1-2023
1-2021
1-2020
2-2019
1-2019
1-2018
1-2017
1-2016
2-2015
1-2015
2-2014
1-2014
1-2013
1-2012
1-2011
3-2010
2-2010
1-2010
2-2009
1-2009
2-2008
1-2008
1-2007


Sie befinden sich hier: Ausgaben » 1-2022 » fg-1-2022_03

 

Handlungsbefähigung im Verlauf – Befunde einer Längsschnittstudie zum Leben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen während und nach der stationären Heimunterbringung

Ulrike Mraß, Melike Pusti, Wolfgang Sierwald & Kathrin Weinhandl

[Forum Gemeindepsychologie, Jg. 27 (2022), Ausgabe 1]

Zusammenfassung

Seit mehr als zehn Jahren begleitet die SOS-Längsschnittstudie Kinder und Jugendliche in stationären Einrichtungen und untersucht deren Handlungsbefähigung während der stationären Unterbringungszeit sowie auch im Prozess der Verselbstständigung in ihr eigenständiges Leben. Die quantitative und qualitative Datenerfassung ermöglicht einen personenbezogenen Entwicklungsverlauf der jungen Menschen in SOS-Einrichtungen darzustellen. Demzufolge fokussiert sich der vorliegende Beitrag auf die Frage, wie sich die Handlungsbefähigung der jungen Menschen in einer längeren Zeitspanne entwickelt und welche Wirkfaktoren auf Bewältigung der herausfordernden Lebensumstände zu erkennen sind. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Handlungsbefähigung auf individueller Ebene während und nach ihrer Heimunterbringung einen differentiellen Veränderungsverlauf aufweist, aber auf der gesamten Ebene relativ stabil bleibt. Für das individuelle Entwicklungsmuster spielen die soziodemographischen Merkmale der Jugendlichen eine Rolle. Im Anschluss beleuchtet eine vertiefende Fallanalyse mithilfe der sechs Dimensionen der Handlungsbefähigung, was zu einem gelingenden Übergang in die selbständige Lebensgestaltung beiträgt.

 

Schüsselwörter: stationäre Jugendhilfe, Handlungsbefähigung, Übergang, Verselbstständigung

 

Summary

Handlungsbefähigung in progress – findings of a longitudinal study on adolescents and young adults during and after residential youth care

 

For more than ten years, the SOS longitudinal study has accompanied children and adolescents in SOS Children’s Villages in Germany. The goal of the study is to examine Handlungsbefähigung as a fundamental feeling of confidence and trust in life and one’s own possibilities as well as individual developmental processes which lead to an independent life. The quantitative and qualitative data collection makes it possible to examine individual developmental trajectories. This article focuses on the question of how young people’s Handlungsbefähigung develops over a long period of time and which factors help to cope with life challenges. The results show that Handlungsbefähigung can develop differently depending on sociodemografic characteristics at the individual level but remains stable at the average level. Considering the six dimensions of Handlungsbefähigung, an in-depth case analysis examines which factors contribute to a successful transition to independent living.

Keywords: Research Domain Criteria (RDoC), neurobiological psychiatric research, social and socio-economic conditions

 

Einleitung

Junge Menschen in der stationären Heimerziehung wachsen unter erschwerten Bedingungen auf. Es ist Aufgabe der Jugendhilfe und der Einrichtungen für sichere und stabile Lebensverhältnisse dieser besonders vulnerablen Gruppe zu sorgen. Neben den strukturellen Rahmenbedingungen ist es jedoch auch wichtig, die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten der jungen Menschen im Blick zu behalten. Dies gilt insbesondere in Hinblick auf den Übergang ins Erwachsenenalter. Denn gerade in der Phase der Verselbstständigung müssen sich die Heranwachsenden einer doppelten Herausforderung stellen und neben der Bewältigung kritischer Lebenserfahrung, auch die Herausforderungen eines selbstständigen Lebens meistern (Thomas, 2013). Dabei stellt der Übergang ins Erwachsenenleben selbst ein herausforderndes, zum Teil kritisches Lebensereignis dar, in dessen Phase es besonders wichtig ist über personale Ressourcen zu verfügen (Sierwald et al., 2017).

Eine zentrale Ressource für ein selbstständiges Leben ist das Konzept der Handlungsbefähigung (Straus, 2018; Sierwald & Straus, 2015). Die Handlungsbefähigung ist als personale, stabile und zugleich dynamische Metaressource zu verstehen, mit deren Hilfe Herausforderungen mit einem stabilen Gefühl der Zuversicht begegnet werden. Über viele Einzelkompetenzen hinaus hilft die Handlungsbefähigung jungen Menschen ihre Chancen zu erkennen, eigene Ressourcen zu nutzen und zuversichtlich in die Zukunft zu blicken (Sierwald & Straus, 2015; Straus, 2018; Höfer & Straus, 2017).

Besonders für Care-Leaver:innen ist es wichtig über diese zu verfügen, um ihr Leben nach der stationären Betreuung eigenbestimmt und selbstständig gestalten zu können, da sie zumeist vielfältige biografische Belastungserfahrungen mitbringen und ihnen häufig kein unterstützendes familiäres Netzwerk im Übergang zur Verfügung steht.

Im Kern des Handlungsbefähigungskonzepts stehen Widerstandstheorien aus der Entwicklungspsychologie (Werner, 1977, 2005), der Salutogenese (Antonovsky, 1997) und der Kognitionspsychologie (Bandura, 1977). Aus diesen drei Konzepten, wie auch aus Befunden der Netzwerk- und Identitätsforschung, wurde das Konzept der Handlungsbefähigung weiterentwickelt1. Hieraus entstand ein Erklärungsmodell für die Handlungsbefähigung einer Person, welches sechs Dimensionen beinhaltet (Höfer et al., 2017, S. 177).

 

Abbildung 1: Dimensionen der Handlungsbefähigung

In Deutschland findet die Situation von Care-Leaver:innen erst seit wenigen Jahren fachliche Aufmerksamkeit (Ehlke, 2013; Sievers, Thomas & Zeller, 2015). Wir wissen aus bisherigen Untersuchungen jedoch, dass die Handlungsbefähigung einerseits über die Phase des Übergangs hinweg stabile Anteile aufweist, dass aber die Beteiligung und die fachliche Begleitung sowie das damit verbundene Auszugserleben einen Einfluss auf die Handlungsbefähigung haben. Ein positiv erlebter Übergang, der geprägt ist von Unterstützung, Selbstbestimmung, Beteiligung und einer guten fachlichen Begleitung, geht auch mit einer positiven Entwicklung der Handlungsbefähigung einher (Klug & Sierwald, 2019). Jedoch erleben etwa die Hälfte der jungen Erwachsenen den Auszug als einen harten Einschnitt, gerade dann, wenn er mit dem Verlust von Beziehungen, dem Gefühl von Alleinsein, einer prekären finanziellen und beruflichen Situation und fehlender Unterstützung einhergeht (Sierwald et al., 2017). Wenn Care-Leaver:innen mit geringen personalen Ressourcen keine gute Begleitung erleben, kann der Übergang für sie zu einer kaum zu bewältigenden Herausforderung werden. In der Gruppe derjenigen, die den Auszug mit wenig positiven Erfahrungen verknüpfen, sich im Übergang nicht als selbstbestimmt wahrnehmen und kaum institutionelle Begleitung erleben, sinken auch die durchschnittlichen Handlungsbefähigungswerte im Verlauf des Übergangs (Klug & Sierwald, 2019).

In diesem Beitrag untersuchen wir, wie sich die Handlungsbefähigung junger Menschen über mehrere Jahre im Verlauf der Längsschnittstudie entwickelt aus zwei Perspektiven. Zum einen wirft die quantitative Analyse einen Blick auf den Übergang in die Selbstständigkeit und untersucht die Handlungsbefähigung als Gesamtkonzept2 über einen längeren Zeitraum vom Beginn der Verselbstständigung während der stationären Unterbringung über den Auszug der jungen Erwachsenen (Care-Leaver:innen) hinaus. Hier soll der Frage nachgegangen werden, ob sich über einen längeren Beobachtungszeitraum individuelle Entwicklungsverläufe zeigen. Zum anderen wird mithilfe einer detaillierten Fallanalyse der individuelle Verlauf der Handlungsbefähigung während der Phase der Verselbstständigung einer stationär betreuten Jugendlichen nachgezeichnet. Diese gibt einen vertiefenden Einblick in die Entwicklung der Handlungsbefähigung und erläutert mögliche Bedingensfaktoren für einen gelingenden Übergang. Hier wird über das Gesamtkonzept hinaus auch die sechsdimensionale Struktur der Handlungsbefähigung näher beleuchtet.

 

Hintergrund und Design der SOS-Längsschnittstudie

Die SOS-Längsschnittstudie zur Handlungsbefähigung junger Menschen auf dem Weg in die Eigenständigkeit untersucht das Aufwachsen von stationär betreuten Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen des SOS-Kinderdorfvereins. Im Zentrum der Studie steht die Frage, was diese jungen Menschen dazu befähigt Chancen zu erkennen, diese zu nutzen und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Wie gelingt es jungen Menschen unter schwierigen Voraussetzungen ein möglichst selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu führen? Welche Bedingungen und pädagogischen Maßnahmen tragen dazu bei, dass junge Menschen aus der Heimerziehung in ihrer Lebensbewältigung gestärkt und unterstützt werden und der Übergang in ein selbstständiges Leben gelingt? Die Entwicklung der individuellen Handlungsbefähigung stellt dabei den Schwerpunkt und gleichzeitig den theoretischen Rahmen der Studie dar.

Die Durchführung der Studie findet seit 2014 in Kooperation des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) und des Sozialpädagogischen Instituts des SOS-Kinderdorfvereins (SPI) statt. Das Design der SOS-Längsschnittstudie zur Handlungsbefähigung ermöglicht es, die jungen Menschen neben der Zeit der stationären Unterbringung auch in der Zeit des Übergangs in die Selbstständigkeit und auf ihrem weiteren Lebensweg als Care-Leaver:innen zu begleiten. Die Studie weist dabei mehrere methodische Besonderheiten auf. Zum einen wird eine Kombination quantitativer Befragungen und qualitativer Interviews, ein sogenanntes Mixed-Methods-Design, eingesetzt. Die Verknüpfung dieser beiden methodischen Verfahren erlaubt eine umfassende, mehrdimensionale Beantwortung der komplexen Forschungsfrage (Kuckartz, 2014). Zum anderen ist die Studie multiperspektivisch angelegt und bezieht neben der zentralen Perspektive der betreuten Jugendlichen auch die der pädagogischen Fachkräfte mit ein. Dies bedeutet, dass in einem Zweijahresrhythmus bundesweit alle in SOS-Einrichtungen stationär betreuten Jugendlichen ab einem Alter von 12 Jahren sowie ihre Bezugsbetreuungspersonen mittels standardisierter Fragebögen befragt werden. Mit einer Teilstichprobe werden qualitative, leitfadengestützte Interviews durchgeführt, die 2017 um die Netzwerkperspektive erweitert wurden. Eine weitere Besonderheit ist, dass die jungen Erwachsenen auch als Care-Leaver:innen weiterhin befragt werden. Da bei jeder Erhebung während der Betreuung auch die in der Zwischenzeit neuaufgenommenen Jugendlichen befragt werden und alle Ausgezogenen in die Care-Leaver:innen Stichprobe aufgenommen werden, handelt es sich um eine nachwachsende Stichprobe3. Mittlerweile liegen Daten von über 1.500 Betreuten und knapp 350 Care-Leaver:innen vor.

 

Entwicklung der Handlungsbefähigung im Längsschnitt – Einblick in quantitative Analysen

Wie eingangs beschrieben, wollen wir an dieser Stelle der Frage nachgehen, wie sich die Handlungsbefähigung von jungen Erwachsenen im Verlauf, angefangen von der Phase der Verselbstständigung über den Auszug bis hinein in die eigenständige Lebensführung, entwickelt. Das Paneldesign der Studie ermöglicht es, diese individuellen Entwicklungsprozesse der Handlungsbefähigung über einen längeren Zeitraum zu verfolgen. In diesem Beitrag wollen wir konkret untersuchen, wie sich die Handlungsbefähigung von jungen Erwachsenen über insgesamt vier Messzeitpunkte entwickelt, ob die beobachteten interindividuellen Unterschiede im Zeitverlauf stabil sind oder sich nachhaltige Veränderungen zeigen und ob sich Gruppen ausmachen lassen, die sich unterschiedlich entwickeln.

 

Methode und Stichprobe

Hierfür haben wir die Mittelwerte und die Korrelationen des Gesamtskalenwertes der Handlungsbefähigung über die letzten beiden Befragungen vor und die ersten beiden Befragungen nach dem Auszug zunächst in der Gesamtgruppe analysiert.

Aufgrund der verschiedenen Einstiegszeitpunkte und wegen Nichtteilnahme an Erhebungen liegen nicht von jedem/jeder Care-Leaver:in Daten zu allen vier Messzeitpunkten vor. Um die Stichproben dennoch möglichst gut auszunützen, wurden die Analysen sowohl über alle vier Messzeitpunkte berechnet (N=85), wie auch für die letzten beiden Messzeitpunkte vor dem Auszug mit dem ersten Messzeitpunkt nach dem Auszug und für den letzten Messzeitpunkt vor dem Auszug mit den ersten beiden Messzeitpunkten nach dem Auszug.

 

Abbildung 2: Stichprobengröße, Gesamtstichprobe N=354

Anschließend haben wir untersucht, ob sich Geschlechtsunterscheide zeigen, ob Gruppen aus unterschiedlichen Betreuungsformen, nach unterschiedlicher Betreuungsdauer oder in Abhängigkeit vom Einzugs- bzw. Auszugsalter in ihren individuellen Entwicklungsverläufen variieren4. Hierfür wurden Daten von Heranwachsenden verwendet, die an zwei Erhebungswellen vor und mindestens einer Erhebungswelle nach dem Auszug aus einer SOS-Einrichtung teilgenommen haben.

Insgesamt liegen uns Daten aus Befragungen von 354 Care-Leaver:innen vor. In der Stichprobe sind mehr weibliche (63%) als männliche Personen (36%) vertreten, die Option divers wurde von 1% gewählt. Bei den Betreuten ist das Verhältnis von männlichen und weiblichen Jugendlichen ausgeglichen. Das Eintrittsalter beträgt im Durchschnitt 10,3 Jahre, das Austrittsalter 17,8 Jahre, die mittlere Betreuungsdauer 7,5 Jahre. Während der Betreuungszeit lebte die Mehrheit in einer Kinderdorffamilie (41,9%), etwa ein Drittel in einer Wohngruppe (34,8%) und etwa ein Viertel in einer Jugendeinrichtung (23,3%). Diese Unterbringungsformen unterschieden sich deutlich im Eintrittsalter, relativ wenig im Austrittsalter und deshalb auch sehr deutlich in der Betreuungsdauer (siehe Tabelle 1):

 

Tabelle 1: Alter im Mittel nach Einrichtungsformen.

Das Alter zum Zeitpunkt der Erhebung steigt von 15,4 Jahre bei der ersten bis auf 22,3 Jahren bei der vierten Befragung.

 

Ergebnisse

Insgesamt zeigen die Befunde, dass sich die befragten Jugendlichen stark in ihren Werten der Handlungsbefähigung unterscheiden. Auf einer Skala von 0 bis 100 liegt der Wertebereich zu allen Messzeitpunkten zwischen 14 und 99, die Mittelwerte liegen zwischen 60 bis 63, dabei beträgt die Streuung jeweils etwa 15 Skalenpunkte5. Diese starke Streuung wird auch in den signifikant unterschiedlichen Ausgangswerten6 der Handlungsbefähigung in den Verlaufsanalysen der verschiedenen Modelle deutlich.

Betrachtet man die Handlungsbefähigungswerte über die einzelnen Messzeitpunkte im Verlauf über die Zeit, sind die Werte insgesamt recht stabil. In der Analyse der Gesamtgruppe lässt sich zwar ein leichter Anstieg über die ersten drei Messzeitpunkte und ein Abfall zum vierten Messzeitpunkt hin beobachten, allerdings ist diese Entwicklung mit etwa einem Skalenpunkt sehr gering und in den meisten Modellen statistisch nicht signifikant.

Diese Stabilität der Gesamtwerte in der Gesamtgruppe bestätigt auch die Analyse der Korrelationen über die vier Messzeitpunkte. Diese Korrelationswerte sind auch bei einem Zeitabstand von bis zu sechs Jahren recht stark und liegen überwiegend zwischen 0,50 und 0,60. Die Wahrscheinlichkeit, dass Personen mit niedrigen Ausgangswerten auch nach einem langen Beoachtungszeitraum eher niedrigere Handlungsbefähigungswerte aufweisen bzw. Personen mit hohen Werten eher im oberen Bereich bleiben, ist relativ hoch. Die große Streuung der Ausgangswerte führt dazu, dass es zwar durchaus relevante Veränderungen in den individuellen Werten gibt, diese jedoch im Vergleich zur Gesamtstreuung der Werte überwiegend gering ausfallen. Noch höher ist die Korrelation zwischen den beiden Messzeitpunkten nach dem Auszug mit 0,72. Unabhängig von den Ausgangswerten vor dem Auszug gibt es im Übergang Veränderungen der Handlungsbefähigung, die sich in den folgenden zwei Jahren stabilisieren. Frühere Analysen haben gezeigt, dass für die Veränderung im Übergang die fachliche Begleitung verantwortlich sein könnte (Klug & Sierwald, 2019). Der Zusammenhang zwischen dem letzten Zeitpunkt vor und dem zweiten nach dem Auszug fällt geringer aus (r=0,35). Bei Personen, die kurz vor dem Auszug verglichen zu ihren anderen Werten relativ hohe oder nierige Werte ausweisen, wird diese Veränderung also langfristig eher wieder zurückgeführt.

Neben der Gesamtbetrachtung wollen wir auch der Frage nachgehen, ob sich die Handlungsbefähigungwerte auf individueller Ebene unterschiedlich entwickeln und haben untersucht, ob es Unterschiede zwischen bestimmten Personengruppen gibt. Dafür wurden in einer differenzierteren Analyse zeitstabile, von der Handlungsbefähigung unabhängige Prädiktoren (wie Geschlecht, Eintrittsalter, Austrittsalter, Betreuungsdauer und Betreuungsform) analysiert, die möglicherweise erklären können, warum sich Jugendliche in ihren Ausgangswerten und/oder ihrer individuellen Entwicklung über die Zeit unterscheiden.

Die Ergebnisse zeigen eine unterschiedliche Entwicklung der Handlungsbefähigungswerte bei den Geschlechtern7: Beim vorletzten Erhebungszeitpunkt vor Auszug haben Jungen eine deutlich höhere Handlungsbefähigung als Mädchen. Dieser Abstand verringert sich bei der letzten Erhebung vor dem Auszug und verschwindet bei der ersten Erhebung nach dem Auszug. Die Jungen haben über die Zeit ihre Werte deutlich verringert, die Mädchen haben ihre Werte erhöht.

Auch das Alter, zu dem die Jugendlichen die Einrichtung verlassen, hat einen Einfluss darauf, wie sich die Handlungsbefähigungswerte im Übergang und nach dem Auszug entwickeln8. Die Ergebnisse zeigen, dass je später Jugendliche die Einrichtung verlassen, desto höher sind ihre Handlungsbefähigungswerte zum Zeitpunkt vor dem Auszug aus der SOS-Einrichtung. Im Verlauf sinken diese jedoch leicht ab, je älter die Jugendlichen zum Zeitpunkt des Auszuges sind. In Bezug auf die Einrichtungsform haben Jugendliche aus Jugendeinrichtungen eher eine niedrigere Handlungsbefähigung als Jugendliche, die in Wohngruppen in Kinderdörfern oder in Kinderdorffamilien wohnen.

Insgesamt können wir also festhalten, dass die Jugendlichen sich in ihren anfänglichen Handlungsbefähigungswerten unterscheiden und auch in den individuellen Entwicklungsverläufen über die Zeit Unterschiede auszumachen sind. Diese sind als relativ gering einzustufen, können aber individuell dennoch von Bedeutung sein. Damit erweist sich die Handlungsbefähigung auch auf der interindividuellen Ebene als weitgehend stabil. Dieses Ergebnis war zu Beginn so nicht erwartet worden und scheint dem veränderungsorientierten Ansatz der Studie entgegenzustehen. Allerdings lassen sich in den Auswertungen der qualitativen Teilstudie durchaus Prädiktoren für die Veränderung der Handlungsbefähigung identifizieren. Auch das Ergebnis, dass Veränderungen, die im Übergang aus der Heimerziehung zu beobachten sind, sich in der Zeit nach dem Auszug stabilisieren, und die wir mit Beteiligung und fachlicher Begleitung in Verbindung bringen können, zeigen, dass gezieltes fachliches Handeln die Handlungsbefähigung stärken kann.

 

Entwicklung der Handlungsbefähigung im Längsschnitt – Eine Fallanalyse

Im Folgenden wird die Entwicklung der Handlungsbefähigung anhand ihrer Dimensionen in einer detaillierteren Fallanalyse näher betrachtet.9

„Sophie“ gehört zu den stationär betreuten Jugendlichen, die bereits mehrfach an den quantitativen und qualitativen Befragungen der SOS-Längsschnittstudie teilgenommen haben. Mittels dieser Fallbeschreibung soll exemplarisch die Entwicklung einer Jugendlichen in der Zeit während der stationären Unterbringung und des Übergangs in die Eigenständigkeit nachgezeichnet sowie der Verlauf der Handlungsbefähigung und ihrer Dimensionen über sechs Jahre hinweg dargestellt werden.

Bei der ersten schriftlichen Befragung war Sophie 12 Jahre alt und lebte bereits seit ihrem 9. Lebensjahr in der Wohngruppe eines SOS-Kinderdorfs. Als Begründung für die Langzeitunterbringung des Mädchens und ihrer Geschwister bei SOS-Kinderdorf wurden Vernachlässigung und Kindeswohlgefährdung angegeben.

Tabelle 2 zeigt, dass Sophies Handlungsbefähigungswert zum ersten Befragungszeitpunkt (t1) im mittleren Bereich (M)10 lag. Zwei Jahre später stieg der Wert zwar nur leicht an, befand sich damit allerdings nun im oberen Bereich (O) – sie hatte also im Vergleich zu den anderen Jugendlichen der Stichprobe einen überdurchschnittlichen Handlungsbefähigungswert. Zum dritten Befragungszeitpunkt (t3) erreichte der Handlungsbefähigungswert nach einem größeren Rückgang den Tiefpunkt, lag allerdings immer noch im mittleren Bereich. In der vorerst letzten Befragung von Sophie kam es zu einem beträchtlichen Anstieg des Handlungsbefähigungswerts, der wieder im oberen Bereich angesiedelt war.

 

Tabelle 2: Fall Sophie – Entwicklung des Handlungsbefähigungswerts11

Betrachtet man die einzelnen Dimensionen der Handlungsbefähigung, wird ersichtlich, dass sich die Werteschwankungen hier in unterschiedlichem Ausmaß abbilden. Im Folgenden wird auf die Veränderungen der einzelnen Dimensionen eingegangen.

 

Tabelle 3: Fall Sophie – Entwicklung der Dimensionen der Handlungsbefähigung

Zugehörigkeit: Die Dimension der Zugehörigkeit beschreibt das Gefühl der Zuversicht, dass man Teil eines tragfähigen sozialen Netzwerks ist und es in diesem Menschen gibt, die einen nicht enttäuschen und bei denen man sich Hilfe holen kann.

Die Dimension der Zugehörigkeit ist besonders hervorzuheben, da bei diesem Wert, im Vergleich zu den anderen Handlungsbefähigungsdimensionen, eine diametrale Entwicklung vorliegt und zum letzten Befragungszeitpunkt im unteren Bereich (U) lag.

Das Herkunftssystem von Sophie wurde sowohl von ihr selbst als auch von ihren Bezugsbetreuungspersonen als instabil beschrieben, mit Ausnahme ihrer Tante, die für sie auch während der stationären Unterbringung eine stabile wichtige Bezugs- und Vertrauensperson war. Sophies Zugehörigkeitsgefühl veränderte sich im Verlauf der Heimunterbringung. Zum ersten Befragungszeitpunkt gelang es der damals 12-Jährigen noch eine doppelte Zugehörigkeit herzustellen. Das bedeutet, dass sie sich sowohl in der Herkunftsfamilie als auch der Wohngruppe zuhause fühlte (Mraß & Weinhandl, 2019, S. 175 f.). In den beiden darauffolgenden Erhebungen stellte für Sophie dann überwiegend die Wohngruppe ihr Zuhause dar. Sie grenzte sich von ihrer Herkunftsfamilie, insbesondere ihrer idealisierten Mutter, ab, schränkte den Kontakt zu ihr immer mehr ein und verwarf ihre Pläne in die Herkunftsfamilie zurückzukehren.

In der Phase des Übergangs in die Eigenständigkeit zeigte Sophie schließlich nur noch eine schwache Zugehörigkeit zur Wohngruppe und Herkunftsfamilie. Dies kann mit dem Ablöseprozess der jungen Erwachsenen begründet werden und zeigte sich auch in der Analyse der Netzwerkkarten (Straus, 2010), die zur Visualisierung der sozialen Beziehungen im Rahmen der Interviews mit Sophie erstellt wurden. Im Vergleich zur ersten Netzwerkkartenerhebung reduzierte sich das Netzwerk bei der zweiten Erstellung deutlich. Die nun 18-jährige Sophie, die kurz vor dem Auszug aus der Wohngruppe stand, nannte zum einen weniger Bereiche. Zum anderen wurde auch ersichtlich, dass erheblich weniger Personen im Netzwerk vertreten waren.

Die Verkleinerung ihres Netzwerkes kann damit begründet werden, dass im Übergang bestimmte Bereiche, wie beispielsweise Schule, wegfallen und die Personen im Bereich Wohngruppe einen verringerten Stellenwert einnehmen. Die 18-Jährige sagte diesbezüglich im Interview: „Also ich bin froh, wenn ich hier raus bin. Und ich mein, ich bin die Älteste hier, mit den ganzen kleinen Kindern kann ich sowieso nichts mehr anfangen.“

Die diametrale Entwicklung der Zugehörigkeitsdimension lässt sich zum einen mit dem konfliktbesetzten Ablöseprozess von ihrer Herkunftsfamilie und dem sich verringernden Stellenwert der Wohngruppe bzw. ihrer Betreuungspersonen und Mitbewohnenden erklären. Die anfänglich doppelte Zugehörigkeit konnte nicht wiedererlangt werden und entwickelte sich im Übergang zur Selbständigkeit in eine schwache Zugehörigkeit. Es gibt durchaus Hinweise dafür, dass die junge Frau die Fähigkeit besitzt Beziehungen auch über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten (bspw. zu einer Freundin und zu ihrer Tante). Dennoch ist vor allem der Übergang in die Selbstständigkeit ein kritischer Zeitpunkt, an dem die Tragfähigkeit des Netzwerkes der jungen Erwachsenen von besonderer Bedeutung ist (Riedl, 2021). Die Entwicklung des Netzwerks von Sophie gilt es daher auch nach dem Auszug weiter zu beobachten.

 

Handhabbarkeit: Bei der Dimension der Handhabbarkeit geht es um die Zuversicht, dass man zum einen über Ressourcen verfügt, die einen in die Lage versetzen Dinge aktiv beeinflussen zu können und Probleme auch aus eigener Kraft zu meistern. Zum anderen beinhaltet sie die Zuversicht eigene Ziele und Absichten verwirklichen und bei unerwarteten und schwierigen Problemen eine Lösung finden zu können.

Die Werte der Dimension Handhabbarkeit schwankten in den vier Erhebungszeitpunkten zwischen dem mittleren und dem oberen Bereich. Von ihrer Bezugsbetreuungsperson wurde die 12-jährige Sophie als Mädchen beschrieben, das einerseits Dinge gerne selbst in die Hand nimmt und das Bestreben hat Aufgaben möglichst gut zu erledigen, andererseits dafür aber auch viel Bestätigung suche. Sophie übernahm sehr früh in ihrem Leben Verantwortung für sich und andere. Diese Fähigkeit, auch in belastenden Situationen zielstrebig und lösungsorientiert zu handeln, entwickelte sie in der Zeit der stationären Unterbringung immer weiter. Insbesondere rund um den Zeitpunkt der dritten Befragung sah sich die Jugendliche mit enorm herausfordernden Ereignissen konfrontiert. Zum einen kam es zu einer konfliktbehafteten Auseinandersetzung mit ihrer Mutter und zum anderen bedeutete der plötzliche Tod einer Jugendlichen in ihrem nahen Umfeld einen gravierenden Einschnitt in Sophies Leben. Zu diesem Befragungszeitpunkt sank nicht nur der Handhabbarkeitswert, sondern auch der Handlungsbefähigungswert insgesamt ab, diese erholten sich aber bereits bei der darauffolgenden Erhebung zwei Jahre später und erreichten wieder das vorherige Niveau. Sophie verfügte auch in schwierigen Zeiten über die Ressource Probleme aktiv und aus eigener Kraft zu meistern. Zudem hatte sie den Rückhalt ihrer Betreuungs- und weiterer Bezugspersonen, insbesondere ihrer Tante, deren Hilfe sie trotz ihres Bestrebens nach selbstbestimmtem und eigenverantwortlichem Handeln gut annehmen konnte.

Zum Zeitpunkt des Interviews mit der 18-Jährigen schien sie die belastenden Ereignisse gut verarbeitet zu haben. Nun stand sie mit der Verselbstständigung vor einem weiteren wichtigen Entwicklungsschritt, dem sie sich mit viel Tatendrang entschlossen widmete. Betrachtet man das Erleben der Verselbstständigung und des Auszugs aus dem Kinderdorf näher, gehört Sophie zur Gruppe jener, die diesen Prozess als Normalität sehen (Sierwald et al., 2017; Kaiser, 2021). Die junge Erwachsene sagte im Interview dazu:

„(…) ich bin ja jetzt endlich erwachsen. (lacht) Ja, es dreht sich grade alles um Auszug und um die Ausbildung, also wirklich Zeit hat man nicht mehr so wie in der Schulzeit. Aber ich muss auch sagen, ich hab in den zwei Jahren mehr geschafft, als wir alle dachten, also sowohl die Betreuer als auch ich, worauf ich auch sehr stolz bin. Ja, und ich bin halt froh, jetzt endlich bald meinen Weg gehen zu können.“

Sophie steckte viel Kraft und Energie in die Wohnungssuche. Diese gestaltete sich auf einem ohnehin bereits angespannten Immobilienmarkt für sie, wie für viele junge Menschen in Fremdunterbringung, als äußerst schwierig und so nutzte die junge Erwachsene die Möglichkeit in ein Appartement im Kinderdorf zu ziehen. Das Verselbstständigungswohnen ist ein wichtiges Unterstützungsangebot auf dem Weg in die Eigenständigkeit, erlaubt es den jungen Menschen doch einen „sanfteren“ Übergang und eine Reduktion von Mehrfachbelastungen in dieser zentralen Phase des Erwachsenwerdens.

 

Sinnhaftigkeit: Die Dimension Sinnhaftigkeit beschreibt die Zuversicht, dass das Leben und auch das alltägliche Handeln sinnvoll im Sinne von lebenswert und nützlich ist und dass es konkrete Herausforderungen gibt, die es wert sind, Anstrengung und Engagement darauf zu verwenden.

Die Werte der Dimension Sinnhaftigkeit entwickelten sich wie jene der Dimension Handhabbarkeit; auch hier gibt es im Zeitverlauf Schwankungen zwischen dem mittleren und oberen Bereich. Den schulischen und beruflichen Bereich betreffend wies Sophie bereits in den ersten Erhebungen eine hohe Leistungsmotivation auf. Sie wurde von ihren Betreuungspersonen als ehrgeizig und zielstrebig beschrieben, wobei eine Betreuungsperson auch anmerkte, dass der Wunsch der damals 12-jährigen Hauptschülerin Abitur zu machen und Juristin zu werden eine deutliche Überschätzung der Jugendlichen darstellen würde. In den nachfolgenden quantitativen und qualitativen Erhebungen zeigte Sophie immer noch eine hohe Leistungsorientierung, korrigierte ihre Bildungsperspektive jedoch und wollte sich nicht mehr auf einen konkreten Weg festlegen. Trotz der geminderten Erwartungshaltung der Jugendlichen und ihrer Betreuungspersonen, erreichte Sophie einen Realschulabschluss und zählt somit zu den wenigen Bildungsaufsteigenden der Längsschnittstudie. Sophie machte früh die Erfahrung, dass sich Anstrengungen lohnen und bewertete vor allem schulische und berufliche Herausforderungen als sinnstiftend. Diese Einstellung und ihre ausgeprägte Eigenmotivation verhalfen ihr nicht nur zu einer positiven Bildungskarriere, sondern trugen auch maßgeblich dazu bei, dass sie bereits als 16-Jährige neben ihrer Schulausbildung einen Minijob in einer Arztpraxis annahm. Dies sind gute Voraussetzungen für einen gelingenden Übergang ins Erwachsenenleben. Die Erfahrungen im Nebenjob bestärkten die junge Erwachsene dann auch in ihrer Entscheidung eine Ausbildung im Gesundheitsbereich zu machen. Ihre Berufswahl begründete die damals 18-Jährige zum einen mit dem Wunsch Menschen helfen zu wollen und zum anderen mit den vielfältigen Weiterbildungs- und Karriereoptionen.

 

Verstehbarkeit: Die Dimension der Verstehbarkeit beinhaltet die Zuversicht, dass die Dinge, die einem zustoßen, strukturiert, erklärbar und verstehbar sind.

Die Werte dieser Dimension unterliegen bei Sophie größeren Schwankungen (siehe Tabelle 3). Um Herausforderungen gut bewältigen zu können, ist es besonders wichtig, relevante Ereignisse der eigenen Biografie als verstehbar wahrzunehmen. Neben Psychotherapie ist die Methode der Biografiearbeit eine Möglichkeit, um die Ressource Versehbarkeit bei stationär betreuten Kindern und Jugendlichen zu fördern (vgl. Hölzle & Jansen, 2010). Sophie begann bereits im Alter von elf Jahren eine psychotherapeutische Behandlung. Zum einen nahm sie die Therapie als hilfreiches Mittel wahr, um ihre Ängste zu bewältigen und fand in ihrer Therapeutin eine vertrauensvolle Bezugsperson. Zum anderen führte die Auseinandersetzung mit ihrer Familiensituation zu einem besseren Verständnis der Zusammenhänge und Dynamiken in ihrer Herkunftsfamilie. Im der Biografiearbeit setzte sich die damals 16-Jährige weiter mit ihrer Lebensgeschichte auseinander. Im Zuge dieser Auseinandersetzung kam es zu einer konfliktreichen Konfrontation mit ihrer Mutter, woraufhin die Jugendliche zwischenzeitlich den Kontakt zu ihr abbrach. Die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Biografie im Rahmen einer professionellen Begleitung führte zu einer elaborierten Reflexionsfähigkeit der jungen Frau und unterstützte sie in der Bewältigung biografischer Ereignisse – obwohl dieser Prozess nicht als abgeschlossen angesehen werden kann. Insbesondere in der mit Unsicherheiten besetzten Übergangsphase ins Erwachsenenleben ist eine hohe Verstehbarkeit eine hilfreiche Stütze, indem sie es den jungen Erwachsenen ermöglicht ihren Blick weg von der Vergangenheit und hin in die Zukunft zu wenden.

 

Perspektivität/Neugier: Die Dimension der Perspektivität/Neugier beschreibt das Gefühl der Zuversicht, dass man in der Lage ist Situationen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, immer wieder etwas findet, das einen interessiert und man der Welt offen gegenübersteht.

Der Wert der Dimension Perspektivität war über zwei Befragungszeitpunkte hinweg rückläufig und stieg erst bei der letzten Befragung wieder an. Mit Neugier auf die Welt zu blicken und an Vielem interessiert zu sein hat einen enormen Motivationseffekt. Gleichzeitig trägt eine Offenheit gegenüber Neuem dazu bei unbekannten Situationen mutig zu begegnen und sie auch besser einschätzen zu können. Sophie berichtete anfangs noch voller Begeisterung von ihrer Leidenschaft, dem Reiten und dem Reiterhof, auf dem sie viel Zeit verbrachte. Im Laufe der Zeit verlor ihr Hobby allerdings immer mehr an Bedeutung, bis sie es mit 16 Jahren endgültig aufgab. Die Jugendliche begründete dies unter anderem mit den steigenden schulischen Anforderungen und ihrem Nebenjob. Auch in der Netzwerkkarte der damals 16-Jährigen ist der Bereich Freizeit klein und nur mit einer Person besetzt; zwei Jahre später kommt der Bereich gar nicht mehr in ihrem Netzwerk vor. In der Phase des Übergangs in die Eigenständigkeit fiel es Sophie schwer sich für Neues zu öffnen und sie entwickelte keine neuen Interessen. Dies könnte nach dem Auszug zu Problemen dabei führen, ihre Zeit alleine zu gestalten und Anschluss an neue Bezugsgruppen zu finden.

 

Akzeptanz des eigenen Selbst: Bei der Dimension Akzeptanz des eigenen Selbst geht es um die Zuversicht, dass man sich selbst mag und positiv, optimistisch nach vorne schauen kann.

Der Wert dieser Dimension liegt im oberen Bereich und bleibt über alle Befragungszeitpunkte stabil. Sophie gelang es ein positives Selbstbild zu entwickeln. Das zeigt sich zum einen an ihrem gesunden, akzeptierenden Körperbild, zum anderen ist sie stolz auf das, was sie schon geleistet hat. Die Jugendliche besitzt ein gesundes Maß an Pragmatismus und bewahrte sich trotz vielfältiger Herausforderungen eine optimistische Einstellung. Ihren Glauben an sich selbst und ihre Fähigkeiten behielt sie auch in harten Zeiten bei und lässt sie positiv in ihre Zukunft blicken.

 

Fazit

Die SOS-Längsschnittstudie eröffnet die Möglichkeit, die Handlungsbefähigung über einen längeren Zeitraum in ihrer Entwicklung, ihren Bedingungen und ihren Auswirkungen zu untersuchen. Eine Besonderheit der Studie ist die weiterführende Befragung der Heranwachsenden als Care-Leaver:innen. So können Zeiträume während und nach der Betreuung in stationären Angeboten und damit auch insbesondere der Übergang ins selbstständige Leben betrachtet werden.

Die Handlungsbefähigung ist ein stabiles und zugleich dynamisches Konzept. In den quantitativen Analysen wird dabei zunächst der stabile Charakter der Handlungsbefähigung als Gesamtwert deutlich. Über einen Zeitraum von mindestens sechs Jahren und in einer von vielen Veränderungen geprägten Lebensphase von der späten Pubertät bis ins junge Erwachsenenalter zeigen sich die Werte erstaunlich stabil. Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine individuell bedeutsamen Veränderungen gibt. Etwa 40 Prozent der Jugendlichen zeigen Zu- oder Abnahmen von mehr als 10 Skalenpunkten zwischen den Erhebungen. Diese Veränderungen der Personen sind jedoch relativ gering im Vergleich mit der Streuung in der Gesamtgruppe.

Die Einbeziehung von soziodemographischen und Betreuungsdaten kann zu einem Teil zur Erklärung der unterschiedlichen Werte beitragen. Jugendliche in SOS-Jugendeinrichtungen weisen geringere Handlungsbefähigungswerte auf als die in Kinderdorffamilien oder in Wohngruppen in Kinderdörfern. Diese Jugendlichen kommen deutlich später in die stationäre Betreuung als die anderen Jugendlichen, die besonders in Kinderdorffamilien schon im Kindesalter aufgenommen und durchgehend betreut wurden. Damit konnten die länger betreuten Jugendlichen vor den hier einbezogenen Befragungen möglicherweise schon länger ihre Handlungsbefähigung in der Betreuung aufbauen, während die Älteren aus belastenden Lebenssituationen, die auch die Handlungsbefähigung beeinträchtigen, in die Betreuung aufgenommen und dann kurze Zeit später befragt wurden. Jungen weisen vor allem längere Zeit vor dem Auszug deutlich höhere Werte auf als Mädchen, dieser Unterschied nivelliert sich aber bis zum Auszug und in der Zeit danach.

Eine differenziertere und individuelle Betrachtung der Handlungsbefähigung eröffnet die Verbindung von quantitativen und qualitativen Daten im Einzelfall. In der Darstellung von „Sophie“ wird die Bedeutung der Dimensionen der Handlungsbefähigung deutlich, insbesondere auch in der Vorbereitung auf den Übergang. Die Dimensionen sind dabei nicht als unabhängige Teilkonstrukte zu verstehen, sondern greifen ineinander und bedingen sich gegenseitig. Die Förderung eines Aspektes der Handlungsbefähigung kann somit Entwicklungspotenziale in den anderen Dimensionen eröffnen. Dies unterstreicht die Bedeutung eines differenzierten Zugangs zur Handlungsbefähigung, um individuelle Unterstützungsmöglichkeiten gerade auch vor und im Übergang entwickeln zu können.

Eine wichtige Rolle kommt dabei der Beteiligung zu, die positive Erfahrungen von Handhabbarkeit, Verstehbarkeit und Sinnhaftigkeit ermöglicht. Frühere Untersuchungen zeigen, dass dafür die Beteiligung und die fachliche Begleitung des Übergangs eine wesentliche Rolle spielen können (Klug & Sierwald, 2019) und unterstreicht die Forderungen danach, den Übergang in die Eigenständigkeit als Aufgabe für die Jugendhilfe stärker in den Blick zu nehmen, um damit auch die Nachhaltigkeit der Betreuung zu stützen. Auch die Förderung sozialer Beziehungen ist ein Kernelement. Gerade in der Zeit des Übergangs, in der junge Erwachsene sich den Herausforderungen eines selbstständigen Lebens stellen müssen (Finanzen, Haushalt, Beruf) – häufig ohne die Unterstützung ihres Herkunftssystems – kann ein stabiles tragfähiges Netzwerk emotional und lebenspraktische Unterstützung bieten und trägt zu einem optimistischeren Blick in die Zukunft bei (Riedl, 2021). Soziale Beziehungen eröffnen zudem Zugehörigkeitserfahrungen, die wiederum auch andere Aspekte der Handlungsbefähigung über die Zeit in der Betreuung hinweg nachhaltig sichern können. Auch wenn die Dimensionen der Handlungsbefähigung nicht grundsätzlich unabhängig voneinander sind, gilt es die Entwicklung der einzelnen Dimensionen zu beachten und gezielt einzelne Bereiche zu fördern. Insgesamt ist eine gezielte, individuell gestaltete Förderung der Handlungsbefähigung notwendig, um diese in der Betreuung zu stärken.

Für die weitere Entwicklung der Fachpraxis bieten zunächst vor allem die qualitativen Analysen Zugänge. Diese sollen im weiteren Verlauf der Studie durch differenziertere quantitative Analysen, die auf diesen Ergebnissen basieren, gestützt werden. Wir erwarten uns davon weitere wertvolle Einblicke, auch wenn die Studie durch die trägergebundene Grundgesamtheit und weitere Selektionsprozesse im Verlauf der Längsschnittstudie nicht unmittelbar auf die Jugendhilfe als Ganzes übertragen werden kann.

Für die weiteren Auswertungen wird es eine besondere Herausforderung sein, dem mehrfachen Charakter der Handlungsbefähigung als sich im Rahmen der Bedingungen entwickelnde Eigenschaft, aber auch als wesentliche Ressource für die Bewältigung von neuen und herausfordernden Situationen gerecht zu werden.

Insgesamt zeigen die hier vorgestellten Analysen und Ergebnisse, insbesondere in der Kombination von qualitativen und quantitativen Methoden, die Potenziale, die in der weiteren Beschäftigung mit dem Konstrukt Handlungsbefähigung für das Verständnis und die Weiterentwicklung der Betreuung und Nachbetreuung in der stationären Kinder- und Jugendhilfe liegen.

 

 

Endnoten

  1. Die langjährigen Studien zur Identitätsentwicklung und zum Einfluss sozialer Netzwerke (Straus, 2001; Straus et al., 2013) verweisen auf den Stellenwert der sozialen Zugehörigkeit, die im Grundkonzept nicht genug aufgetreten ist.
  2. berechnet als Gesamtscore auf einer Skala von 0 bis 100
  3. In jeder Erhebungswelle setzen sich die Stichproben aus Jugendlichen zusammen, die bereits in einer der vorangegangenen Erhebungen befragt wurden (Folgebefragung) und aus Jugendlichen, die als neue Fälle in die Studie aufgenommen werden (Erstbefragung).
  4. Berechnet wurden Varianzanalysen mit Messwiederholung und Korrelationen für abhängige Daten jeweils univariat für die Gesamtskala Handlungsbefähigung sowie Wachstumsmodelle, die sich besonders eignen, um intra- und interindividuelle Entwicklungsprozesse simultan zu untersuchen (Reinecke, 2014; Kleinke et al., 2017).
  5. Handlungsbefähigungswerte im niedrigen Bereich 0 bis 54; im mittleren Bereich von 55 bis 66; im hohen Bereich von 67-100.
  6. Wert der Handlungsbefähigung zum ersten Messezeitpunkt der Verlaufsanalysen (Wachstumskurvenmodelle) im Längsschnitt. Diese beziehen sich auf den vorletzten sowie letzten Messzeitpunkt vor dem Auszug.
  7. Analyse von zwei Prä- und einem Postauszugszeitpunkt (N=174, siehe auch Abbildung 2)
  8. Analyse von einer Prä- und zwei Postauszugszeitpunkten (N=140, siehe auch Abbildung 2)
  9. Dies geschieht selbstverständlich in anonymisierter Form.
  10. Zur besseren Vergleichbarkeit des Handlungsbefähigungswerts und der Dimensionswerte wurde unter Einbeziehung der Daten aus den quantitativen Erstbefragungen eine relationale Einteilung vorgenommen. Das bedeutet, dass sich auf den jeweiligen Wert bezogen ein Drittel der befragten Jugendlichen im unteren (U), mittleren (M) bzw. oberen Bereich (O) befindet.
  11. Die drei qualitativen Erhebungen fanden zwischen t1 und t2, t2 und t3 bzw. t3 und t4 statt.

 

 

Literatur

Antonovsky, A. (1997). Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen: dgvt Verlag.

Bandura, A. (1977). Self-Efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. Psychological Review 84, 2, 191-215.

Ehlke, C. (2013). Care Leaver auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Sozial Extra 37, 53-55.

Höfer, R., Sievi Y., Straus, F. & Teuber, K. (2017). Verwirklichungschance SOS-Kinderdorf. Handlungsbefähigung und Wege in die Selbstständigkeit. Opladen: Barbara Budrich.

Höfer, R. & Straus, F. (2017). Handlungsbefähigung und Zugehörigkeit junger Menschen. Thema 1 der SPI Schriftenreihe. München: Eigenverlag.

Hölzle, C. & Jansen, I. (Hrsg.) (2010). Ressourcenorientierte Biographiearbeit. Wiesbaden: Springer.

Kaiser Y. (2021). Wege in die Eigenständigkeit. Wie Care-Leaver den Auszug aus der Heimeinrichtung erleben. SOS digital.

Kleinke, K., Schlüter, E. & Oliver, C. (2017). Strukturgleichungsmodelle mit Mplus. Oldenburg: De Gruyter.

Klug, C. & Sierwald W. (2019). Von der Heimeinrichtung in die Eigenständigkeit. Handlungsbefähigung und Auszugserleben von Care-LeaverInnen. Unsere Jugend, Heft 11-12, 488-496.

Kuckartz U. (2014). Mixed Methods. Methodologie, Forschungsdesigns und Analyseverfahren. Wiesbaden: Springer VS.

Mraß U. & Weinhandl K. (2019). „Wo gehör' ich hin?“ Wie stationär betreute Jugendliche ihre Zugehörigkeit definieren. Evangelischer Erziehungsverband e.V., Heft 3, 174-185.

Reinecke, J. (2014). Strukturgleichungsmodelle in den Sozialwissenschaften. Oldenburg: De Gruyter.

Riedl, K. (2021). Die sozialen Beziehungen von Care-Leavern. Netzwerkkompetenz frühzeitig stärken. SOS digital.

Sierwald, W. & Straus, F. (2015). Handlungsbefähigung und Verwirklichungschancen junger Menschen – empirische Studien in SOS-Kinderdörfern und -Jugendeinrichtungen. Forum Erziehungshilfen, 21, 226-227.

Sierwald, W., Weinhandl, K., Salzburger, V. & Straus, F. (2017). Wie Care-Leaver den Weg in die Selbstständigkeit erleben. Erste Ergebnisse aus der SOS-Längsschnittstudie zur Handlungsbefähigung. Unsere Jugend, 1, 0-19.

Sievers, B., Thomas, S. & Zeller, M. (2015). Jugendhilfe – und dann? Zur Gestaltung der Übergänge junger Erwachsener aus stationären Erziehungshilfen. Frankfurt am Main: IGfH-Eigenverlag.

Straus, F. (2001). Netzwerkanalysen: Gemeindepsychologische Perspektiven für Forschung und Praxis. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag.

Straus, F. (2010). Netzwerkkarten – Netzwerke sichtbar machen. In C. Stegbauer & R. Häußling (Hrsg.), Handbuch Netzwerkforschung (S. 527—538). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Straus, F., Heiland, S., Höfer, R. & Wernberger, A. (2013). Netzwerke von SOS-Kinderdorffamilien im urbanen Raum. München (unveröffentlicht).

Straus, F. (2018). Das Konzept Handlungsbefähigung. Ein Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung in der Jugendsozialarbeit. In Ejsa Persönlichkeitsentwicklung von jungen Menschen – Beiträge der Jugendsozialarbeit, 1, 26-37.

Thomas, S. (2013). Keine Zeit für Abenteuer. Sozial Extra, 37, 43-46.

Werner, E. (1977). The Children of Kauai. A Longitudinal Study from the Prenatal Period to Age Ten. Honolulu: University of Hawaii Press.

Werner, E. (2005). What Can We Learn About Resilience from Large-Scale Longitudinal Studies? In S. Goldstein & R. Books (eds.), Handbook of Resilience in Children (pp. 91–105). New York: Kluwer Academic.

 

 

Autor:innen

Ulrike Mraß, MPH
Melike Pusti, M.A.
Mag. Kathrin Weinhandl

weinhandl@bitte-keinen-spam-ipp-muenchen.de
Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen im Institut für Praxisforschung und Projektberatung, Ringseisstraße 8, 80337 München

Dr. Wolfgang Sierwald
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sozialpädagogischen Institut des SOS-Kinderdorf e.V., Renatastraße 77, 80639 München



alttext    

 

Mark Galliker: Sozioökonomie und Psychotherapie
Felix Tretter: Wissensgesellschaft im Krisenstress