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Bericht: Ferienuniversität Kritische Psychologie - Reflexionen über die Entfremdung von Theorie und Praxis

Christian Küpper, Grete Erckmann, Felicitas Karimi & Leonie Knebel
[Forum Gemeindepsychologie, Jg. 18 (2013), Ausgabe 1]


Vom 11.-15. September 2012 fand die 8. Ferienuniversität Kritische Psychologie "Subjektivität in der Krise?" an der Freien Universität Berlin (FU) statt. Über 90 Veranstaltungen gruppierten sich um die drei Themenblöcke "Kritische Praxis", "Kritische Wissenschaft" und "Gesellschaftskritik: Arbeiten und Leben im Neoliberalismus", die ergänzt wurden von thematisch vielfältigen Einführungsworkshops in die Kritische Psychologie. Organisiert wurde die Ferienuniversität von einem autonomen Arbeitskreis, bestehend aus Studierenden, WissenschaftlerInnen sowie PraktikerInnen der Psychologie und angrenzender Wissenschaftsbereiche. Die über 750 Teilnehmenden der Ferienuniversität sind Ausdruck einer kollektiven Suche nach einer kritischen, sozialverantwortlichen und gesellschaftstheoretisch informierten Perspektive auf psychologische Problemfelder. Da die Überwindung aller Verhältnisse, "in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist" (Marx), noch immer nicht gelungen ist, steht, so die OrganisatorInnen, die Weiterentwicklung einer emanzipatorisch intendierten und praktisch eingreifenden Psychologie auf der Agenda. In Anbetracht des allgemeinen Trends der Verdrängung kritischer Ansätze aus psychologischer Wissenschaft und Praxis war es daher erklärtes Ziel, eine kritische Gegenuniversität zu schaffen. Die Veranstaltungen des Themenblockes "Kritische Praxis", auf die sich die anschließende Darstellung konzentriert, stellten im Besonderen ein Bemühen dar, einer unreflektierten Klinischen Psychologie in Wissenschaft und Praxis etwas entgegenzustellen.

Wesentlicher theoretischer Bezugspunkt war dabei die Kritische Psychologie, wie sie seit den 1970ern vorrangig an der FU Berlin in einer Arbeitsgruppe um Klaus Holzkamp entwickelt und diskutiert wurde. Diese versteht sich als marxistische Subjektwissenschaft und hält an der Möglichkeit fest, dass das unabgegoltene Projekt menschlicher Emanzipation Wirklichkeit wird. Dafür stellt sie ein begriffliches und methodologisches Instrumentarium zur Verfügung, welches die Besonderheit der menschlichen Trinität als ein aus Natur entsprungenes, gesellschaftlich und individuell sich entwickelndes Lebewesen adäquat erfassen will. Sie hat die Marxsche Erkenntnis, wonach die Menschen nicht nur Produkte ihrer gesellschaftlichen Lebensverhältnisse sind, sondern als ProduzentInnen derselben in einem sinnlich-tätigen Verhältnis zur Welt stehen, gewissermaßen psychologisch ausbuchstabiert. Als Theorie menschlicher Lebenspraxis stellt sie sich in den Dienst der sozialen Selbstverständigungsversuche der Einzelnen über ihre Eingebundenheit in leidvolle Lebensbedingungen, unter anderem entlang der Achsen race, class, gender und disability. Angestrebt wird die Realisierung vormals unterbundener oder nicht sichtbarer Handlungs- und Erfahrungsmöglichkeiten, somit die Befähigung zum praktischen Eingriff in solidarischer Absicht. Originärer Gegenstand interdisziplinär ausgerichteter psychologischer (Praxis-)Forschung ist demnach "die Welt, wie das Subjekt sie - empfindend, denkend, handelnd - erfährt" (Markard). Dergestalt bewegt sie sich in großer Nähe zu einer kritischen Gemeindepsychologie und Gesundheitsforschung.

Wichtige Fragen, denen im Themenblock "Kritische Praxis" nachgegangen werden sollte, waren die nach der Beziehung zwischen psychischem Leiden, dessen Ausdrucksformen und den jeweiligen Lebensverhältnissen der Einzelnen sowie nach emanzipatorischen Handlungsperspektiven für Hilfesuchende und professionell Handelnde. Die bekannte, jedoch relativ allgemein gehaltene These des Leidens an den gesellschaftlichen Verhältnissen, konkretisiert sich unter anderem in der gesellschaftlich breit geführten Diskussion um den Leidenskomplex Depression. Die Frage nach der gesellschaftlichen Bedeutung der Depression war daher auch Gegenstand mehrerer Veranstaltungen. Unter Bezugnahme auf Alain Ehrenbergs "Das erschöpfte Selbst" vertrat Christina Kaindl die Position, Depression als "Krankheit unserer Zeit" zu dechiffrieren. Die Einzelnen sehen sich im neoliberal organisierten Kapitalismus und damit einhergehender Umstrukturierung gesellschaftlicher Lebens- und Arbeitsweisen zunehmend mit Imperativen der Selbstverwirklichung und des Selbstmanagements konfrontiert. Die bis in intimste Lebensbereiche reichende Struktur der permanenten Arbeit an sich selbst führt zur Überforderung, zur massiven Erschöpfung und zeigt sich klinisch in Leidenskomplexen der Depression und des Burn-out. Charlotte Jurk hingegen wies darauf hin, dass in der Rede über die Volkskrankheit Depression, gesellschaftliche Zusammenhänge allzu schnell aus dem Blick geraten. Mittels der Diagnose Depression wird das Leiden an den gesellschaftlich-sozialen Zumutungen in individuelles Versagen umgedeutet. Die Schwammigkeit des Depressionsbegriffs ermöglicht dabei die diskursive Anschlussfähigkeit pathologisierender Zugriffe auf die Psyche. Zu nennen wären die Herstellung von Behandlungsbedürftigkeit und die zunehmende Medikalisierung. In eine ähnliche Richtung argumentierte Jonas Westphal. Er untersuchte die Wirkmächtigkeit der Serotoninhypothese und der ihr zugrunde liegenden neurochemischen Sichtweise des Menschen. Obwohl keine neurochemischen Ursachen für Depression belegt sind, hält sich doch hartnäckig die Vorstellung, Depression wäre auch die Folge eines, wenn auch mittlerweile komplexer angenommenen, Neurotransmitterungleichgewichts. Da eine einheitliche Theorie der Depression und ihrer Entstehungsverhältnisse noch immer nicht vorliegt, lotete Thomas Goetzel die Fruchtbarkeit einer historisch-wissenschaftstheoretischen Perspektive aus. Diese soll ermöglichen, die theoretischen Grundlagen sowie darin eingegangene Vorannahmen und Begrenzungen gegenwärtig hegemonialer Konzeptionen, wie die des biopsychosozialen Modells und die der psychischen Störungen, herauszuheben.

Wie sich in der Auseinandersetzung um den Komplex Depression bereits zeigt, richtete sich in vielen Veranstaltungen der Fokus auf die Kritik an der Psychologisierung, Pathologisierung und Personalisierung gesellschaftlicher Missstände. Aus kritisch-psychologischer Perspektive gilt es, diese Verkürzungen zu benennen und die gesellschaftlichen Bezüge im Leiden der Einzelnen kenntlich zu machen. Auf damit zusammenhängende Schwierigkeiten machte Ariane Brennsell aufmerksam. Es mangelt an einer Sprache jenseits des klinischen Vokabulars, in der sich subjektive Erfahrungen (alltäglichen) psychischen Leidens ausdrücken lassen. Eine solche Sprache vom Subjektstandpunkt steht vor der Herausforderung, die gesellschaftlichen Lebensverhältnisse und darin liegende Momente struktureller Gewalt auf die subjektive Erfahrung (des Leidens) und umgekehrt beziehen zu können. Ein plastisches Beispiel erwähnter Verkürzungen lieferte Rosemarie Straub mit einer sprachanalytischen Betrachtung diagnostischer Verfahren für AD(H)S und Hochbegabung bei Kindern und Jugendlichen. Die Sprachregelung der ExpertInnen gibt sich unanfechtbar und affiziert die Welt- und Selbstsicht der Betroffenen. In der gesellschaftlichen Rede über den Wahnsinn manifestiert sich selbige Konstellation. Sarah Dittel und Christian Küpper arbeiteten heraus, wie die vorgefundenen Begriffe Schizophrenie, Psychose, Wahn und psychische Krankheit/Störung die Frage nach der Besonderheit ver-rückter Lebenserfahrungen verstellen und gesellschaftlichen Ausschluss legitimieren können. Ein subjektwissenschaftlicher Zugang zu Ver-rücktheit verfolgt dem entgegen das Ziel der Wiederaneignung subjektiver Erfahrung. Zugleich sollen damit diskursive Verquickungen von Geschlecht und Wahnsinn sichtbar werden. Vanessa Lux unterzog die Rolle der Genetik für die Erklärung psychischen Leidens einer kritischen Prüfung. Diese Variante biologistisch-deterministischen Denkens hat sich in den letzten Jahren unter dem Eindruck neuerer Überlegungen, wie die der Epigenetik und der auf Veränderbarkeit zielenden psychologischen Praxis, gewandelt. Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell erfüllt hierbei eine wichtige Vermittlungsfunktion. In diesem wird der genetischen Prädisposition jedoch weiterhin ein prominenter Platz eingeräumt, obwohl noch immer keine empirischen Belege vorliegen, die diesen Platz rechtfertigen würden. Die Gesellschaftlichkeit menschlicher Existenz und des psychischen Leidens verschwindet andererseits hinter der Vokabel Stress.

Ein großes Veranstaltungsensemble konzentrierte sich auf verschiedene Settings psychologischer Praxis. Kurt Bader und Heinz Mölders stellten das niederländische Multiloog-Projekt vor, welches sich maßgeblich am subjektwissenschaftlichen Ansatz der "sozialen Selbstverständigung im Rahmen alltäglicher Lebensführung" (Holzkamp) orientiert. Dieses niedrigschwellige Angebot hat zum Zweck, einen vertrauensvollen Rahmen für die Verständigung über (problematische) Alltagskonstellationen bereitzustellen, um subjektive Erfahrungen verbalisierbar und verborgenes Wissen ggfs. bewusst machen zu können. Das Projekt Selbstverständigung über Drogengebrauch (ProSD) existiert seit 2008 in Berlin und begreift sich explizit als kritisch-psychologisch arbeitende Praxisforschungs- und Selbsthilfegruppe. Wie Nicole Bromann, Felicitas Karimi und Christoph Vandreier ausführten, basiert ihre Arbeit auf der Grundannahme, Drogenkonsum als subjektiv begründete Handlung zu begreifen. Damit steht diese quer zu der hegemonialen Vorstellung, wonach Konsumierende als bedingte Objekte einer subjektivierten Substanz gesehen werden und so Abstinenzorientierung als Maßstab gilt. Gemeinsam mit den Teilnehmenden des Projekts wird in einem partizipativen Setting versucht, subjektive Begründungsstrukturen zu erforschen, die dem als problematisch erfahrenen Drogengebrauch zu Grunde liegen.

Das Verhältnis der Kritischen Psychologie zur Psychotherapie gestaltet sich nicht eindeutig. Jochen Kalpein und Michael Zander zeichneten in ihrem Beitrag die seit den 70iger Jahren geführten Debatten nach. Wurde anfänglich versucht, einen eigenständigen psychotherapeutischen Ansatz zu entwickeln, fokussierten spätere Überlegungen stärker auf die Kritik an der Therapeutisierung gesellschaftlicher Widersprüche. Die Frage nach einer kritisch-psychologischen Konzeption der als klinisch imponierenden Phänomene begleitete die Auseinandersetzungen. Auf Grundlage des kritisch-psychologischen Konfliktmodells kreisten Diskussionen dabei wiederholt um die Rolle biographischer Erfahrungen und aktueller Lebenssituationen bei der Genese, Dynamik und Überwindung psychischer Problemlagen, wie auch um die Möglichkeit einer nicht psychologisierenden und nicht entpolitisierenden Erfassung des Zusammenhangs zwischen individuellem psychischen Leiden und gesellschaftlichen Bedingungen. Vorgestellt wurde zudem ein Forschungsprojekt von Ole Dreier, welches den therapeutischen Prozess als soziale Praxis begreift, eingebettet in die alltägliche Lebensführung und somit nur unter Bezug auf diese verstehbar. Gegenwärtiges Ziel in den Auseinandersetzungen ist es nicht, wie sich in verschiedenen Veranstaltungen zeigte, den bekannten Therapieschulen noch eine weitere hinzuzufügen. Bestehende therapeutische Angebote werden vielmehr dahingehend diskutiert, inwieweit diese die gesellschaftlichen Lebensverhältnisse der Hilfesuchenden in den Therapieprozess mit einbeziehen und die Spezifik des therapeutischen Settings inkl. der arbeitsrechtlichen und gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen reflektieren. Einbezug gesellschaftlicher Verhältnisse kann jedoch nicht heißen, dass TherapeutInnen die eigene politische Analyse den Hilfesuchenden abstrakt von außen überstülpen. Der geäußerte Indoktrinationsvorwurf im Zusammenhang offen gelegter politischer Perspektiven wurde dahingehend verhandelt, dass dieser, so lange der kritisch-psychologische Anspruch nicht unterlaufen wird, die Welt- und Selbstsichten der Einzelnen als je ihre Welt- und Selbstsichten ernst zu nehmen und sich auf dieser Basis im therapeutischen Prozess über die individuellen Problemlagen zu verständigen, sein Ziel verfehlt. Wie Günter Rexilius betonte, geht es dabei immer auch um ein Wissen um die Grenzen emanzipatorischer psychotherapeutischer Arbeit. Deutlich wird dies in dem Plädoyer von Fiona Kalkstein für die Notwendigkeit einer feministischen Betrachtung von Psychotherapie. Patriarchale Verhältnisse müssen auf gesellschaftspolitischer Ebene bekämpft werden. Zugleich werden diese aber Inhalt des therapeutischen Prozesses, wenn das Leiden Betroffener an verschiedensten Formen patriarchaler Macht- und Ausschlussverhältnisse Gegenstand desselben ist. Das umrissene Spannungsfeld bewegt sich zwischen den widersprüchlichen Polen therapeutische Unterstützung ohne Beseitigung der Bedingungen individueller Leidenszustände einerseits und gesamtgesellschaftliche Veränderungsprozesse andererseits.

Das Verhältnis von Verhaltenstherapie und Gesellschaftskritik diskutierten Christine Daiminger, Leonie Knebel, Bernd Röhrle und Silvia Schriefers. Zwar muss sich die Verhaltenstherapie qua ihrer Fundierung im behavioristischen Paradigma mit dem Vorwurf auseinandersetzen, als Sozialtechnik der Anpassung im Dienste etwaiger Herrschaftsverhältnisse zu stehen, doch wird aus gemeindepsychologischer Perspektive die Orientierung auf die gegenwärtige Lebenswelt und deren Veränderbarkeit als progressives Element verhaltenstherapeutischer Ansätze herausgehoben. Veränderbarkeit ist dann nicht als Anpassung der Einzelnen an fremdbestimmte Verhältnisse zu verstehen, sondern als Veränderung dieser Verhältnisse selber im Sinne eines emanzipatorisch intendierten Empowerments der Betroffenen. Aus Sicht der Kritischen Psychologie wird entgegen dieser gemeindepsychologischen Lesart geltend gemacht, dass es den Konzepten des Empowerment und der Lebensweltorientierung an einer fundierten Gesellschaftstheorie ermangelt. Ähnliches kritisiert Boris Friele in seiner Auseinandersetzung mit dem systemischen Paradigma, welches zunehmend Einzug in den psychosozialen und therapeutischen Berufsalltag hält. Der individualistische Blick auf die Einzelnen wird aufgegeben zu Gunsten eines Verständnisses der Eingebundenheit des Lebens und Handelns in systemische Zusammenhänge. Jedoch, so der Vorwurf, verharrt das systemische Denken größtenteils in unmittelbaren sozialen Kontexten und sieht ab von gesellschaftlichen Vermittlungszusammenhängen, die diese Kontexte grundlegend strukturieren.

Eine besondere Konstellation von subjektiver Erfahrung und professioneller Unterstützung ergibt sich in dem Themenfeld Flucht und Trauma. Fartash Davani widmet sich der Subjektivität und Kreativität des Handelns von Frauen mit Fluchterfahrungen. Anhand des Umstandes, dass Geflüchtete in Deutschland auf Grund der politischen sowie rechtlichen Rahmenbedingungen in eine Parallelgesellschaft verwiesen werden, zeigt sich besonders deutlich, dass Betroffene von der deutschen Mehrheit nicht als handelnde Subjekte wahrgenommen werden und ihr psychisches Leiden verleugnet wird. Flucht ist als eine subjektive Entscheidung zu verstehen, der aktuell erlebten Krisensituation mit dem Ziel ihrer Bewältigung und der Wiederherstellung gesicherter, normaler Lebensvollzüge zu entkommen. Klaus Ottomeyer betont, dass psychologische Arbeit im Kontext von Flucht, Verfolgung und Traumatisierung vor einer doppelten Aufgabe steht. Einerseits gilt es, den KlientInnen einen sicheren Ort, eine unmittelbare heilsame Begegnung zu bieten, andererseits sind die diskriminierenden Lebensbedingungen zu skandalisieren. Es ist Aufgabe der Professionellen, beide Aufgaben auszubalancieren und in geeigneter Weise aufeinander zu beziehen. David Becker berichtete von den Herausforderungen psychosozialer Arbeit im Gazastreifen und in der West Bank und machte darauf aufmerksam, dass die rein klinische Diagnosekategorie "Posttraumatische Belastungsstörung" nicht hinreicht, anhaltend traumatisierende Prozesse zu erfassen. Es handelt sich vielmehr um eine sequentielle Traumatisierung, die zum einen im Zusammenhang mit der chronischen Angst gesehen werden muss, die Teil des alltäglichen Lebens der dort lebenden Menschen ist und zur Schlüsselkategorie der menschlichen Interaktion wird, und zum anderen mit der Trauer über den Verlust von Personen vor dem Hintergrund eines permanenten Konfliktes zwischen Phasen akuter Gewalt und Phasen des Wartens. Weiterhin wurde der Frage nachgegangen, ob und in welcher Form es sinnvolle Traumaarbeit inmitten eines Konfliktes geben kann.

Die Frage, welche Funktionen psychosoziale Berufspraxis im neoliberalen Gesundheits- und Sozialsystem hat, diskutierten Grete Erckmann und Jana Krystilik am Beispiel der Sozialen Arbeit. Soziale Arbeit als eine Antwort auf die soziale Frage im Kapitalismus hat grundsätzlich ein doppeltes Mandat zu erfüllen. Zum einen ist sie Ordnungsmacht. Sie hilft, Gesetze und gesellschaftliche Normvorstellungen durchzusetzen. Zum anderen versucht sie, Partei zu ergreifen für die Exkludierten und organisiert Unterstützung bei der Verwirklichung ihrer Lebensansprüche. Soziale Arbeit kann daher nicht unpolitisch sein. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Ökonomisierung, der Personalisierung von Notlagen und der Etablierung der Leitidee des "aktivierenden Sozialstaates" in den vergangen Jahren ist dieser Grundwiderspruch sozialer Arbeit neu zu bewerten. Es wurde erörtert, wie diese sozialstaatlichen Veränderungen die konkrete Arbeit der SozialarbeiterInnen behindern und was es bedeutet, dass Konzepte wie Empowerment und Partizipation ihrer politischen Dimension beraubt wurden.

In einer offenen Abschlussrunde wurde beschlossen, 2013 eine Theorie-Praxis-Konferenz auszurichten, um einen kontinuierlichen Austausch über problematische Aspekte der eigenen Arbeit zu organisieren, kritisch-psychologische Konzeptionen für therapeutische und beraterische Tätigkeiten weiterzuentwickeln sowie theoretische Diskussionen und praktische Entwicklungen rückzubinden.

Kontakt und Material zum Nachlesen und Nachhören einiger Veranstaltung gibt es unter: http://2012.ferienuni.de.

AutorInnen

Grete Erckmann ist Dipl.-Psychologin, absolvierte eine Weiterbildung in systemischer Therapie/Familientherapie am Berliner Institut für Familientherapie, arbeitet derzeit im Projekt "Outreach - mobile Jugendarbeit" der Gesellschaft für sozial-kulturelle Arbeit mbH und ist Mitglied der AG Berufspraxis der Assoziation Kritische Psychologie Berlin. Arbeitsschwerpunkte: Kritische Psychologie, Politische Bildung Jugend- und Praxisforschung

Felicitas Karim, Jg. 1970, Dipl.-Psych., arbeitet im Projekt Selbstverständigung über Drogengebrauch, Weiterbildung in klientenzentrierter Beratung (GwG). Sie ist aktives Mitglied der AG Berufspraxis und der Assoziation Kritische Psychologie. Arbeitsschwerpunkte: Kritische Psychologie, Kritische Pädagogik, Praxisforschung, Beratung/Therapie und Kapitalismuskritik

Leonie Knebel ist Dipl.-Psychologin, macht eine Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin bei der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie und promoviert zu "Verhaltenstherapie zwischen Affirmation und Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse" am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Freien Universität Berlin.

Christian Küpper ist Dipl.-Psychologe, arbeitet gegenwärtig im Weglaufhaus "Villa Stöckle", einer antipsychiatrischen Kriseneinrichtung in Berlin und ist Mitglied der Arbeitsgruppe "unknown pressures - Herrschaft, Autorität und das Unbewusste" am Klaus Holzkamp-Institut für Subjektwissenschaft der Freien Universität Berlin.



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