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Erziehungsberatung und Stadtteilarbeit – Die Umsetzung des Prinzips Sozialraumorientierung

Irmgard Köster-Goorkotte
[Forum Gemeindepsychologie, Jg. 12 (2007), Ausgabe 1]

Zusammenfassung

Vor dem Hintergrund einer inzwischen dreißigjährigen Erfahrung in gemeindepsychologisch orientierter Erziehungsberatung werden Ansätze von Stadtteilarbeit und Lebensweltbezug beschrieben und auf ihre Wirkung hin reflektiert. Der besondere Stellenwert von interinstitutionellen Kooperationen wird dabei herausgearbeitet und zwei konkrete Beispiele (Arbeit mit einer von Armut betroffenen Familie und eine Gruppe für jugendliche Mütter) illustrieren die Wirksamkeit des gewählten Ansatzes.

Schlüsselwörter

Kooperation, Erziehungsberatung, Stadtteilorientierung, Armut, Gemeindepsychologie

Summary

The author describes special approaches of neighbourhood oriented interventions and provisions to support families on the basis of 30 years of experience in community psychology oriented education counselling. The results and outcomes are reflected. The importance of inter-institutional co-operation is emphasized and two examples (work with a family in poverty and a group of teenage mothers) illustrate the power of this approach.

Key words

Co-operation, education counselling, neighbourhood orientation, poverty, community psychology

Ein kurzer Blick in die Geschichte

Als der Verein Beratungsstelle Südviertel in Münster 1975 mit der Arbeit seiner Erziehungsberatungsstelle im Südviertel begann, war durch die Regionalisierung ein Strukturmerkmal vorgegeben, das seitdem die konzeptionelle Entwicklung bestimmt. Den Begriff Sozialraumorientierung gab es damals noch nicht, sehr wohl aber den Stadtteil Südviertel (ca. 50.000 BewohnerInnen) mit unterschiedlichen Quartieren. Es gab die Gemeinwesenarbeit (Boulet, Krauss & Oelschlägel, 1980) – auch verstanden als politischer Auftrag –, in deren Rahmen emanzipatorische Arbeitsansätze die bis dahin üblichen kompensatorischen Hilfe und Dienstleistungen zumindest teilweise ablösen sollten. Der bis dahin übliche Dreischritt

  • Entwicklung von hilfreichen Beratungsangeboten durch psychosoziale Profis
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • die ratsuchenden Menschen kommen

war etablierter Bestandteil psychosozialer Arbeit und damit auch von Erziehungsberatung. Diese Arbeit basierte auf einer so genannten Komm-Struktur.

Die Erfahrung, dass insbesondere arme und rechtlich benachteiligte Eltern und Familien trotz bester Öffentlichkeitsarbeit Erziehungsberatung nicht in Anspruch nahmen, sie noch nicht einmal kannten, führte in unserer Beratungsstelle von Beginn an zur Entwicklung von Arbeitsansätzen, die unter dem Begriff Geh- Struktur zu fassen sind. Dabei war die folgende Frage handlungsleitend: Wie kommt die (Erziehungs- )Beratung zu den Menschen?

Diese Tradition einer Geh-Struktur prägt die Arbeit bis heute, wenngleich die diesbezüglichen Konzeptbegriffe sich im Laufe der Zeit wandelten. Aus der Gemeinwesenarbeit wurde „Lebensweltorientierte Soziale Arbeit“ (Thiersch, 1992), daran schloss sich die Vokabel „Vom Fall zum Feld“ (Hinte, Litges & Springer, 1999) und heute heißt das Prinzip „Sozialraum- und Lebensweltorientierung“ (Merchel, 2001).

Allen Begriffen gemeinsam ist einerseits der Blick auf soziale Räume über den Einzelfall hinaus und andererseits das Ziel, psychosoziale Arbeit nicht nur auf die Veränderung / Verbesserung individueller Lebensweisen, sondern auch auf die Veränderung struktureller (und gesellschaftlicher) Bedingungen zu beziehen, damit sich Lebenslagen für Familien positiv wandeln können. Um dieses Ziel zu erreichen, ist vernetztes Arbeiten eine wesentliche Voraussetzung.

Dass der Begriff Sozialraumorientierung in der sozialpolitischen Diskussion eine besondere Rolle bezüglich einer „effektiveren, kostengünstigeren Bewältigung von Hilfeanforderungen“ (Merchel, 2001, S. 379) hat, ist zwar inzwischen für seine politische Akzeptanz von großer Bedeutung und provoziert einige Missverständnisse hinsichtlich der Umsetzung sozialraumorientierter Ansätze, soll in diesem Beitrag aber nicht weiter berücksichtigt werden.

Verantwortung übernehmen und wahrnehmen mittels Vernetzung und Gremienarbeit

Eine konsequente Anwendung des Prinzips Lebensweltorientierung erfordert im engeren Sinn in der alltäglichen Beratungspraxis die Einbeziehung weiterer Alltagssysteme in den Beratungsprozess, um eine selbst bestimmte, gelingende Weiterentwicklung Rat und Hilfe suchender Menschen auch über diesen Prozess hinaus zu unterstützen. Im weiteren Sinn erfordert sie aber auch eine permanente Auseinandersetzung mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen (Rahmengesetze, Wissenschaft, Arbeitsmarkt, wirtschaftliche Bedingungen etc.), die sich auf individuelle Lebensweisen auswirken.

Vernetzung – neben der Beratung grundsätzliches professionelles Anliegen in der auf den Einzelfall bezogenen Arbeit – wird umso leichter möglich, je mehr sowohl die individuelle und interne Arbeitsorganisation vernetzt erfolgt als auch eine institutionelle Vernetzung in allen Arbeitsbereichen und auf allen gesellschaftlichen Ebenen gesichert ist.

In Abbildung 1 sind die vielfältigen institutionellen Bezüge, in denen sich eine Organisation wie die Beratungsstelle Südviertel bewegt, dargestellt. Es werden in der Darstellung sechs Ebenen unterschieden: interne Kooperation, Fachteam, auf den Einzelfall bezogene Vernetzung, Vernetzung auf der Ebene des Stadtteils, der Kommune und in überörtlichen Zusammenhängen. Neben der internen Vernetzung der professionellen Arbeit und der Netzwerkarbeit im Einzelfall werden Beratungsleistungen auch konzeptionell auf unterschiedlichen Ebenen verbunden und zwar auf der überregionalen Ebene, der kommunalen Ebene und der Stadtteil- Ebene (siehe Abb.1).

Abb. 1

Überregionale Vernetzung

In der Abbildung 2 sind die wichtigsten überregionalen Bezüge der Beratungsstelle Südviertel dargestellt.

Abb. 2: Überregionale Vernetzung


Die Steuerung des hierzu erforderlichen Ressourceneinsatzes erfolgt über die Jahresplanung des Teams und ist hinterlegt mit entsprechenden Vereinbarungen mit dem Jugendamt. Die Legitimation eines solchen Engagements ergibt sich aus dem Nachweis der Bedeutung für die Entwicklung der Qualität der Arbeit und ihre innovative Weiterentwicklung. Im dialogischen Austausch und in der diskursiven Reflexion eigener lokaler Erfahrungen und übergreifender Trends und Entwicklungen entwickelt sich das Anregungspotential für konzeptionelles Weiterdenken.

Kommunale Vernetzung

Kommunale Vernetzung erfolgt im Rahmen von Gremienarbeit, die das Ziel hat, Jugendhilfe auf kommunaler Ebene gemeinsam zu gestalten, konzeptionell weiterzuentwickeln und zu organisieren. Initiiert und gesteuert wird diese Gremienarbeit in der Regel durch Dritte (z.B. durch das örtliche Jugendamt), mit Ausnahme der Arbeitsgruppen der Erziehungsberatungsstelle, die natürlich von dieser selbst initiiert und gesteuert werden. Unsere Funktion besteht in der aktiven Mitarbeit, in der Umsetzung getroffener Vereinbarungen sowie im Einbringen spezifischer Kompetenzen der Erziehungsberatung. Abbildung 3 stellt die aktuellen Bezüge der Beratungsstelle auf kommunaler Ebene dar.

 

Abb. 3: Kommunale Vernetzung


Wie an den Abbildungen 2 und 3 deutlich wird, agiert die Beratungsstelle fallunabhängig in vielfältigen Bezügen.

Vernetzung im Stadtteil über Stadtteilarbeit als Handlungsprinzip

Stadtteilarbeit ist eine Methode der indirekten Intervention, bei der nicht fallbezogen, sondern feldbezogen gearbeitet wird. Ein Ziel ist es, die lokale Vernetzung aller im und für das jeweilige Stadtviertel vorhandenen psychosozialen Dienstleistungen und andere Versorgungsformen zu erreichen sowie notwendige neue Angebote und Projekte durch vorhandene Einrichtungen – vorrangig auf der Basis vorhandener Ressourcen – zu initiieren.

Angestrebt wird (individuelle) Problemlösung und Heilung nicht durch sozialpädagogische Einzelfallarbeit, Beratung und Therapie, sondern Gesundung und Gesunderhaltung struktureller Lebensbedingungen auf dem Hintergrund einer Definition der Ressourcen und Probleme des Stadtteils, hier des Südviertels. Zielgruppe der Arbeit der Beratungsstelle Südviertel sind BewohnerInnen im Südviertel, die nicht selbstverständlich Zugang zu vorhandenen (psychosozialen) Dienstleistungsangeboten haben, insbesondere psychosozial gefährdete Kinder und Jugendliche mit ihren Familien.

Stadtteilarbeit im Südviertel beinhaltet die Elemente strukturelle Erhebung, Konkretisierung von Arbeitszielen und die Definition der dafür notwendigen Ressourcen. Im Rahmen der strukturellen Erhebung werden folgende Fragen bearbeitet:

  • Was brauchen die Menschen im Stadtteil aus ihrer Sicht, um Leben gut gestalten zu können?
  • Was ist davon bereits vorhanden? Wer bietet dieses an (Welche Institution)? Welche Nutzungsbarrieren gibt es?
  • Was fehlt an Angeboten?
  • Welche Institution kann diese „Lücken“ ausfüllen?

Eine Ausformulierung der Arbeitsziele soll Lösungen und Initiativen in folgenden Bereichen ermöglichen:

  • Vernetzung psychosozialer Dienstleistungen und anderer Versorgungsformen mit den BewohnerInnen oder bestimmten Zielgruppen.
  • Intendierung und Initiierung erforderlicher neuer Angebote.
  • Professionelle Präsenz vor Ort

Die dafür notwendigen Ressourcen beschränken sich dabei nicht nur auf Finanzen, sondern sind deutlich umfassender zu beschreiben. Zu der ökonomischen Absicherung der Stadtteilarbeit kommen noch hinzu:

  • Macht u. Steuerungsmöglichkeiten
  • Zielsetzung / Kontrollierbarkeit
  • Regeln
  • entsprechende professionelle Konzepte (Feldorientierung, öko-soziale Orientierung, gemeindepsychologische Ausrichtung)
  • kontinuierliche Personen-Präsenz im Stadtteil an den Alltagsorten der Menschen.
Abb. 4: Vernetzung im Stadtteil


Ein Ziel gemeindepsychologischer Arbeit ist die lokale Vernetzung psychosozialer sowie anderer Dienstleistungen, um deren Angebote im Interesse der BewohnerInnen und entsprechend ihren Bedürfnissen so hilfreich und unterstützend wie möglich für die BewohnerInnen zu machen (vgl. Köster-Goorkotte, 1989). Die Vernetzung der Arbeit im Stadtteil erfolgt in Arbeitskreisen und den daraus entstehenden Projekten. Funktion und Methodeneinsatz gehen in diesem Arbeitsansatz über reine Gremienarbeit weit hinaus Stadtteilarbeitskreise – oder moderner: Stadtteilteams – bilden einerseits den Kern und anderseits den Rahmen für Stadtteilarbeit als Methode für vernetztes, themen- und ergebnisorientiertes koproduktives Handeln im und für den Stadtteil. Dass dies nicht nur hehres Ziel sondern tatsächlich erreichbare Realität ist, zeigen die materiellen Arbeitsergebnisse des Arbeitskreises Südviertel:

  • Seit 1990 gibt es den Bewohnertreff für Jung und Alt e.V. als Selbsthilfeeinrichtung in einem Armutsquartier. Er wird professionell begleitet und durch kommunale Zuschüsse gesichert.
  • Seit 1994 trägt der Stadtteil-Zirkus Leporello mit seiner permanenten Bewegungswerkstatt für Kinder von 3 –16 Jahren sowie den zwei Aufführungen pro Jahr mit 100 Akteuren. (22 beteiligten Institutionen) und ca. 1.000 ZuschauerInnen zur positiven Identifikation mit dem Stadtteil bei.
  • Seit 1998 gibt es das Südviertelbüro e.V. Dies ist ein Bewohnerladen für das ganze Viertel, organisiert als Trägerkooperationsprojekt, das mittlerweile durch das Engagement ehrenamtlich tätiger BürgerInnen lebt.
  • Seit 2000 besteht ein Angebot für 8 – 10 schulmüde SchülerInnen, das Projekt Schule- Jugendhilfe. Unterricht und Begleitung wird außerhalb von Schulgebäuden sichergestellt, mit den beiden vordringlichen Zielen dass die SchülerInnen das Klassenziel erreichen und in die Regelschule reintegriert werden können.

Diese exemplarische Aufzählung mag verdeutlichen, wie Stadtteilarbeit im Ergebnis Gestaltungs- und Lebensräume für Kinder, Jugendliche und Familien unter den Aspekten Gesundheitsförderung, Integration, Schaffung von Begegnungsräumen und Sicherung von Bildungs- und Berufswegen erweitern kann. Stadtteilarbeit zielt auf eine nachhaltige Wirkung ab. Ist diese gesichert, werden sich Dienstleistungen, Projekte und Angebote permanent verändern und neue werden entstehen, entsprechend den sich verändernden Lebenslagen der BewohnerInnen im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen. Kommt ein auf diesem Hintergrund entstandenes Projekt zur Umsetzung, erfolgt diese in Form direkter Intervention oder einzelfallbezogener (Gruppen-)Arbeit. Hier wird sowohl der enge Zusammenhang beider Ansätze deutlich als auch, wo die indirekten Interventionen der Stadtteilarbeit enden und in einzelfall- und projektbezogene Arbeitseinsätze übergeleitet werden.
Die Wirksamkeit von Stadteilarbeit ist somit daran zu messen, wie viele konkrete und direkte Dienstleistungen und Projekte aus diesem Arbeitsansatz entstehen, wie diese mittel- und langfristig Lebenslagen und Lebensentwürfe von Familien verändern, inwieweit durch Vernetzung vorhandener Angebote deren Qualität und Nutzen steigt und inwieweit für so genannte „Risikogruppen“ eines Stadtteils vorhandene psychosoziale Dienstleistungen nicht nur zugänglich, sondern auch von ihnen genutzt werden.

Unsere Beratungsstelle hat seit Bestehen im Arbeitskreis Südviertel Funktionen, die über eine Teilnahme und Mitarbeit weit hinausgehen. Diese Funktionen wurden zu keiner Zeit am „grünen Tisch“ geplant, sondern haben sich vielmehr in langjährigen Prozessen dialogisch im engen Kontakt mit BewohnerInnen und beteiligten Institutionen entwickelt, die unter der Überschrift „Ressourceneinsatz und - nutzung“ eine Erklärung finden. In der Auswertung dieser Prozesse sind zwei Strukturelemente für die Übernahme einer Steuerungsfunktion von Bedeutung.

Erstens wird die Arbeit der Beratungsstelle Südviertel getragen von einem Verein, der mit der Beratungsstelle, einer Heilpädagogischen Kindergruppe und inzwischen auch mit dem Projekt Schule - Jugendhilfe ausschließlich im Südviertel arbeitet. Somit können sich alle Kräfte des Trägers und der MitarbeiterInnen auf die Bedarfe dieser Region konzentrieren.

Zum Zweiten werden für eine Anstellung in einer Erziehungsberatungsstelle spezifische fachliche Kompetenzen in Beratung, (Psycho) Therapie und sozialpädagogischer Einzelfallhilfe vorausgesetzt. Diese beiden Bedingungsfelder machen die für Stadtteilarbeit notwendigen Basiskompetenzen aus einer Erziehungsberatungsstelle geradezu abrufbar. Einige Beispiele für solche Basiskompetenzen sind:

  • Analyse von komplexen Systemen, Lebenswelten und Konflikten
  • Prozess-/Konfliktmoderation
  • Qualitative und quantitative Gesundheitsberichterstattung
  • Interkulturelle Kompetenz
  • Empowermententwicklung / Bürgerbeteiligung
  • Vernetzung, Kooperation, Koproduktion.

Ohne dass dieses zu irgendeiner „Stunde 0“ bewusst entschieden wurde, lebt der steuernde Anteil an der Stadtteilarbeit im Südviertel auch von der Übernahme vorhandener pädagogischer, beratender und therapeutischer Kompetenzen in die strukturelle Arbeit.

Exkurs I – Was hat Maria von der Stadtteilarbeit?

Das KJHG formuliert in seiner Präambel §1 (1) „Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“. Dies ist eine hohe sozialpolitische und sozialpädagogische Vorgabe und Verpflichtung – vorrangig jedoch wird hier der Rechtsanspruch des jungen Menschen, des Kindes auf Förderung seiner Entwicklung festgehalten. Damit – und das ist unser Ausgangspunkt – wird die „Selbstzuständigkeit“ (Thiersch, 1996) des Kindes gleich zu Beginn dieses Hilfe- und Leistungsgesetzes benannt: Subjekt seiner Entwicklung ist das Kind, muss das Kind sein – wie sonst soll sich eines Tages die Entlassung in die Eigenverantwortung vollziehen?

Maria und ihre Geschwister

Maria wohnt in einer traditionellen Armutsfamilie: 5 Kinder und Eltern leben in einer 56 m²-Wohnung, der Vater bezieht seit Jahren Krankengeld, die Mutter arbeitet täglich in drei Schichten als Raumpflegerin. Maria wohnt mit ihrer Familie in einer Nachbarschaft mit tragfähigen und lebendigen Bezügen (Nähe, Hilfe und Kontrolle). Sie muss sich in verschiedenen Lebenswelten bewegen, die ihr ganz unterschiedliche und zum Teil gegensätzliche Werte vermitteln. Aus pädagogischer, psychologischer Sicht braucht Maria Begleitung und Hilfe. Vieles davon erhält die in ihrer Lebenswelt, in ihren sozialen Netzen. Ein Blick auf sie und ihre Familie lässt das „helfende“ Profi-Herz höher schlagen, drängt sich doch sofort ein ganzer Katalog sinnvoller Maßnahmen gleichsam auf – und im Rahmen des KJHG wären diese sowohl realistisch als auch finanzierbar. Mögliche Hilfen wären zum Beispiel:

  • Therapie, Beratung der Mutter
  • Entschuldung
  • Frauenbildungsarbeit
  • Paarberatung/-therapie
  • Sozialpädagogische Familienhilfe
  • Unterbringung der Kinder bei Pflegefamilien oder in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe

Die Möglichkeit, Dienste einer Erziehungsberatung zu nutzen, ist für Marias Familie nicht gegeben, da ihnen diese Option gänzlich abwegig erscheint: „Mit diesen Psychologen wollen wir nichts zu tun haben, wir sind doch nicht bekloppt!“ Über eine reine Komm-Struktur werden sie nicht erreicht, obwohl sie selbst durchaus Veränderungswünsche haben. Maria und ihre Geschwister formulieren folgende Vorstellungen davon, was sich in ihrem Leben verbessern sollte:

  • In die Ferien zu fahren
  • Am Nachmittag eine Gruppe für sich alleine zu haben,
  • Nicht mehr in diese Schule gehen zu müssen
  • Nicht soviel Hauen und Schreien von Mama

Und damit war unser Arbeitsauftrag definiert. Die ersten drei Wünsche waren unter Einbeziehung der Eltern relativ leicht umzusetzen. Die Kinder gehen alle bis zum späten Nachmittag in unterschiedliche pädagogische Einrichtungen, sie fahren mit der Mutter in Familienfreizeiten, eine Tochter konnte die Schule wechseln. Sie besucht jetzt die Sonderschule. Folge davon ist auch: „Mama haut nicht mehr so viel“, da die Kinder weniger Zeit mit ihr verbringen und sie entlastet ist.
Später kamen andere Interventionen hinzu wie:

  • Paarberatung für die Eltern
  • Aufarbeitung der eigenen Kindheitserfahrungen der Mutter
  • Spieltherapie mit einer Tochter
  • Lernförderung für alle Kinder

Die Lebenswelten von Kindern und ihren Familien sind heute so komplex geworden, dass sie bereits zur Bewältigung eines normalen Alltags Stützsysteme brauchen und nutzen. Dieses gilt ganz besonders für (zeitweilig) in Not geratene, mehrfach benachteiligte und in Armut lebende Familien. Damit hat die Jugendhilfe weniger denn je die Rolle des reinen „Ausfallbürgens“ für Familie im Defizit zu übernehmen, sondern sie hat sich einem gesellschaftlichen pädagogischen Grundauftrag zu stellen. Vorrangige Aufgabe von psychosozialer Arbeit, damit auch von Erziehungsberatung, ist es demzufolge, für Menschen wie Maria und ihre Familie in formellen und informellen Räumen Gelegenheiten zu schaffen, dass sie sich für ihr Leben ggf. auch für Notsituationen, Begleitung, Förderung und direkte Hilfe holen können. Um die von der Familie gewünschten Beratungs- und Hilfeprozesse umsetzen zu können, war ein Element der Stadtteilarbeit – hier die kontinuierliche Präsenz von BeraterInnen an den Alltagsorten der Familie – von entscheidender Bedeutung.

Stadtteilarbeit ist somit das in Tätigkeit umgesetzte „Faltblatt“ sozialer Dienstleistung für Menschen, die keine Faltblätter lesen (können). Die meisten Familien wissen nichts von KJHG-Paragraphen, insbesondere gilt dies für Kinder und Jugendliche, Armutsfamilien, Familien aus anderen Kulturkreisen. Wie kommt nun die Hilfe zu den Menschen, die um ihre Rechte darauf und der Wirksamkeit von Hilfen nicht wissen? Eine Antwort: Indem sich die Hilfen ihnen über Personen zeigen. Mit jeder gelungenen Hilfe erweitert sich das Wissen der Menschen – auch und besonders der Kinder – um ihr Recht darauf, diese Unterstützung auf der Grundlage von Selbstbestimmung und eines Wunsch- und Wahlrechtes in Anspruch zu nehmen. Stadtteilarbeit als feldbezogener indirekter Arbeitsansatz vernetzt psychosoziale Angebote und macht sie zugänglich, veränderbar und kontrollierbar für Kinder im Stadtteil. Stadtteilarbeit stärkt und stützt soziale Zusammenhänge, stiftet Gemeinschaft und initiiert gewünschte und notwendige Veränderungen.

Um eine verlässliche Richtungsweisung für diese Arbeit mit Kindern und Ihren Familien zu haben, kann diese nur gleichwertig auf der Grundlage „des Respektes vor der Selbstzuständigkeit des Kindes in seinen Lebensverhältnissen“ (Thiersch, 1996) mit ihm gemeinsam gestaltet werden – d.h., das Prinzip der Subjekthaftigkeit des Kindes wird gewahrt, auch und gerade in Bezug auf die gemeinsame Auswahl von Förderung und Hilfen. Und da haben Kinder große Fähigkeiten, im Rahmen ihrer Lebensnetze das Mögliche zu sehen und vom „Unmöglichen“ nur zu träumen. Sie haben in der Regel ganz konkrete Vorstellungen, wie sich ihr Leben denn zum Guten verändern könnte und sollte. Diese Vorstellungen erweitern sich mit jeder gelungenen Hilfe. Kinder können ihre Vorstellungen ausdrücken, wenn sie Räume – auch Schutzräume – dafür haben und Menschen, die sie sehen und die ihnen zuhören. Bezüglich der Umsetzung brauchen Kinder Hilfen – auch professionelle – und natürlich das Wissen, wer diese Hilfen geben kann. Auch dieses Wissen erweitert sich mit jeder neuen Hilfe-Erfahrung. Bleiben Kinder als Subjekt in allen Hilfeprozessen im Zentrum und bestimmend, erfahren sie gleichsam am eigenen Leib: ihren Wert und Selbstwert, ihre Fähigkeiten und ihre Grenzen. Sie lernen einerseits Selbstbestimmtheit und andererseits erhalten sie Modelle von einem Leben in Gemeinschaft auf der Grundlage von Gleichwertigkeit auch bei unterschiedlichen (Lebens-)Erfahrungen, Interessen und Zukunftswünschen.

Hiermit war eine weitere wichtige Voraussetzung für das Gelingen professioneller Erziehungshilfe erfüllt. Auch die Mutter „hatte etwas“ von diesen Veränderungen. Sie drückt es so aus: „Für meine Kinder wird etwas Gutes getan!“ Der Entlastungsaspekt bildete die Basis für „Erziehungsberatung“ mit der Mutter (den Eltern) zu der Frage: Wie kann ich liebevoller und gelassener mit meinen Kindern umgehen, in den Zeiten, wo wir zusammen sind? Diese Beratung fand immer außerhalb der Räume unserer Beratungsstelle statt, an anderen Alltagsorten. Die fachliche Vorstellung von Begleitung und Hilfen für Maria und ihre Geschwister bezieht sich auf ihre gesamte Kindheit. Dieser Blick sichert die nötige Zeit und Geduld, um immer wieder dialogisch mit ihnen die nächsten Schritte aushandeln zu können und das Vertrauen, dass sie ihre Anliegen ausdrücken und die folgenden Entwicklungsprozesse mit gutem Erfolg in ein für sie gelingendes Leben führen mögen.

Exkurs II – Gruppe für jugendliche Mütter

Kinderarmut gehört schon seit einiger Zeit zu den Problemlagen, die in Forschung, Politik und Fachdiskursen in der Jugendhilfe immer bedeutsamer werden, da ihre Folgen gesamtgesellschaftlich relevant sind (Deutscher Bundestag, 1998).

Der Begriff Partizipation beschreibt eine von vielfältigen Querschnittsaufgaben als Voraussetzung für gelingende Kinder- und Jugendhilfe. Hierbei handelt es sich einerseits um ein Recht (§§ 1, 8, 36 KJHG) von Eltern, Jugendlichen und Kindern auf Teilhabe und andererseits leitet sich daraus eine verpflichtende Aufgabe für alle in der Kinder- und Jugendhilfe tätigen Fachkräfte ab. Nämlich die Ermöglichung und Sicherung von Teilhabe (in diesem Beitrag bezogen auf Kinder und Jugendliche)

  • durch ihre Beteiligung an allen sie betreffenden Aushandlungs- und Entscheidungsprozessen
  • durch eine Erweiterung der Zugänge zum sozialen Leben
  • durch eine Beteiligung an den Belangen der Zivilgesellschaft (von Salisch, 2001).

Am Beispiel einer Präventionsgruppe für minderjährige Schwangere, junge Mütter und deren Kinder sollen einige grundsätzliche Handlungsansätze aufgezeigt werden, die Teilhabe von Kindern und jugendlichen Müttern – im engeren Sinne bezogen auf den Gruppenprozess, im weiteren Sinne bezogen auf eine grundsätzliche Erweiterung ihrer Optionen zum Lebensvollzug im Alltag – ermöglichen, fördern und sichern können. An dieser Gruppe nehmen z. Zt. jugendliche Mütter (14 – 20 Jahre) und deren Kinder (Säuglinge und Kleinkinder) teil. Die Familien der jugendlichen Mütter sind oft schon seit Generationen von materieller Armut und Bildungsarmut betroffen.

Grundlage des fachlichen Handelns in der Gruppe

Richtziel der Gruppenarbeit ist die Erweiterung von Handlungsspielräumen und die Öffnung bisher verschlossener materieller und kultureller Ressourcen für die Mütter und mittelfristig auch für die Kinder unter Beachtung ihrer Rechtsansprüche sowie einer Nutzung institutioneller und professioneller Möglichkeiten.

Abb. 5: Grundlagen fachlichen Handelns in der Gruppe

Pädagogische Handlungsprinzipien sind eine konsequente Lebenswelt- und Dienstleistungsorientierung. Damit dies gelingt, kommt ein „Lebenslagenkonzept“ (Zander, 2002) zur Anwendung, das ursprünglich bezogen auf die Lebenssituation von Erwachsenen entwickelt wurde. Es bedeutet die Einbeziehung aller, auch den psychosozialen Profis fremden, milieutypischen Ressourcen der jugendlichen Mütter. Folgende Ressourcen sind bei den jugendlichen Müttern regelmäßig vorhanden:

  • Liebe zu ihrem Kind
  • Bindungsbereitschaft und Bindungsziele
  • Versorgungskompetenzen
  • Begrenzungen in Bezug auf das erzielbare Einkommen und die damit zusammenhängenden Einschränkungen
  • Ein Lern- und Erfahrungsspielraum der jugendlichen Mütter und Kinder, der geprägt ist durch die familiäre Lage sowie dem Bildungshintergrund der jugendlichen Mütter
  • Kontakt- und Kooperationsspielraum der jugendlichen Mütter und deren Kinder
  • Muße- und Regenerationsmöglichkeiten, mit geprägt durch häusliche Atmosphäre, Wohnsituation, Freizeitaktivitäten
  • Dispositions- und Entscheidungsspielraum, beeinflusst durch materielle Voraussetzungen und generationsbezogene Beziehungen(Zander, 2002).

Diese Merkmale bedingen sich ursächlich und in ihrer Auswirkung gegenseitig. Somit ist davon auszugehen, dass einzelne Veränderungsschritte auf einer Ebene auch Veränderungen auf den anderen nach sich ziehen. Die Präventionsarbeit in der Gruppe bezieht sich auf mögliche Veränderungen auf allen Ebenen. „Grundsätzlich geht es hierbei um die Frage, wie weitgehend der jugendlichen Mutter und ihrem Kind Erfahrungs- und Handlungsoptionen offen stehen, wie viel Partizipation und soziale Teilhabe ihnen möglich ist, wie weitgehend sie Gestaltungsspielräume nutzen können“ (Zander, 2002, S. 6) und in wie weit die Gruppenarbeit neue Räume eröffnet, so dass gemeinsames Lernen möglich wird.

Diesen Fragen im gemeinsamen Tun nachzugehen und durch die jugendlichen Mütter direkt – durch ihre Kinder indirekt – Antworten darauf zu erhalten, welche Handlungsspielräume sie für sich zunächst erweitern wollen, setzt die Bereitschaft der pädagogischen Fachkräfte voraus, die eigenen professionellen Fähigkeiten in den Dienst der Wünsche, Bedürfnisse und Ziele anderer zu stellen. Das erfordert kontinuierlich und gesichert einen Rahmen zu schaffen, in dem die Formulierung dieser Wünsche, Bedürfnisse und Ziele permanent ermöglicht wird. Aus diesen Wünschen, Bedürfnissen und Zielen sind dann Arbeitsthemen für die Gruppentreffen abzuleiten und diese professionell auszugestalten (Medien, Settings, Programmentwicklung, Vernetzung, Koproduktion etc.). Die Gruppenprozesse müssen gemeinsam immer wieder ausgewertet und prozesshaft miteinander weiterentwickelt werden.

Das kann zu einem Einbezug anderer Institutionen oder zur aktiven Unterstützung für die jugendlichen Mütter bei der Inanspruchnahme anderer Institutionen (z.B. Jugendamt, kommunaler Sozialdienst, Agentur für Arbeit, Sozialamt, Gesundheitsamt, Arztpraxen, Wohnungsamt, Familienbildungsstätten) führen, um dem Wunsch nach Veränderung Rechnung zu tragen.

Ausgehend von einer Bindungsbereitschaft der jugendlichen Mütter an ihre Kinder – diese wird z. B. auch durch eine regelmäßige Teilnahme an den Gruppen deutlich – ist es ein professioneller Auftrag, die Wissenserweiterung und den Wissenserwerb im gemeinsamen Tun so zu sichern, dass die jugendlichen Mütter den Prozess und die Ergebnisse sowohl für ihre eigene Lebensplanung und Lebensgestaltung nutzen können als auch dadurch die vorhandene Liebe zu ihrem Kind in liebevolles und erzieherisches Handeln umsetzen, dieses einüben, reflektieren und permanent weiterentwickeln können.

An zwei Beispielen wird dieses praktisch beschrieben. Es war ein Wunsch aller Mütter, gemeinsam zu kochen, um ihre Fähigkeiten im Rahmen ihrer wirtschaftlichen Möglichkeiten diesbezüglich zu erweitern sowie eine gesundheitsbewusste Ernährung für sich und ihr Kind zu erreichen. Diesen Wunsch unter Beteiligung aller zu realisieren, braucht Planung, Organisation und einen passenden Raum (hier eine Küche). Das erfordert keinen großen Aufwand. Eine nachhaltige Wirkung wird für diese Mütter gesichert, wenn über die Information und das „Lernen im Tun“ hinaus die Situation so gestaltet ist, dass sie auch Freude, Spaß und Lust vermittelt. Antrieb für eine Übernahme in den eigenen Alltag ist dann nicht nur das Wissen darum, wie es geht und wozu es dient, sondern auch die Erinnerung an Lachen und gute Laune. Das kann manchmal ausschlaggebend dafür sein, ob der Impuls, zum „Schälmesser zu greifen“, auch zur Umsetzung kommt oder dem Kind doch lieber wieder eine „Milchschnitte“ gefüttert wird.

Ganz bewusst ist dieses scheinbar so banale Beispiel gewählt – das Alltagsleben mit Kind besteht zu einem großen Teil aus der Aneinanderreihung banaler Tätigkeiten – ,weil sich hier sehr deutlich zeigt, wie Lernen möglich werden kann.

Die Realisierung eines anderen Zieles erfordert eine längerfristige Begleitung. In der ersten Bildungsfreizeit für Mütter und Kinder sollten die Mütter in einer Gruppenarbeitsphase drei Stichworte dazu benennen, was ihrem Wunsch nach ihr Kind im Alter von zwanzig Jahren erreicht haben sollte. Alle Mütter gaben an: „Er/sie soll einen anderen (besseren) Weg durch die Schule gemacht haben“ – wohl wissend, dass sie dieses nicht eigenständig erreichen können. Daraus entstand die Formulierung eines Auftrags an die Gruppenleiterinnen, an die Institution Beratungsstelle Südviertel, an die öffentliche Jugendhilfe. Diesem Auftrag nachzukommen, erfordert von den GestalterInnen langfristiger Hilfepläne einiges mehr an Kompetenzen und Verbindlichkeiten als der Wunsch im ersten Beispiel.

Da das Gelingen schulischen Lernens nicht erst mit sechs Jahren bedeutsam wird, sind von diesem mütterlichen Wunsch alle vorbereitenden förderlichen Maßnahmen wie die Unterstützung motorischer, geistiger und sozialer Entwicklung des Kindes und die Aufgabe mütterlicher Fürsorge in diesem Prozess abzuleiten. Eine der jüngsten Mütter schämte sich zum Beispiel, in der Mutter-Kind-Gruppe mitzusingen. Nach einer kurzen Erklärung der Gruppenleiterin, dass Singen unter anderem wichtig sein kann für die Sprachentwicklung und das Wohlbefinden des Kindes, konnte diese Mutter ihre Scham überwinden und aktiv mitmachen.

Eine andere Mutter brachte nicht die Kraft auf, durch Ernährungsumstellung das starke Übergewicht ihres kleinen Sohnes, der dadurch in seiner Beweglichkeit sehr eingeschränkt war, zu reduzieren. Eine Verfestigung des Wissens um die Zusammenhänge von Beweglichkeit/ Bewegung und Intelligenzentwicklung bewirkt, dass sie die Versorgung mit Nahrung besser umstellen kann.

In der Gruppe gibt es den auf das Kind bezogenen Themen, auch Inhalte, die sich auf die Umsetzung eigener Wünsche der Mütter/ Mädchen und der Bearbeitung eigener Themen auseinandersetzen. Dies sind Gruppenabenden, in denen gemeinsame Freizeitgestaltung oder Informationsvermittlung im Vordergrund stehen oder auch solche, die der Genogramm-Arbeit, der Zentrierung der eigenen Entwicklungsgeschichte und der zukünftigen Lebensplanung sowie der Körperarbeit gewidmet sind. Es geht in dieser Arbeit ebenfalls um die Förderung einer gelingenden Identitätsentwicklung. Folgende für jugendliche Mütter typische, für die Altersgruppe eher untypische Fragen hinsichtlich der eigenen Identität stellen sich, um sowohl für sich als auch für ihr Kind angemessene Entwicklungs- und Versorgungsräume zu erwirken:

  • ICH als Jugendliche mit alterstypischen Wünschen und als Mutter eines Säuglings,
  • ICH als Lernende (Schule, Ausbildung) und als Mutter,

In der Mutter-Kind-Gruppe steht die Anleitung zur unmittelbaren Beschäftigung mit dem eigenen Kind im Mittelpunkt. Freude am gemeinsamen Tun (z.B. Singen, Basteln, Spielen, Turnen, Essen) zu vermitteln und einzuüben und Sicherheit zu entwickeln, ist ein fachliches Ziel. Außerdem erhalten die Kinder einen Erfahrungsraum für den Umgang mit anderen Kindern. Die Gruppentreffen finden regelmäßig, einmal wöchentlich statt.

Eine besondere Herausforderung an die professionelle Arbeit besteht darin, dass hier – im Sinne des KJHG – gleichzeitig die Rechte, Ansprüche, Bedarfe und realen Lebenslagen von Hilfeberechtigten auf drei Ebenen berücksichtigt werden, zum einen bezogen auf ein Kleinkind, zum anderen bezogen auf eine sozial benachteiligte Jugendliche und drittens bezogen auf eine hilfebedürftige Mutter. Das bringt eine permanente Gratwanderung zwischen Parteilichkeit(z.B. Sicherung des Kindeswohls) und Allparteilichkeit (Systemmöglichkeiten und –grenzen) mit sich. Wichtige Fragen, die im Unterstützungsprozess immer wieder neu beantwortet werden müssen, sind:

  • Wie viel Einschränkung darf sein, ohne dass die Rechte und das Wohl des Säuglings verletzt werden?
  • Wie viel Begrenzungen dürfen die Mütter haben, ohne ihren Status als Alltags-Mutter zu verlieren und rechtlich zu gefährden?
  • Was muss an Unterstützung wie lange erfolgen, damit Mutter und Kind in dieser besonderen Lebenslage so gefördert werden, dass sie sich gesund im Rahmen ihrer Milieus (weiter) entwickeln können?

Hierbei ist zu berücksichtigen, dass sowohl die (Klein-)Kinder als auch die Mütter als Jugendliche erhebliche Selbsthilfeleistungen erbringen, die zu einer Bewältigung ihrer Lebenssituation nötig sind. Um diese Selbsthilfepotenziale einerseits zu nutzen und andererseits zu erhöhen, ist eine kompensatorische Unterstützung sowohl innerfamiliär als auch außerfamiliär (durch öffentliche Einrichtungen) nötig – manchmal auch ein Kinderleben lang.

Die Zukunft unserer Welt wird davon abhängen, ob sich eine Vielzahl von Menschen an ihrer Gestaltung beteiligen kann. Das braucht Strukturen, in denen das möglich wird, und die Fähigkeit der einzelnen, diese gemeinschaftlich handelnd zu füllen.

Der Generation, die nach uns verantwortlich sein wird, Bedingungen zu schaffen, im Spannungsfeld von Subjektsein und Gemeinschaftsbezogenheit Leben für sich und mit anderen gestalten zu können, ist pädagogisches wie auch politisches Ziel. Wir denken, es ist wichtig, neben den ganz großen Entwürfen die dafür nötigen Fähigkeiten im Alltag zu vermitteln. Dies gilt ganz besonders für benachteiligte und in Armut lebende Kinder, deren Grad an Fremdbestimmung ihres Lebens gerade auch durch uns „Helferprofis“, ungleich hoch ist.

Zurück an den Anfang: Wie kommt Erziehungsberatung zu den Menschen?

Besonders in Armut lebenden und mehrfach belasteten Familien den Zugang zur Dienstleistung Erziehungsberatung zu ermöglichen, bedarf besonderer Konzepte und Arbeitsansätze, die sowohl in der Konzeption und in den Leitbildern als auch in der Haushaltsplanung und in der Leistungsvereinbarung einer Erziehungsberatungsstelle deutlich positioniert und benannt sein sollten.

Literatur

Hinte, W. ; Litges, G. & Springer, W. (1999). Soziale Dienste: Vom Fall zum Feld. Berlin.

Köster-Goorkotte, I.(1989). Stadtteilarbeit – mögliche Aufgabe oder Verpflichtung einer regionalisiert arbeitenden Beratungsstelle In: Beratungsstelle Südviertel (Hg.).Jahresbericht 1989 der Beratungsstelle Südviertel, Münster, S. 11.

Merchel, J. (2001). Beratung im „Sozialraum“ Neue Praxis, Heft 4, S. 369 – 387.

von Salisch, M. (2001). Statement zum Thema „Partizipation“ aus entwicklungspsychologischer Sicht im Trialog. Beratungsstelle bei Familienkrisen, Trennung und Scheidung e.V. (Hg.).Jahresbericht 2001. Münster.

Thiersch, H. (1992). Aufgaben und Praxis im sozialen Wandel, Weinheim München: Juventa.

Thiersch, H. (1996). Soziale Beratung Unveröffentlichter Vortrag auf dem Kongress für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Berlin.

Zander, M. (2002).Was wir über Kinderarmut wissen. Zeit zum Handeln Jugend heute, Heft 4, 2002, S. 4-7.

Zinnecker, J. (1995). Kindheit in der Postmoderne. Vortrag auf der Wissenschaftlichen Jahrestagung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung 1995 in Würzburg.

Autorin

Irmgard Köster-Goorkotte; Dipl. Soz.päd.
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, seit 30 Jahren beruflich tätig, seit 1987 in der Erziehungsberatungsstelle Südviertel in Münster (Leitung/Geschäftsführung) sowie freiberuflich: Therapie, Beratung, Supervision, Aus- und Weiterbildung. 
Öffnet ein Fenster zum Versenden einer E-Mailkoester-goorkotte@bitte-keinen-spam-muenster.de



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