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(Ein-)Blicke in die Gemeindepsychologische Tagung im April 2011 in Mainz
"Um Verwirklichungschancen streiten - Gerechtigkeit für ein gutes Leben"

Ulrike Kluge
[Forum Gemeindepsychologie, Jg. 16 (2011), Ausgabe 1]


Die Gemeindepsychologie - ein kostbarer und wesentlicher Grundstein meines Psychologiestudiums. Gemeindepsychologie als geistige Heimat, ein vertrauter Ort, mit dem sich eine kritische, fragende Haltung in der eigenen professionellen Arbeit und Anforderungen an das alltägliche Tun verbinden. Beim Lesen des Titels für die Tagung im April dieses Jahres war ich begeistert von der darin lebendigen politischen Dimension, die in der Psychologie allzu oft nur marginal zum Zuge kommt. Ich fühlte mich zurückversetzt in gemeindepsychologische Seminare an der Uni zu Empowerment, Partizipation und Parteilichkeit. Ein erfülltes Leben für Jedermann - dazu erschienen mir diese Konzepte und die zugrunde liegenden Menschenbilder maßgebend. Aber ich fragte mich oft und auch jetzt, was konkret diese Konzepte einforderten, ob wir (die Gemeindepsychologen - Community) dasselbe meinten und was das gemeinsame Ziel unseres gemeindepsychologischen Handelns sei? Wenn diese Fragen drängender wurden, beruhigte mich die Möglichkeit, dass es einen Raum in der antwortförmigen Welt gibt, in dem solche Fragen gestellt werden können, und dass das Gemeindepsychologie für mich ausmacht. Ich las meine Aufzeichnungen zur Gemeindepsychologie, die in Vorbereitung auf meine Abschlussprüfung 2005 entstanden waren. Darin hatte ich mir notiert, dass Gemeindepsychologie als ein innovatives und praktisches/praxisbezogenes Teilgebiet der Klinischen Psychologie gefasst wird, welches es sich zur Aufgabe gemacht hat, Verhältnisse zwischen gesellschaftlich/kulturell bestimmten Lebensbedingungen und individueller psychischer Gesundheit und deren Entwicklung im lokalen Zusammenhang zu untersuchen und zu fördern. So wollte ich Psychologie betreiben und in diesem Sinne erlebte ich die Gemeindepsychologie neben der Psychoanalyse als einen der letzten kritischen Orte der klinisch praxisorientierten Psychologie.

Um Verwirklichungschancen streiten - Gerechtigkeit für ein gutes Leben

Migration & Gerechtigkeit? Hierzu war ein Workshop geplant, den ich halten sollte. Sofort drängte sich mir ein bestimmtes Bild von Migration auf: ein Westafrikaner auf einem Boot vor Lampedusa. Und noch eines: Die in den Medien diskreditieren "Menschen mit türkischem Migrationshintergrund". Aber warum dachte ich erst später an die Tausenden von "Jobnomaden", die als vermeintlich privilegierte Personen ihr Land in eine eventuell glücklichere Richtung verlassen? Häufig trifft man auch bei ihnen genau das Gegenteil an - obgleich dies ein weniger existentielles Unglück zu sein scheint. Schlich sich hier wieder das Othering ein? Migration umfasst so unendlich viele Einzelne, wie es verschiedene Formen und Perspektiven des Begriffes Gerechtigkeit gibt. Häufig sind es diejenigen, die ihr Schicksal selbst bestimmen möchten, die an den Umständen ihr Schicksal erleben müssen. Zu dem Workshop kam es nicht - eine einzige Anmeldung. Die Gründe des Wegsehens und Wegbleibens sind unser Thema.

Ich erinnerte mich in Mainz an eine Podiumsdiskussion während der Gemeindepsychologischen Tagung ein Jahr zuvor in München, die im Zeichen des Präventionsgesetzes stand, und es beschäftigte mich das Dilemma zwischen "selbstbestimmter Freiheit" und gut gemeinter Normierung. Ja, es gibt sozial ausgeschlossene, stigmatisierte Personen und Unterstützungsbedürftige. Aber könnte es nicht sein, dass es ein Trugschluss ist, wenn ich noch immer glaube, für die anderen wirksam sein zu können und dabei vergesse für mich selbst zu streiten. Vielleicht kann ich das kurz illustrieren: Ich erschrak während der gesamten Tagung immer wieder über mich selbst, ich dachte die ganze Zeit an Ökonomie und Finanzierung - wie kapitalistisch geformt ist mein Denken schon? Und ich dachte an die damit verbundenen Sachzwänge und wurde den Eindruck nicht los, dass dieser Aspekt und das eigene Involviertsein in selbige nur wenig Raum in den Diskussionen bekam, dass darum gestritten werden musste. Und plötzlich fühlte ich mich eher wie die anwesende Ethnologiekollegin und fragte mich, wie nah bzw. fern ich der anwesenden Gruppe war. Ich fühlte mich moralisch unterlegen, weil ich nicht in der Lage war, utopisch zu denken, da der ökonomische Druck, wie er für mich in meiner täglichen Praxis als Psychologin im Jahre 2011 spürbar ist, und die notwendige Intensität, die durch Zeitvorgaben mitregiert, reflexartig als Gegenargument in meinem Kopf mit herrschte.

Nach meiner Rückkehr nach Berlin war ich umso beruhigter als ich Keupp und andere gemeindepsychologische Texte noch einmal las und bei Keupp (1997, S. 15) ein Zitat Max Webers fand, in dem ich schwarz auf weiß las, dass der "mächtige[n] Kosmos der modernen [...] Wirtschaftsordnung, der heute den Lebensstil aller Einzelnen, die in dieses Triebwerk hineingeboren werden - nicht nur der direkt ökonomisch Erwerbstätigen - mit überwältigendem Zwang bestimmt, vielleicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist". Oder im Sinne der materialistischen Dialektik sind es die Verhältnisse, die das Denken bestimmen. Und die Verhältnisse sind offenkundig anders als vor 30 Jahren.

Kurz: Ich hatte mich auf die Tagung und auf zwei Tage Auseinandersetzung und anregende Diskussionen gefreut. Doch in meinem Kopf herrschte die Frage: Wie kann ich diese Denk-Freiräume schaffen, um mir gemeindepsychologisches Denken täglich für ein gutes Leben zu leisten? Wie kann die gemeindepsychologische Haltung anregend sein, innerhalb ökonomischer Zwänge, die mir heute viel präsenter als noch in den 70er Jahren scheinen?

Es ginge politisch-ökonomisch wohl darum, die Dialektik wiederzubeleben und wir wären dann nicht allein wieder bei Eros und Thanatos, sondern in einer Pendelbewegung zwischen politisch-ökonomischen und psychologischen Themen. Dazu hat die Tagung Anregungen gegeben. Übersehen wurde jedoch zuweilen die Untrennbarkeit der eigenen individuellen und sozialen Krisen von dem Scheitern und Ausgeschlossensein derer, für die wir vermeintlich streiten. Das bedrohlich Fremde in mir kommt zum Vorschein, wenn ich mich als Mitproduzentin bestehender Ausschließungsmechanismen wahrnehme.

Der Titel des Gesprächs zwischen Barbara Gronau und Joseph Vogel:"Das Zaudern als Suchlauf in einer antwortförmigen Welt" (Vogel, 2010, S. 235 ff.) benennt etwas von meiner Vision für die Zukunft der Gemeindepsychologie. Umso mehr bedauere ich, dass sie ihren Platz an den Universitäten verliert, und ich fragte mich bei der Tagung, ob die Ursachen dafür im Imperativ der Antwort unserer Tage bestehen. Und auch hier ginge es wohl um eine Pendelbewegung zwischen aktiv werden und unterlassen und eine Haltung zu erarbeiten, wann ersteres und wann zweiteres angemessener ist. Feste Konzepte sind hierfür kontraproduktiv, womit die Begriffe Partizipation, Empowerment, Parteilichkeit gerade in ihrer Ungenauigkeit für mich plötzlich sehr anschlussfähig sind. Hinzu käme das Prinzip der Achtsamkeit gepaart mit Wachsamkeit. Die Umsetzung einer Mehrebenenarbeit zwischen sich, der eigenen Rolle, dem Gegenüber, dem Kontext und der jeweiligen Einbettung ins System.

Und dann wird der Konflikt zwischen Wissenschaft und Politik - der auch auf der Tagung zum Tragen kam - in der Gemeindepsychologie nicht nur deutlich, vielleicht zwingt er zum Bekennen. Wäre dann der Begriff Gemeinde plötzlich doppelt aus der religiösen Sprache geliehen?

Literatur

Heiner, K. (1997). Ermutigung zum aufrechten Gang. Tübingen: DGVT Verlag.

Vogel, J. (2010). "Das Zaudern ist ein Suchlauf in der antwortförmigen Welt." Ein Gespräch über ökonomisches Wissen, Askese als Subjekttherapie und das Lachen Franz Kafkas. In B. Gronau & A. Lagaay (Hrsg.), Ökonomien der Zurückhaltung. Kulturelles Handeln zwischen Askese und Restriktion. Bielefeld: Transcript/ Kultur- und Medientheorie.

Autorin

Dipl.-Psych. Ulrike Kluge
Wiss. Mitarbeiterin
Zentrum für Interkulturelle Psychiatrie,
Psychotherapie und Supervision
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Charité Campus Mitte
10117 Berlin
Öffnet ein Fenster zum Versenden einer E-Mailulrike.kluge@bitte-keinen-spam-charite.de

Studienleiterin des VW- Forschungsprojektes "Seelische Gesundheit und Migration" (www.segemi.de), in Ausbildung zur Psychoanalytikerin, Schwerpunkte: Transkulturalität, Ethnopsychoanalyse, Qualitative Sozialforschung, Interkulturelle Psychotherapie mit Sprach- und Kulturmittlern, Public Health.



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