezifischen Hintergrund potenzieller Teilnehmer*innen mitzudenken und die daraus gewonnenen Erkenntnisse in solch eine Workshopplanung mit einfließen zu lassen.

Zusammenfassung und Empfehlungen

Die Erkenntnisse des Workshops eröffnen im Hinblick auf die sozialräumliche Praxis in den Quartieren des Freiburger Ostens verschiedene Blickwinkel, die mit den folgenden Empfehlungen für die Praxis beider Netzwerke zusammengefasst werden sollen:

Mediative Aufarbeitung des "Konflikts": Der Workshop hat verschiedene Konfliktlinien zwischen den beiden Netzwerktypen aufgezeigt. Gleichzeitig verfolgen beide Netzwerke ähnliche Ziele und möchten die Nachbarschaft stärken. Eine professionell begleitende Aufarbeitung dieser Konfliktlinien durch einen Mediator kann dabei helfen, die einzelnen, handelnden Personen wieder näher zusammenzubringen. Dies kommt letztlich allen Bürger*innen und der gesamten Nachbarschaft zugute, da die Netzwerktypen sodann nicht mehr konträr oder indifferent zueinander agieren.

Stadtteilbudget: Die Idee eines Stadtteilbudgets, über dessen Verwendungszwecke unterschiedliche, sozialräumliche Akteure gemeinsam in einem Gremium entscheiden, ist in der Praxis bereits vielfach erprobt, hat aber noch längst nicht alle städtischen und kommunalen Ebenen durchdrungen. Ein Stadtteilbudget würde in den vorliegenden Quartieren die niedrigschwelligen, nachbarschaftlichen Handlungsansätze erheblich stärken und die Handlungsspielräume der Nachbarschaftsbörse und des Nachbarnetzes sehr vergrößern. Gleichzeitig würde es dem "Netzwerkrat" als Metanetzwerk eine neue Relevanz verleihen und die Ideen der Verantwortungsgemeinschaft sehr viel stärker entsprechen als das bislang der Fall ist.

Kooperation zwischen Sozialarbeiter*innen: Die Netzwerke agieren mit unterschiedlichen Ressourcen und vor verschiedenartigen Trägerstrukturen. Die Nachbarschaftsbörse ist partiell professionell begleitet. Die "Koordinationsstelle Gelingendes Altern" hat hingegen mit beiden Netzwerken zu tun. Dennoch ist eine Kooperation zwischen der Koordinationsstelle und der partiellen Begleitung bisher kaum möglich. Hier sollte der Träger Kooperationsmöglichkeiten schaffen, die Kommunikationsstrukturen zwischen beiden Netzwerken zu verbessern.

Weiterentwicklung der Konzepte: Angesichts der prognostizierten Bevölkerungsentwicklung im Freiburger Osten sollte die Nachbarschaftsbörse, abhängig vom "Kassensturz" im Herbst, das eigene Konzept überdenken und die bisherig vorherrschende Anonymität aufheben, um darüber neue Unterstützer und Dienstleistungssuchende zu generieren.

Endnote

  1. Hierzu zählen beispielsweise Teilnahmen im Netzwerk-Rat, eine gemeinsame, öffentliche Veranstaltung im Begegnungszentrum sowie bilaterale Gespräche von Nachbarschaftsbörse und Nachbarnetz im BürgerRaum.

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Autoren

Tjard de Vries
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Forschungskoordinator an der Katholischen Hochschule Freiburg, Arbeits- und Forschungsgebiete: Altern in Sozialraum und Quartier, Bürgerschaftliches Engagement, Kommunale Beratung, sozialraumbezogene Koordination und Networking


Dr. Nils Adolph
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Promovierter Sozialphilosoph und Experte für gelingendes Alter(n), tätig bei DNA - https://www.dieneuenalten.org/wp/ und Sag es! geG - http://sages-eg.de/



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