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Die Psychologisierung gesellschaftlicher Ungleichheit - die "underclass"- Debatte in den USA, Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland

Hans-Peter Michels
[Forum Gemeindepsychologie, Jg. 18 (2013), Ausgabe 1]

Zusammenfassung

Der Diskurs zur "underclass" hat in den USA, Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland weite Verbreitung gefunden. Ein Diskurs, der Menschen, die in Armut leben, hinsichtlich ihrer Einstellungen und Verhaltensweisen diffamiert. Auf diese Weise werden sozioökonomische Bedingungen für die Entstehung von Armut negiert und die Schuld bei den Betroffenen gesucht. In diesem Beitrag werden die wichtigsten Protagonisten der "underclass"-Debatten anhand ihrer Argumentationen vorgestellt. Ihre Begriffskonstruktionen und Thesen werden kritisch untersucht.

Schlüsselwörter: Unterschicht, Kultur der Armut, Abwertung armer Menschen, konservative Ideologie

Summary

The psychologizing of social inequality - the "underclass"-debate in the United States, the United Kingdom and the Federal Republic of Germany

The discourse concerning the underclass is becoming increasingly widespread in the USA, Great Britain and the Federal Republic of Germany - a discourse that maligns people living in poverty, because of their attitudes and behavior. In this way, socio-economic conditions for the emergence of poverty are refuted, the poor are blamed for their own poverty and thus the victims are discredited. In this paper, the main protagonists of the underclass debate will be presented by their arguments. Their conceptual constructions and theories are critically examined.

Key words: underclass, culture of poverty, vilification of poor people, conservative ideology

1. Einleitung

Seit Jahrzehnten sind gesellschaftliche Umbrüche, zunehmende soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Armut spürbar - selbst in den reichsten Volkswirtschaften. Abgrenzungen und Spaltungen manifestieren sich zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen: Phänomene wie eine Radikalisierung der Eliten, aber auch der mittleren Schichten, die harte Maßnahmen gegen so genannte "Sozialschmarotzer" befürworten sowie eine zunehmende zwischenmenschliche Feindseligkeit sind durch Studien belegt (vgl. u.a. Hartmann 2010; Groß, Gundlach & Heitmeyer, 2010).

In den Debatten zu den neuen Unterschichten1, die Kulturen der Armut ausgebildet hätten2, werden bestimmte Arme und Arbeitslose besonders abschätzig, zuweilen feindselig beurteilt. Hier sollen solche Arbeiten untersucht werden, die explizit oder implizit eine Herabsetzung bestimmter sozial und ökonomisch marginalisierter Gruppen betreiben3. Dazu müssen die Entstehungshintergründe betrachtet, außerdem der Verlauf des Diskurses rekonstruiert sowie die Begriffsbildung analysiert werden.

Edward C. Banfield4 und Pat Moynihan5 waren die Protagonisten eines radikal-konservativen Diskurses zur "underclass" in den USA. Sie positionierten sich gegen den damals vorherrschenden politischen und ideologischen "Zeitgeist". Banfield war es, der eine völlige Umformung des Klassenbegriffs vornahm, indem er eine "lower class" ausschließlich mittels negativer psychologischer Persönlichkeitsmerkmale6 definierte. Später verbreitete sich diese Ansicht besonders in Großbritannien und der BRD. Ein Diskurs, der mittels populärwissenschaftlichen Einlassungen, journalistischen Schriften und Essays in den Medien transportiert worden ist (Bullock, Wyche & Williams, 2001). Er reicht fast fünfzig Jahre zurück und wurde ab Mitte der 1970er Jahre mit fortgesetzter Unterstützung der großen konservativen Think Tanks in den USA bis heute propagiert. In den politischen und ideologischen Auseinandersetzungen sind Begriffe und Argumentationsmuster dieses Diskurses nicht mehr wegzudenken7. Besonders vor Beginn einschneidender Kürzungen im Sozialbereich dieser Länder verstärkte sich der "underclass"-Diskurs.

2. USA - die Verunglimpfung der Armen

"Underclass" ist eines jener Wörter des "étrange novlangue" der "les partisans de la révolution néolibérale" (Bourdieu & Wacquant, 2000). Ein "Neusprech", das ausgehend von den USA und von den dortigen konkreten lokal-historischen Entstehungsbedingungen abstrahierend, weltweit genutzt wird. Die neuen Begriffe lösen die sozioökonomisch fundierten Klassenbegriffe ab, sie verdrängen Fragen zur sozialen Ungleichheit (inégalité) und Ausbeutung und sind so gewählt, dass Macht- und Herrschaftsverhältnisse eher verschleiert als aufgedeckt werden können. Sie suggerieren gleiche Ausgangschancen in einem Wettbewerb, der von den Individuen Entscheidungen zur fortwährenden Anstrengungsbereitschaft und der marktkonformen Ausrichtung ihrer Haltungen, ihrer ganzen Person fordert (vgl. dazu die Analyse von Hacker & Pierson, 2010, zur "Winner-Take-All"-Politik in den letzten Jahrzehnten in den USA).

Gunnar Myrdal wird als derjenige genannt, der den Begriff "underclass", abgeleitet aus dem Schwedischen "Underklass" , als wissenschaftlichen Begriff einführte, um neue Phänomene in den fortgeschrittensten kapitalistischen Volkswirtschaften zu erfassen (vgl. Kronauer, 2010). Er verstand darunter eine "... class of unemployed, unemployables, and underemployed who are more and more hopelessly set apart from the nation at large and do not share in its life, its ambitions and its achievements" (Myrdal, 1962, p. 10). Vor allem waren es Journalisten, aber auch einige wenige "Wissenschaftler", die hauptsächlich in populären Magazinbeiträgen den Begriff "underclass" - von Myrdal vor allem ökonomisch und strukturell gedacht - zu einer psychologischen bzw. behavioralen Kategorie umformulierten (vgl. Gans, 1995).

In dieser Version hat der "underclass"-Terminus, der zudem mit Ausführungen zu Oscar Lewis "culture of poverty" versetzt worden ist, in den Debatten um (neue) Unterschichten, schwarze Ghettobewohner, britische "chavs" und "abgehängte Prekarier" eine stigmatisierende Wirkung entfaltet. Der Anthropologe und Armutsforscher Oscar Lewis (1914 - 1970), welcher richtungsweisende empirische Untersuchungen von Armen in Mexiko (z.B. "Five Families - Mexican Case Studies in the Culture of Poverty"; "Die Kinder von Sánchez"), Puerto Rico ("La Vida - eine puertoricanische Familie in der Kultur der Armut: San Juan & New York") und Kuba unternommen hat, wird oft als Begründer des kulturalistischen "underclass"-Ansatzes bzw. des Konzeptes einer "Kultur der Armut" ("Culture of Poverty") angeführt (Harvey & Reed, 1992; Lamont & Small, 2008). Betrachtet man Textpassagen, in denen sich Lewis zur Kultur der Armut äußert, zeigt sich, dass er die widersprüchliche, teils fatale (weil seinen Intentionen zuwiderlaufende) Rezeption mit vorbereitet hat. Das liegt an seinen deutlich unterschiedlich gewichteten Begründungen und Darlegungen für ein Konzept der Kultur der Armut, ebenso an seinem - an Talcott Parsons orientierten - Kulturbegriff. Lewis hat in "La Vida" und "Die Kinder von Sánchez" umfänglich strukturelle Faktoren der Armut angeführt. Doch seine Aussagen zu Verhaltensweisen der Armen sind in manchen kurzen Passagen so prägnant formuliert, dass man sie isoliert zitieren und sie kurzerhand zu zentralen Aussagen seines Konzeptes einer Kultur der Armut deklarieren kann: "Die Armut ist also [...] eine bemerkenswert stabile und beständige Lebensform, die sich in den Familien von Generation auf Generation vererbt. (S. 27) [...] Die Armen sind gezwungen, [...] immer wieder beim Alkohol Zuflucht zu suchen [...], kennzeichnend ist ferner, daß die Frauen oft von ihren Männern geschlagen werden. Das Sexualleben beginnt früh; man [...] lebt in freien Verbindungen, viele Männer verlassen Frau und Kind [...]. Außerdem sind mit der Kultur der Armut folgende psychologische Erscheinungen verbunden: eine starke, auf die unmittelbare Gegenwart gerichtete Orientierung mit nur geringer Bereitschaft, sich einen augenblicklichen Wunsch zu versagen und für die Zukunft zu planen; ein Gefühl der Resignation und des Fatalismus [...] und ein hoher Grad von Toleranz gegenüber allen Arten psychologischer Pathologie." (Lewis 1984, S. 29f).

Hier setzt die dominierende Rezeptionsweise an: Hervorgehoben werden die Orientierung der Armen an der unmittelbaren Gegenwart, deren fehlende Zukunftsplanung, ihre resignativen und fatalistischen Einstellungen. Diese Charakteristika werden zur Ursache für die Aufrechterhaltung bzw. das Verharren in Armut deklariert, da die Kinder der Armen solche Haltungen über die Eltern vermittelt bekämen und schon im Jugendalter stabil ausgebildet hätten. Sie blieben auch dann noch in der Armut verhaftet, wenn sich die materiellen Lebensbedingungen verbessert bzw. sich die Chancen zur Überwindung der Armut eröffnet hätten (Harvey & Reed, 1992; Lamont & Small, 2008). Im Beitrag "The Culture of Poverty" (1966), in dem Lewis eine differenziertere Ausarbeitung seines Konzepts vorlegt, werden spezifische historische und strukturelle Verhältnisse für eine Kultur der Armut veranschlagt: z.B. kapitalistische Volkswirtschaften, in denen das Unternehmertum weitgehend frei - ohne Schranken - agieren kann, Geldwirtschaft herrscht, der Sozialstaat unterentwickelt ist und die durch Kolonialismus geprägt sind. Darüber hinaus belegt er durch empirische Befunde, dass Arme in einem Slum in Havanna, die unter materiell vergleichbaren Bedingungen wie Arme in Puerto Rico leben, in einer sozialistischen Gesellschaft wie der kubanischen, eben keine Kultur der Armut ausgebildet hätten. Keinesfalls ist Lewis' Konzept der Kultur der Armut so zu verstehen, dass Armut allein auf kulturelle Ursachen oder gar auf rein persönlichkeitsbedingte Faktoren zurückzuführen ist. Jedoch ist ihm die Vermittlung von soziostrukturellen Verhältnissen mit kulturellen und subjektiven Momenten nicht ausreichend gelungen. Betrachtet man seine Fallstudien eingehend, so offenbart sich eine fehlende Verbindung zwischen den empirischen Befunden und der Theorie einer Kultur der Armut. Möglicherweise konnte er die Reichhaltigkeit seiner empirischen Studien (Lewis, 1959, 1971) deshalb nicht theoretisch abbilden, weil er sich auf einen gegenstandsunangemessenen Kulturbegriff stützte. Sein Rekurs auf Talcott Parsons' Auffassungen (vgl. Lamont & Small, 2008) verhindert geradezu die Ausarbeitung einer Theorie, wie Handlungen von Personen zur Existenzsicherung unter Konstellationen der Armut vermittelt sind. Der Bezug auf Parsons bringt ihn dazu, Kultur als Regelwerk zu konzeptualisieren, welches armen Personen bereitgestellt wird, das sie in ihrer Lage oftmals nur begrenzt handlungsfähig werden lässt: "It is the culture in the traditional anthropological sense in that it provides human beings with a design for living, with a ready-made set of solutions for human problems, and so serve a significant adaptive function" (Lewis, 1966, p. 19).

Michael Harrington, ein bekannter linker Autor der USA, griff in seinem Buch "The other America: Poverty in the United States" (1962) Lewis' Ansatz einer Kultur der Armut auf. Seine Absicht war es, auf eine bis dahin kaum beachtete Armut in den USA aufmerksam zu machen. Er betonte, dass nicht nur in Mittelamerika, sondern auch in den USA eine besondere Kultur der Armen zu beobachten sei, die sich von der Kultur der Mehrheit unterscheide, beispielsweise in Form von Qualifikationsdefiziten, Gesundheitsbeeinträchtigungen, sexueller Promiskuität oder Drogenabhängigkeit, allerdings bedingt durch unzureichende Bildungsmöglichkeiten, schlechte Wohnbedingungen und mangelhafte Gesundheitsversorgung. Er sah die Kultur dieser Armen in Zusammenhang mit nachteiligen Bedingungen, in denen sie lebten. Damit bestehe ein Teufelskreis, der die Armut aufrechterhalte. Zur Armutsbekämpfung genüge es nicht bloß die materiellen Lebensbedingungen zu verbessern, sondern man müsse gleichzeitig die ungünstigen kulturellen Faktoren mit verändern. Michael Harrington hatte mit seinem Werk großen Einfluss auf das Programm der Armutsbekämpfung des demokratischen Präsidenten Lyndon B. Johnson (Präsidentschaft 1963 bis 1969).

Ein weiterer wichtiger Vertreter in der "underclass" bzw. "culture of poverty"-Debatte war Daniel Patrick Moynihan, der mit dem Moynihan-Report ebenfalls zum "War on poverty"-Programm der Johnson-Administration beitrug. Auch er rezipierte Lewis' Arbeiten. Moynihan interessierte sich besonders für die Lebensweise in den Elendsvierteln der amerikanischen Großstädte, in denen hauptsächlich Schwarze wohnten. Er fand, dass hier mütterzentrierte und zerrüttete Familien bzw. alleinerziehende Mütter dominierten, die vielfach abhängig von Sozialleistungen waren. Obwohl Moynihan die Lebenssituation der schwarzen Bewohner in den Ghettos in historischem Zusammenhang mit der Sklaverei und der damit verbundenen marginalen Möglichkeiten für die schwarze Bevölkerung sah, waren mit solchen Befunden zur Lebensweise bzw. "Kultur" der Bewohner der Ghettos Ansätze zu einer stigmatisierenden Rezeptionsmöglichkeit eröffnet (vgl. Moynihan-Report, 1965).

Grundlegend für den "underclass Diskurs" war jedoch die konservative Rezeption und Ausformulierung des Konzeptes der Kultur der Armut: Der Politikwissenschaftler von der Harvard Universität und Politikberater der republikanischen Präsidenten Nixon, Ford und Reagan Edward C. Banfield unterschied in 'The Unheavenly City Revisited' (1974; Erstauflage 1968) eine "lower class culture" (Banfield, p. 54) von Kulturen der "working class", der "middle class" und der "upper class". Mit dem Hinweis, Soziologen hätten den Begriff "class" verschieden definiert, ohne jedoch die Gemeinsamkeiten dieser Definitionen weiter zu beachten, bereitete er eine alternative Konzeption von "class" vor. Banfield konstruierte - konträr zu bisherigen Klassenbegriffen - eine Definition der "lower class" mittels eines spezifischen Musters von Einstellungen, Werten und Verhaltensweisen. D.h., er bestimmte die "lower class" bzw. deren Kultur über Persönlichkeitsmerkmale und Handlungen: Danach hätte diese Kategorie von Armen8 bedenkliche Einstellungen, Wertorientierungen und Verhaltensweisen, die sich deutlich von denen der anderen "classes" unterscheiden würden. Fehlende bzw. bestehende Zukunftsorientierung sah er als besonders gewichtigen Faktor für die Klassenzugehörigkeit an9. Die "lower class" Angehörigen seien eben nur gegenwartsbezogen. Sie würden in den Tag hinein leben, Bedürfnisse kaum aufschieben, seien an sofortigen Gratifikationen interessiert. Sie würden keine Selbstdisziplin üben und seien wenig zielstrebig. An einer Zukunftsplanung und Bildungsanstrengungen mangele es. Vorwiegend könne von impulsivem Verhalten ausgegangen werden, z. T. sei Gewalt und Vandalismus zu beobachten. Des Weiteren würden sie stark zu sexuellen Aktivitäten neigen. Für ihre Umgebung fühlten sie sich nicht verantwortlich, daher komme es, dass manche Wohnviertel sukzessive verrotten würden. Banfield bewertete sozialstaatliche Interventionen zur Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen sowie Bildungsprogramme äußerst skeptisch. Hiervon könnten "lower class" Angehörige, gerade wegen ihrer unzweckmäßigen Kultur, schwerlich profitieren. Denn die angeführten Einstellungen und Verhaltensweisen dieser Leute seien derart verfestigt, dass eine schnelle Veränderung aufgrund sozialer und materieller Hilfen nicht erreicht werden könne. Eher sah er in der Veränderung der Arbeitsmoral und der Verhaltensstandards, die durch polizeiliche Überwachung und konsequente Bestrafung flankiert werden sollte, einen Weg zur Besserung bzw. den aussichtsreichsten Weg, der Armut zu entkommen.

Lewis und Harrington hatten zwar die "culture of poverty" in den USA publik gemacht und sich für eine Politik der Armutsbekämpfung ausgesprochen. Doch Edward Banfield war derjenige, welcher den tonangebenden kulturalistischen "underclass" Diskurs begründet hat. Seine Aufteilung von "classes" beruht, im Gegensatz zu den Klassenbegriffen von Marx (1969, 1973) und Bourdieu (1985), allein auf Einstellungen, Werten und Verhaltensweisen. Die unterschiedliche Ausprägung solcher Merkmale ist dann entscheidend für die Zuordnung zu einer der Klassen.

Ken Aulettas10 Essays (Auletta, 1981, a, b, c) im New Yorker und sein Buch "Underclass" (1981) trugen wesentlich dazu bei, dass das kulturalistische "underclass"-Konzept einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde und seitdem nicht mehr aus der Diskussion verschwand. Ohne Banfields Ansichten zur "lower class" explizit anzuführen, hat er dessen Auffassungen zur "lower class" implizit für ein breites Publikum aufbereitet. Eine Positionierung des Journalisten, ob er in sozialen Bedingungen oder negativen Verhaltensweisen die Ursache für die Zugehörigkeit zur "underclass" sah, lässt sich jedoch nicht erkennen.
Auletta berichtete u. a. über ein Trainingsprogramm am "Wildcat Skills Training Center" in Manhattan/NY, wo 26 arbeitslose Drogenabhängige, Schulabbrecher, Strafentlassene sowie Mütter, die Sozialunterstützung erhalten (Welfare mothers), an einem Verhaltenstraining und Einstellungsveränderungstraining teilnahmen, um eine bezahlte Arbeit aufzunehmen. Eine Vielzahl von Interviews mit underclass-Angehörigen aus New York sowie einer ländlichen Region in den Apalachen waren der weitere Hintergrund für seine Reportagen. Aus den Berichten und wörtlichen Zitaten der Interviews mit Betroffenen sowie Trainern entsteht beim Leser ein Bild, dass es letztlich doch an individuellen Haltungen ( z.B. das geringe Selbstvertrauen und die fehlende Bereitschaft zur Eigenverantwortung) und gravierenden psychischen Problemen liegt, welche eine Integration in Arbeit und damit ein Verlassen der "underclass" verhindern.

Charles Murray war es dann, der 1984 mit "Losing Ground: American Social Policy, 1950-1980" (1984) einen Beitrag zur "underclass"-Debatte vorlegte, der den Armen eine schändliche Moral unterstellt. Seine Argumente wurden aufgegriffen, um den neoliberalen Abbau des Sozialstaats zu forcieren sowie das Strafrecht zu verschärfen. Besonders Politiker übernahmen das Argument, dass gerade die Programme zur Bekämpfung der Armut, die seit den 1960er Jahren initiiert worden seien, eine steigende Armut hervorgerufen hätten. In "Losing Ground" lieferte er eindringliche Beispiele, um den "War on Poverty"-Programmen Kontraproduktivität nachzuweisen, z.B. das konstruierte Beispiel über ein junges unverheiratetes Paar Harold und Phyllis, die ein Kind erwarten. Diesem Paar - so Murrays Beweisführung - wäre um 1960 nur Arbeitssuche als sinnvolle Lösung geblieben; nach den Reformen in den 1960er Jahren jedoch, wäre die Entscheidung, Sozialhilfe zu beziehen, rationaler gewesen als eine Arbeit aufzunehmen, da Sozialhilfe zu mehr materieller Lebensqualität geführt hätte. Murray zufolge sei eine solche Verbesserung der Lebenssituation jedoch nur kurzfristig von Vorteil: "The first effect of the new rules was to make it profitable for the poor to behave in the short term in ways that were destructive in the long term. Their second effect was to mask these long-term losses to subsidize irretrievable mistakes. We tried to provide more for the poor and produced more poor instead" (Murray, 1984, p. 9). Bestimmte Gruppen von Armen hätten schnell erkannt, dass man sich auf Leistungen der Sozialhilfe verlassen könne, und das hätte verheerende Folgen für die Selbstdisziplin, die Arbeitsmotivation, die Bildungsanstrengungen. Die Zahl schwarzer junger Frauen mit unehelichen Kindern hätte dadurch zugenommen - hier sei eine regelrechte Wohlfahrtsabhängigkeit entstanden (er sprach von "welfare mothers"). Bei jungen, insbesondere schwarzen Männern hätte sich die Arbeitslosigkeit und die Kriminalität ausgebreitet. Seine Argumentation war eingängig und fand weithin Beachtung. Sie basierte auf einem einfachen behavioristischen Verstärkungsmodell: In den 1960er hätten politische Maßnahmen im Bereich Wohlfahrt, der Strafgesetzgebung und Bildung falsche Anreize gesetzt. Innerhalb kürzester Zeit hätten sich bestimmte Gruppen der Armen in ihrem Verhalten danach ausgerichtet. Diese kurzfristigen Effekte stünden im Widerspruch zu den soziologischen oder ökonomischen Erklärungen, die die Entstehung einer neuen "underclass" auf die gesellschaftliche Transformation hin zu einer High-tech-Ökonomie zurückführten. Wäre das der Fall, dann hätten sich die Verhaltensweisen bei bestimmten Gruppen nicht so schnell entwickelt, sondern wären erst zeitverzögert bzw. langfristig entstanden. In seinem neuen Buch "Coming Apart: The State of White America, 1960-2010" wird ein weiteres Mal die abhängig machende Sozialhilfe sowie problematisches Verhalten der "underclass"-Angehörigen für die Aufrechterhaltung, gar Ausweitung der Armut verantwortlich gemacht. Eine ökonomische Erklärung für Ungleichheit weist Murray erneut vehement zurück und fokussiert einseitig bzw. ausschließlich auf kulturelle und Verhaltensfaktoren (außerdem konzentriert er sich ausschließlich auf weiße Amerikaner, da die Unterschiede zwischen den "classes" kulturell determiniert seien und nicht noch durch einen Faktor wie Rasse), um eine "upper class" von einer "lower class" zu unterscheiden. Die deutlichen Unterschiede lägen im Geschmack und in kulturellen Präferenzen begründet. In diesem Buch greift er - wie zuvor - zum Stilmittel der erfundenen Beispiele und der Veranschaulichung, indem er beispielsweise zwei fiktive Wohnorte konstruiert: Eine "upper class" Gegend "Belmont" sowie ein Ort namens "Fishtown", welcher von der "underclass" bewohnt wird. Damit bildet er die räumliche Segregation von Reichen und Armen ab. Diese sei ein gravierendes Problem, weil die Angehörigen der "new upper class" gerade dadurch den Kontakt zu den Mitgliedern der "new underclass" verloren hätten, der unbedingt wieder hergestellt werden müsse. Die "new upper class" zeichne sich durch hohe Bildung aus, sie sei beruflich engagiert, Heirat und dauerhafte Ehe würden hoch bewertet; sie zeigten stärkeren Gemeinschaftssinn und Religiosität. Die Armut und Zugehörigkeit zur "new underclass" sei als Folge des moralischen Verfalls dieser Leute zu sehen. Die weiße Unterschicht sei nicht mehr religiös, sei nicht mehr familienorientiert, ihr fehle jegliche Arbeitsmoral und Bildung. Es mangele ihr an den Tugenden der amerikanischen Gründerzeit: Familiensinn, Fleiß, Gemeinschaftssinn sowie Religiosität. Murray formuliert seine psychologisierende und moralisierende Sicht auf soziale Ungleichheiten extrem zugespitzt: Zuerst sei die Moral gesunken und infolgedessen die Wirtschaftskraft der USA und es gelte immer noch, dass Amerika für jeden, der arbeiten wolle, auch Arbeit bereithalte. Er appelliert mit seinem Buch an die "new upper class": Sie solle den "underclass" Angehörigen wieder Sinn für Ehe, Familie und Selbstbestimmung nahe bringen. Deutlich gemacht werden müsse, dass man sich nicht auf Sozialhilfe verlassen könne. Seine Argumentation kann als ein Beitrag gewertet werden, von der Verantwortlichkeit der amerikanischen Eliten für die soziale Misere im Land und der zunehmenden extremen sozialen Ungleichheit abzulenken. Er schreibt dem so genannten "white trash" die Schuld für die desolate Lage der USA zu.

Mit den hier dargestellten Varianten des "underclass"-Diskurses in den USA, welche die Arbeiten von Gunnar Myrdal und Oscar Lewis nur im Sinne einer Anschlussargumention rezipiert, aber nicht wirklich inhaltlich aufnimmt, ist der Klassenbegriff auf den Kopf gestellt worden. Negative Verhaltensweisen und eine verkommene Moral sind es, die zur Konstruktion einer "behavioural underclass" (Gans, 1995) benutzt worden sind. Die Ausarbeitung erfolgt mittels Fallbeispielen, Vignetten von nur oberflächlich beobachteten Phänomenen, für die jedoch keine differenzierten empirischen Studienergebnisse vorgelegt werden. Die verschiedenen Autoren versehen ihre Behauptungen mit Geschichten zu Teenagermüttern ("welfare mothers"; in der Präsidentschaftskampagne von Ronald Reagan wurde dann das Zerrbild von den "welfare queens" propagiert) oder jungen Männern, die als kriminell, arrogant, gewaltbereit u. ä. umschrieben werden. Somit werden Prototypen für die Zusammensetzung der "underclass" entworfen und gleichzeitig implizit rassistische Stereotype transportiert, ohne dass explizit von Schwarzen gesprochen werden muss.

Dieser bis heute wirksame Diskurs wurde in den 1960er Jahren in den USA entwickelt. Er ist ab den 1980er Jahren dort so einflussreich geworden, dass massive Kürzungen sozialstaatlicher Leistungen möglich wurden. Es wurde ein Stereotyp von Armen erzeugt, indem diese als verabscheuungswürdige Individuen etikettiert wurden, die den Sozialstaat ausnutzen, ein königliches Leben führen, teils kriminell und promisk sind (vgl. Gans, 1995; Kronauer, 1996; Bremer & Gestring, 1997; Wacquant, 1996, 2004).

3. Großbritannien - antisoziale Jugendliche werden zu Prototypen der "underclass"

In Großbritannien wurde der "underclass"-Begriff schon sehr früh gebraucht, beispielsweise beinhaltet Richard Titmuss' Konzeption sowohl strukturelle wie auch Verhaltensaspekte (vgl. Welshman, 2004). Auch in Anthony Giddens’ Definition der "underclass” zeigt sich dieses Verständnis: Diese "... is composed of people who are concentrated in the lowest-paid occupations, and are semi-employed or chronically unemployed, result of a disqualifying market capacity of a primarily cultural kind” (Giddens, 1973, p.27). Die Rezeption dieser "underclass"-Definitionen blieb aber weitgehend auf den akademischen Bereich begrenzt. Erst zu Beginn der 1990er Jahre setzte dann die stigmatisierende "underclass"-Debatte in der britischen Öffentlichkeit ein. Der Amerikaner Charles Murray propagierte mit den Büchern "The Emerging British Underclass" (1990) und "Underclass: The Crisis Deepens" (1994) eine spezifische Version seines "underclass"-Ansatzes nun auch für Großbritannien (GB): Hier existiere neben den Armen aus der "working class" eine "new rabble underclass". Diese Armen seien kriminell, moralisch verkommen, nicht bereit zu arbeiten, würden sich antisozial verhalten, und der Anteil der jungen Frauen mit unehelichen Kindern sei groß. Murray selbst machte deutlich, dass er sich mit seiner Kategorisierung gar nicht weit entfernt von Positionen befindet, die im 19. Jhd. in GB vertreten wurden. Damals habe man schon zwischen Armen, die zu Recht Hilfe erhalten und denjenigen unterschieden, die eine Gefahr für die öffentliche Ordnung darstellten und daher auf keinen Fall Unterstützung erfahren sollten (vgl. Hayward &Yar, 2006; MacDonald, 2008). War der "underclass"-Diskurs in den USA mit rassistischen Untertönen durchsetzt, so richtete sich in GB der Fokus auf Jugendliche. Als prototypisch für die britische "underclass" werden nun kriminelle junge Männer und junge promisk lebende Frauen betrachtet. Man kann von einer Konstruktion von "class" entlang des Lebensalters sprechen, deren Mitglieder unter 25 Jahre alt sind und denen man eine Vielzahl ungünstiger Eigenschaften zuschreibt (vgl. MacDonald, 1997). Mittels einer Liste von negativen Verhaltensdispositionen, die mit den Kriterien der antisozialen Persönlichkeitsstörung11 korrespondieren, sollen auffällige Jugendliche identifiziert werden, um Maßnahmen zur Verhaltenskorrektur einzuleiten (z.B. die Vermittlung einer Arbeitsethik, bestimmte Sportangebote) oder sie nach der "Anti-Social Behavior Order" Zwangs- oder weicheren Strafmaßnahmen zuzuführen. In der britischen Politik ist Unterstellung von "antisozialem Verhalten" ein weit verbreitetes Argumentationsmuster: Nach den Jugendunruhen 2011 u. a. in London, Liverpool und Manchester wurden von Premierminister Cameron kriminelle Elemente verantwortlich gemacht. Die hohe Arbeitslosigkeit der Jugendlichen in GB - eine der höchsten in Europa - erwähnte er jedoch nicht (Cameron, 2011). In dem Zusammenhang ist ein Versuch der Psychiatrisierung zu erwähnen, der in einer Presseerklärung von der School of Psychology der University of Leicester (2011) unternommen wurde. Hier wird behauptet, dass die Unruhen vor allem von antisozialen Persönlichkeiten ausgingen. Solche Personen hätten wegen ihres schlechten Charakters vermehrt Probleme in Schule und Arbeit, so dass Ausschließungsprozesse als Folgen aufträten. Extrem antisoziale Persönlichkeiten, die Exklusionserfahrungen machen, schließen sich ihresgleichen an, insbesondere kriminellen Banden. Die Studie von Egan und Beadman, die als Beleg für diese Behauptungen angeführt wird, beruht jedoch auf einer Untersuchung von erwachsenen Strafgefangenen. Ein Zusammenhang zu den Jugendunruhen lässt sich nicht erkennen und wird von den Autoren in ihrer Veröffentlichung auch nicht erwähnt (vgl. Egan & Beadman, 2011). In GB wird die psychiatrische Kategorie "antisoziale Persönlichkeitsstörung" zur Erfassung von rebellischen "underclass" Jugendlichen oder "chavs"12 herangezogen: Jugendliche werden anhand eines Rasters von Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltensweisen beurteilt, ob sie Unruhen anzetteln bzw. ob sie eine Gefahr für die öffentliche Ordnung darstellen könnten. Diejenigen, die eine solche "Diagnose" erhalten, sollen entweder sozialarbeiterisch bzw. psychotherapeutisch betreut werden oder gegebenenfalls Strafmaßnahmen zugeführt werden. Obwohl GB eine der höchsten Jugendarbeitslosigkeitsraten in der EU hat, fehlen adäquate politische oder wirtschaftliche Interventionen, um diese wirksam zu reduzieren.

4. BRD - die kulturell Minderwertigen

Für eine einflussreiche Variante des Diskurses in der BRD stehen die Essays von Paul Nolte (Prof. für Neuere Geschichte an der FU Berlin), der nach dem Jahre 2000 über die neuen Unterschichten schreibt. Er wendet sich an ein Mittelschichtspublikum13 und vermittelt diesem im Wesentlichen die Positionen des amerikanischen Diskurses, auf den er zwar allgemein in einem Satz Bezug nimmt, ohne jedoch die US-Autoren konkret anzuführen (vgl. z.B. Nolte, 2004, S. 58). Nolte beobachtet in der BRD eine neue Unterklasse, die sich abseits von anderen Schichten gebildet hätte. Diese "Klasse" definiert er, indem er den Angehörigen ein einheitliches und spezifisches "Konsumdreieck von Tabak, Alkohol und Lotto" zuschreibt. Den Tag würden sie mit "Unterschichtenfernsehen" verbringen. Als weitere negative Kennzeichen attestiert er unbürgerliches und unzivilisiertes Verhalten, Bildungsferne, Desinteresse an Erwerbsarbeit, Hang zur Bequemlichkeit und Drang zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung. Der bundesrepublikanische Sozialstaat, der im Wesentlichen Transferleistungen bereitstelle - ohne diese mit Forderungen zu verknüpfen - trage zur Aufrechterhaltung dieser Haltungen bei und sei damit kontraproduktiv14. Die Ursachen für den moralischen Verfall und die schädlichen Verhaltensweisen der Unterschichts-Angehörigen sieht er in der modernen Massenkultur sowie der nachlassenden "Strahlkraft" der bürgerlichen Leitkultur begründet. Die alte Arbeiterklasse habe sich an bürgerlichen Werten orientiert und das Ziel, sozial aufzusteigen, verfolgt. Die neue Unterklasse habe sich jedoch davon verabschiedet. Nolte appelliert nun an seine Leser (aus der Mittelschicht), dass man es nicht bei den Transferzahlungen belassen dürfe. Er ruft zu Interventionen in die "Kulturen der Armut" und zu einer Beteiligung an einer "bürgerlichen Aufklärung" auf. Darunter versteht er die Vermittlung einer 'achievement-Kultur': Disziplin, Leistung, Höflichkeit, Bildung, maßvolles Essen und körperliche Ertüchtigung müssen den Unterschichts-Angehörigen beigebracht werden. Seine Ausführungen lassen erkennen, dass er dabei nicht auf eine Kuschelpädagogik setzt, sondern den Adressaten Anstrengungen unter Androhung von Sanktionen zumuten möchte. Der Sozialstaat in der bisherigen Form, der in erster Linie materielle Unterstützung gewährt, sei im Prinzip nichts anderes als "fürsorgliche Belagerung". Die Mittelschicht könne sich das heute jedoch nicht mehr leisten. Die Essays von Nolte, die in der Wochenzeitung "Die Zeit" erschienen sind und in dem Buch "Generation Reform" gebündelt vorliegen, haben nicht den Stellenwert wissenschaftlicher Abhandlungen. Empirische Studien, die seine Behauptungen zur neuen Unterschicht belegen könnten, sucht man vergebens. Die Begriffe, die er prägen möchte wie z.B. Unterklasse, Unterschichtskultur, bleiben vage - um ein Wort von ihm zu benutzen: "Wabbelbegriffe". Ohne Belege also, dafür umso rigoroser, wiederholt er Auffassungen, welche er aus dem amerikanischen Diskurs übernommen hat, dass die "Mechanismen der Klassengesellschaft" nicht aus der "Sphäre der Produktion" resultieren, sondern sich über Konsumverhalten und das Alltagshandeln bestimmen (Nolte, 2004, S. 41). Die Art des Konsums, des Lebensstils und der Bedürfnisbefriedigung bestimme demnach die Zugehörigkeit zu einer Klasse.

Ähnlich wie Nolte argumentieren z.B. Wüllenweber in seinen Stern-Beiträgen (2004, 2006 und 2012 in seinem Buch "Die Asozialen") sowie Schüle (2010) in seinem als Reportage ausgegebenen Zeit-Artikel. Bemerkenswert ist des Weiteren, dass das stigmatisierende "underclass"-Konzept, das von radikalen Konservativen in den USA auf den Weg gebracht worden ist, ebenfalls Eingang in die Soziale Arbeit bzw. Soziale Beratung gefunden hat (z.B. bei Gehrmann & Müller, 2010).

Hradil (2010) weist darauf hin, dass noch weitere Varianten des Unterschichtendiskurses in der Bundesrepublik existieren: U.a. die reißerischen Geschichten in der Bildzeitung sowie im Focus über den "Sozialschmarotzer Florida Rolf". Diese wenden sich an ein anderes Publikum als die sprachlich ausgefeilten Ausführungen von Nolte. Dieser spricht explizit ein bürgerliches, besser gesagt ein gebildetes Mittelschichtspublikum an.

Außerdem sind mit Sarrazin und Sloterdijk zwei weitere Vertreter zu nennen, die eine äußerst rechte Variante des Unterschichten-Diskurses in der BRD propagieren (vgl. Wagner & Zander, 2011).

5. Fazit

Die Diskurse in den USA, GB und der BRD zur "underclass" sind miteinander verknüpft. Identisch ist ihre Antwort nach den Ursachen von Armut und sozialer Ungleichheit: Die armen, marginalisierten oder ausgeschlossenen Menschen selbst sind die Verursacher. Negiert werden gesellschaftliche und ökonomische Bedingungen für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Armut. Diese Erklärung, die in Variationen seit Ende der 1960er Jahren immer wieder verbreitet wurde, kann als eine der einflussreichsten ideologischen Transformationsarbeiten (vgl. PIT, 1979) der letzten Jahrzehnte angesehen werden, der es gelungen ist, die früheren, noch in den 1960er Jahren vorherrschenden emanzipativen sozialpolitischen Ideen zurückzudrängen. Es bleibt festzustellen, dass der neue, die soziale Ungleichheit personalisierende und psychologisierende Diskurs besonders im Vorfeld einschneidender Maßnahmen gegen den Sozialstaat maßgebliche Wirkungen entfaltet hat. Das kann man für die USA, GB wie auch die BRD nachweisen: Beispielsweise kann in den USA die Begrenzung der Sozialhilfe auf fünf Jahre für bedürftige Familien durch den "Temporary Assistance to Needy Families"-Akt vom 01.01.1997, verfügt durch den demokratischen Präsidenten Bill Clinton, durchaus als "Nachwirkung" der neokonservativen Propaganda gelten, die u. a. durch Charles Murray, Fellow am American Enterprise Institute15, vorgetragen worden ist (vgl. Schreyer, 2000; Wilke, 2002). In GB waren sowohl unter den konservativen Regierungen der Margret Thatcher und des John Majors als auch unter New Labour Premierminister Tony Blair sozialpolitische Maßnahmen auf marginalisierte arme Jugendliche ausgerichtet, denen antisoziales Verhalten attestiert wurde. Die "Reformen" der Sozialgesetzgebung in der BRD (die so genannten Hartz-Reformen) unter der rot-grünen Regierung Schröder/Fischer waren dem Paradigma einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik verpflichtet. Damit wurde ein neoliberaler Abbau des Sozialstaates vollzogen, der in der BRD in den ersten Jahren nach 2000 massiv einsetzte, also deutlich später als in den USA und GB. Diese Einschnitte brachten nicht nur die Umkehrung von Pflichten und Lasten in der Sozialgesetzgebung für die Betroffenen. Auch für diejenigen, die sich (noch) in Arbeit befinden, ist die vor 2005 geltende Orientierung sozialer Leistungen am erreichten Lebensstandard abgeschafft worden und damit die Gefahr, bei Arbeitslosigkeit, die länger als ein Jahr andauert, sozial abzusteigen, größer geworden (vgl. Michels, 2011). Paul Nolte griff mit seinen Essays zu den "neuen Unterschichten" in sozialpolitische Diskussionen und Auseinandersetzungen der 2000er Jahre ein, wobei sein Appell an die Mittelschicht ein Spezifikum seines Ansatzes - im Verhältnis zur US- bzw. GB-Debatte - darstellt: Sie für (pädagogische) Interventionen in die "Kulturen der Armut" zu gewinnen, sie als besser in Verhalten und Werten darzustellen als die Angehörigen der Unterschicht, die vernehmlichen Ressentiments zu lenken, aber auch indirekt Druck zu erzeugen, ja nicht in den Anstrengungen nachzulassen und sich auf die Werte einer Leitkultur zu besinnen - und sich nicht mit den Armen zu solidarisieren. Eine geschickte ideologische Intervention, die historische Vorläufer hat, aber offenbar heutzutage ebenso erfolgreich Gruppen gegeneinander führt, die eigentlich aufgrund ihrer sozialen Lage und den sich daraus ergebenden politischen Interessen in wesentlichen Punkten übereinstimmen müssten.

In allen drei Ländern lassen sich Konjunkturen dieses "underclass"-Diskurses feststellen: Ein Ansteigen dann, wenn um sozialpolitische Reformen gerungen wird. In der BRD ist die Debatte bis heute in ganz unterschiedlichen Medien präsent (vgl. u.a. Wüllenweber, 2012). Mit einer Expansion wird man immer wieder dann rechnen müssen, wenn eine weitere Demontage des Sozialstaates vorbereitet wird.

Endnoten

  1. Sowohl Singular- als auch Pluralformen werden von den Diskursführenden benutzt; ein erster Hinweis auf die recht vagen Begriffsbestimmungen.
  2. In den USA und Großbritannien werden die Begriffe "underclass", "lower class" und "culture of poverty" benutzt.
  3. Die Ausführungen zur "underclass", die auf empirischen Arbeiten zu sozialökonomischen Bedingungen dieser neuen Unterklasse basieren (die als strukturelle Theorien zur "underclass" gewertet werden), werden bei der Analyse nur berücksichtigt, insofern sie von den kulturalistischen Vertretern im Sinne einer Anschlussargumentation aufgenommen worden sind.
  4. Lebensdaten: 1916 - 1999; Professor für Politikwissenschaft an der Harvard Universität und der Universität Pennsylvania; Gastforscher am AEI; Berater der republikanischen Präsidenten R. Nixon, G. Ford und R. Reagan.
  5. Lebensdaten: 1927 - 2003; Soziologe; konservativer Demokrat, der sowohl Berater der demokratischen Präsidenten Kennedy und Johnson, als auch der republikanischen Präsidenten Nixon und Ford war.
  6. Seine Werke lassen keine Rezeption von Oscar Lewis' "Culture of poverty" erkennen, lediglich ein kurzer Bezug auf Harrington ist von ihm vorgenommen worden.
  7. Michael Hüther im Gespräch mit Christoph Butterwegge - im Interview werden Teile des Diskurses variiert. Verfügbar unter: http://www.iwkoeln.de/de/presse/interviews/beitrag/99913 (27.12.2012).
  8. Er meint hier die unterste Gruppe einer Gesellschaft, welche dauerhaft in dieser Position verbleiben würde.
  9. Banfield vergleicht arme Juden und Iren um 1885 bis 1895: "Very likely, the present-orientation of the Irish and the future-orientation of the Jews had important indirect effects as well" (Banfield, 1974, p. 68). Des Weiteren seien Juden damals stärker bildungsorientiert gewesen, dies hätte dazu geführt, dass sie später - im Verhältnis zu den irischen Einwanderern - eher sozial aufgestiegen wären.
  10. Ein prominenter und einflussreicher Journalist in den USA.
  11. In Blairs Regierungszeit orientierte man sich an dieser - in der Wissenschaft umstrittenen - Diagnose der "antisozialen" bzw. "dissozialen" Persönlichkeitsstörung. Mittels dieser Kategorie lassen sich ein Großteil unerwünschter Verhaltensweisen pathologisieren: etwa Pöbeleien, Bedrohungen, Ruhestörung, Bandenbildung, Vandalismus, Betteln, Alkoholtrinken in der Öffentlichkeit etc. Wer solche Verhaltensweisen zeigte, der musste mit Sanktionen rechnen, dies wurde 1998 in den ASBOs (Anti-Social Behaviour Orders) festgelegt.
  12. Mit "chav" werden neuerdings in spezifischer Manier gekleidete Jugendliche aus eher armen Verhältnissen bezeichnet; das Wort ist äußerst abschätzig gemeint, das deutsche Schimpfwort "Proll" ist nur eine unzulängliche Übersetzung; Konnotationen der deutschen Schimpfworte Macker oder Schlampe sind wohl mitenthalten.
  13. Er publizierte sie in der Wochenzeitung "Die Zeit" und seine Argumentation unterscheidet sich deutlich vom Diskurs in der Bildzeitung.
  14. Diese Einschätzung von Nolte bezieht sich auf das soziale Sicherungssystem in der BRD vor den so genannten Hartz-Reformen im Jahre 2005.
  15. Das American Enterprise Institute ist ein Think Tank, an dem viele bekannte "Neocons", wie z.B. Irving Kristol sowie die Vordenker des "Krieges gegen den Terror", John Bolton, Paul Wolfowitz, Richard Perle und John Yoo, arbeiteten, die in der G.W. Bush-Administration großen Einfluss gewinnen konnten.

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Autor

Hans-Peter Michels
hmichels@bitte-keinen-spam-hs-lausitz.de

Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg
Jahrgang 1956, Prof. Dr. phil., Diplom-Psychologe
Arbeitsgebiete: Sozialpsychologie, Lebensführung im Postfordismus (u.a. in Armutslagen)

 



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