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Schwarz auf Weiß ... Potentiale von Patenschaften mit Familien aus sub-saharischen Ländern und deutschen Ehrenamtlichen

Christiane Perzlmaier
[Forum Gemeindepsychologie, Jg. 19 (2014), Ausgabe 1]

Zusammenfassung

Die interkulturellen Begegnungen von afrikanischen Familien und deutschen Paten im familiären Raum thematisiert folgender Artikel, in dem er Einblicke in die Praxis der Patenschaften für junge Familien des SkF München gibt. Die Besonderheit des Ansatzes liegt darin, das gesamte Familiensystem miteinzubeziehen und nicht nur einzelne Familienmitglieder. Gerade Menschen aus kollektivistischen Gesellschaften ist die Hilfe durch Mitmenschen vertrauter als wohlfahrtsstaatlich organisierte Angebote und findet daher hohe Akzeptanz. Der Einsatz von Ehrenamtlichen bietet zudem die Chance, dass sich nach einigen Monaten der Vertrauensbildung Menschen aus sub-saharischen Ländern und Deutschland auf Augenhöhe begegnen und die Familien ihren Paten als starken Partner an ihrer Seite erleben. Den Kindern ermöglichen die Familienpatenschaften, dass sie die Lebensweise, die gelebten Werte und Normen der Herkunftskultur ihrer Eltern und der westlichen Kultur nicht nach innerfamiliären und außerfamiliären Räumen aufspalten müssen. Durch die Besuche des Paten erleben sie beide Systeme innerhalb ihres familiären Nahfeldes.

Schlüsselwörter: Patenschaften, Ehrenamt, Interkulturalität, Afrikaner in Deutschland, Familienhilfe

Summary

Black on white ... potential for sponsorships of families from sub-Saharan African countries by German volunteers

The following article gives insights into the practise of "godparenthood" (= home-visiting-volunteers, sponsorship) for young families of the SkF Munich and, as a central theme, picks out the intercultural encounters between African families and German volunteers in an informal setting. The specific feature differentiating this program lies in the participation of the whole family instead of the traditional focus on the individual. This type of support is more suitable for families coming from collectivist societies than a governance-organized help. Hence, the acceptance rate for this sponsorship program is high. An additional benefit to the program is the trust that is built between the German volunteers and the families from a sub-Saharan African background, creating a strong positive cultural experience in which the 'godparents' would be considered as strong partners by their side.
For the children, the "godparenthood" system makes it possible to experience the combination of both their culture of origin as well as the one from their adoptive country (Germany) without having to split their universe into an intra-familial and an extra-familial space. Through the visits of the volunteers (or "godparents"), they can experience both systems within the context of their family.

Key words: sponsorship, volunteering , interculturalism, Africans in Germany, family support



Viele Integrationsangebote für Menschen mit Migrationshintergrund sind auf bestimmte Zielgruppen zugeschnitten und betrachten den Einzelnen häufig isoliert von seinen familiären Bindungen. Dabei zielt ein hoher Anteil dieser Angebote besonders auf zugewanderte Menschen aus kollektivistischen Gesellschaften1, bei denen Familie einen enorm hohen Stellenwert hat. Barbara Thiessen (2009) vom Deutschen Jugendinstitut kommt daher in ihrem Artikel "Fremde Familien" zu der Aussage, dass Integration nur im Familienverbund gelingen kann: "Integrationspolitik braucht deshalb ein selbstkritisches Nachdenken über Familie. Bisher hat sie jedoch meist nur einzelne Familienmitglieder im Blick: beispielsweise Kleinkinder mit Sprachdefiziten, Schüler mit Lernproblemen oder straffällige Jugendliche. Selbst im Nationalen Integrationsplan wird die Familie bisher nicht als systematisches Element berücksichtigt. Bleibt sie aber eine "black box", drohen Integrationsangebote, etwa im Bildungs- und Ausbildungsbereich, ins Leere zu laufen. Zumindest zeigen integrative Ansätze aus der Familienbildung und -beratung, dass der Einbezug von Familienzusammenhängen zu nachhaltigeren Ergebnissen führt" (Thiessen, 2009, S. 9). Das Konzept der Familienpatenschaften, wie es beim SkF München durchgeführt wird, ist hierzu ein erfolgversprechender Ansatz. Seit Ende 2009 bietet der SkF München Patenschaften für junge Familien2 an, deren Besonderheit es ist, dass diese sehr gut von Familien aus außereuropäischen Ländern angenommen werden. Besonders gute Erfahrungen wurden bei Patenschaften mit Familien mit sub-saharischem Migrationshintergrund gemacht. Dabei wird der interkulturelle Austausch mit seinen Potentialen, aber auch seiner Überforderung bei der Integration von afrikanischen Familien beschrieben. Die Ausführungen fokussieren sich auf Familien, die aus ost-, zentral- und westafrikanischen Ländern wie Sierra Leone, Liberia, Togo, Nigeria, Angola, Uganda, Äthiopien oder Somalia stammen und aus Gründen der Leserlichkeit verkürzt als afrikanische Familien bezeichnet werden.

Zugang zu afrikanischen Familien

Bei der Projektinitiierung des Familienpatenschaftsprojektes stand die alltagspraktische Hilfe von Schwangeren und Eltern mit Kindern unter drei Jahren im Vordergrund. Der Zugang der Familien erfolgt primär über interne Fachstellen wie die Beratungsstelle für Schwangere und junge Familien, Frühe Hilfen Angebote und die Mutter-Kind-Häuser des SkF. Da diese Fachdienste von vielen afrikanischen Müttern aufgesucht werden, erklärt sich der hohe Anteil von afrikanischen Familien im Patenschaftsprojekt. Aufgrund dieses besonderen Zuganges hat sich jedoch das Projekt von einem familienunterstützenden Frühe-Hilfen-Angebot zu einer interkulturellen Familienpatenschaft und somit zu einem Integrationsangebot gewandelt. Interkulturalität wird im Projekt als Begegnung von Menschen verstanden, die in verschiedenen Kulturen aufwuchsen und deren kulturelle Erfahrungen sich aufgrund der räumlichen Entfernung, der klimatischen und historischen Prägungen stärker voneinander unterscheiden. Durch die Vermittlung einer Patenschaft treten sie zueinander in Kontakt und bauen eine persönliche Beziehung auf. Dieser interkulturelle Austausch ist somit nicht nur durch kulturelle, sondern stets auch durch biografische, ökonomischen und politische Erfahrungen der einzelnen Personen geprägt. In diesem Prozess der individuellen Auseinandersetzung von deutschen Paten und ausländischen Familien lernen sich beide Seiten kennen, nehmen Unterschiede und auch Gemeinsamkeiten wahr und entwickeln im besten Falle ein neues Verständnis füreinander. Es ist somit ein Prozess auf beiden Seiten. Vor diesem Hintergrund erweiterte sich auch die Zielsetzung der Patenschaften. Die alltagsnahe Entlastung und praktische Unterstützung von Familien mit Babys und Kleinkindern - wie es klassischerweise bei Frühen-Hilfen-Angeboten im Vordergrund steht - ist bei Patenschaften mit zugewanderten Familien nicht mehr alleiniger Aspekt. Durch die Patenschaften entsteht ein interkultureller Austausch, der die sub-saharischen Familien stärker integriert, das heißt, die Familien erleben sich stärker als Teil der Stadtgesellschaft und partizipieren in höherem Maße an ihrem Wohnumfeld, dem Stadtteil, an Kindertageseinrichtungen und Schulen etc. als es ohne die Patenschaften der Fall wäre. Die ehrenamtlichen Paten nehmen hierbei die Rolle von Kultur(ver)mittlern ein, werden zu Vertrauten der Eltern bei behördlichen Angelegenheiten, zu Förderern der frühkindlichen wie schulischen Bildung der Kinder und oftmals zur ersten deutschsprechenden Bezugsperson für die Kleinkinder.

Situation afrikanischer Familien in den Patenschaften

Im Beratungsgespräch mit der Sozialpädagogin wird häufig deutlich, dass sich viele dieser Eltern, insbesondere die Mütter, in Deutschland sehr fremd fühlen und am "westlichen" Leben wenig partizipieren. Die Sinus-Migranten-Studie beschreibt diese Lebenswirklichkeiten als Milieu der Entwurzelten und charakterisiert es folgendermaßen: Menschen aus dem Entwurzelten Milieu haben häufig Kriegs- und Fluchterfahrungen. Auch in Deutschland geht es deshalb für diese Menschen darum, das Überleben zu sichern. Meistens arbeiten sie in Hilfsarbeiterjobs, sind zwischen 20 und 40 Jahre alt und leben in einem Mehrpersonenhaushalt mit kleinen Kindern in einer zu kleinen Wohnung. Viele haben ein sehr geringes Einkommen und/oder beziehen Sozialleistungen. Die Deutschkenntnisse sind meist nur rudimentär und die Integration in die deutsche Gesellschaft ist kaum erfolgt. Die Sinus-Studie klassifiziert fehlenden Integrationswillen bzw. die Ablehnung der deutschen Kultur und den starken Bezug zur eigenen Ethnie (vgl. Sinus Sociovision, 2008, S. 40-45), was jedoch nicht den Erfahrungen des Familienpatenschaftsprojektes entspricht, sondern hier als gegenteilig erlebt wird.

Die afrikanischen Eltern, denen das Familienpatenschaftsprojekt über die Schwangerenberatungsstelle empfohlen wird, zeigen fast alle hohen Integrationswillen im Sinne ihrer Kinder, auch wenn manche Eltern selbst vorsichtiger gegenüber den deutschen Paten sind. Sie wünschen sich aber für ihre Kinder, dass diese im Erwachsenenalter in Deutschland ein erfolgreiches Leben führen und den gesellschaftlichen, wie materiellen Aufstieg schaffen. Im Gespräch mit einer Mutter von fünf Kindern äußerte diese mit Entschiedenheit, dass es ihre Kinder hier in Deutschland schaffen müssen. Sie sei es gewohnt, ausschließlich Kartoffeln zu essen. Sie übe hier in Deutschland Verzicht, damit es ihre Kinder weiter bringen mögen, als nur zu einer Putzstelle. Den Wunsch nach einem möglichst hohen Bildungsabschluss bestätigt auch die PASS-Studie von 2007/2008 des IAB. 70% der befragten Mütter mit Migrationshintergrund wünschen sich, dass ihre Kinder Abitur machen, hingegen nur 60% der Mütter ohne Migrationshintergrund (vgl. BMFSFJ, 2010, S. 31-32). Diese Ambitionen haben auch viele afrikanische Familien, die durch einen deutschen Familienpaten eine höhere (Bildungs-)Chance für ihre Kinder sehen.
Folgende exemplarische Fallbeschreibung gibt einen Einblick in die Situation von afrikanischen Familien, wie sie im Münchner Projekt erfahren wurde:


Der Vater der sechsköpfigen Familie Nubu3 kam vor über 20 Jahren nach Deutschland und hat inzwischen einen gesicherten Aufenthalt. Vor zehn Jahren heiratete der zwanzig Jahre ältere Herr Nubu seine 18jährige Frau aus seinem krisengeprägten Heimatland. Sie zieht mit ihm nach Deutschland. Schnell wird Frau Nubu schwanger und bekommt mit 19 Jahren ihr erstes Kind, Mary. Die Familie wohnt sehr beengt in einer Einzimmerwohnung, häufig gibt es Streit mit den Nachbarn. Zwei Jahre später kommt Sarah auf die Welt, dann Owen. Die Enge in der Wohnung belastet Frau Nubu sehr, die seit der ersten Schwangerschaft regelmäßig die Beratungsstelle für Schwangere und junge Familien aufsucht. Hier erhält sie einerseits Stiftungsgelder und andererseits eine fachliche wie emotionale Unterstützung, denn die Beraterin wurde für Frau Nubu wie eine Mutter, die ihr in Deutschland fehlt. Kurz vor der Geburt des vierten Kindes (Samuel), erhält die Familie die Zusage für eine größere Sozialwohnung. Auch nach Jahren fühlen sich beide Elternteile in Deutschland fremd und isoliert. Frau Nubu möchte gerne besser Deutsch sprechen und einen Deutschkurs besuchen, denn bisher weicht sie auf Englisch aus. Jedoch ist mit vier Kindern unter sechs Jahren ein Deutschkurs nur möglich, wenn die Kinderbetreuung gesichert ist. Somit bleibt Frau Nubu die deutsche Sprache vorerst fremd. Herr Nubu möchte für seine Familie sorgen und Geld verdienen. Er findet jedoch nur kurzfristige Hilfsjobs, ist immer wieder arbeitslos und besucht verschiedene Maßnahmen, die ihm das Jobcenter anbietet. Das Geld ist immer knapp in der Familie, zumal in der Heimat für die Verwandtschaft ein Haus gebaut werden soll. Die Familie ist in der Verantwortung, auch die Familien im Herkunftsland mitzuversorgen. Die familiären Bande sind über die langen Distanzen hinweg sehr eng. Bei einem Heimatbesuch nimmt der Vater volle Koffer mit und reist mit Handgepäck wieder zurück. Mary ist inzwischen ein Vorschulkind geworden und Sarah geht in den Kindergarten. Doch die Erzieherinnen sind sehr besorgt um Mary. Ihrer Empfehlung nach könne Mary keine Regelschule besuchen, sondern solle in einer Förderschule eingeschult werden. Zu groß seien ihre sprachlichen und kognitiven Defizite. Die Eltern sind sehr beunruhigt und sehen in einer Familienpatenschaft eine Chance, dass Mary durch eine deutsche Patin stärker gefördert werden könnte.


Seit Anfang 2010 wurden 16 Patenschaften mit afrikanischen Familien (von insgesamt 34 Patenschaften mit Familien mit Migrationshintergrund) initiiert. Fast die Hälfte der Familien stammen aus sub-saharischen Herkunftsländern, die anderen kommen aus arabischen, asiatischen oder südamerikanischen Ländern. Trotz dieser relativ kleinen Anzahl von Patenschaften ist ein Blick auf diese besondere Familiensituation lohnenswert, zumal es zur Situation von afrikanischen Zuwanderern in erster und zweiter Generation nur wenige Veröffentlichungen gibt. Einen kurzen Einblick zur Relevanz von afrikanischen Zuwanderern in Deutschland gibt jedoch folgender Exkurs.

Exkurs: Menschen mit afrikanischem Migrationshintergrund in Deutschland

Die Zahl der Menschen mit afrikanischem Migrationshintergrund ist im Vergleich zu anderen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland verhältnismäßig klein. Die Zuwanderung ist mit 70% eindeutig von den europäischen Nachbarstaaten geprägt. Die außereuropäische Zuwanderung wird von Asien angeführt (15,7%), gefolgt von Afrika (3,5%) (vgl. DESTATIS, 2014). Laut dem Mikrozensus von 2009 waren dies in reellen Zahlen 477.000 Menschen (0,5% der Gesamtbevölkerung) mit afrikanischem Migrationshintergrund, 71,5% davon haben eine eigene Migrationserfahrung. Am häufigsten stammen die afrikanischen Migranten aus Marokko, gefolgt von Tunesien, Ghana, Nigeria und Kamerun. Die Menschen aus den nordafrikanischen Ländern sind allerdings meist schon sehr lange in Deutschland, da sie in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Nur gut ¼ der afrikanischen Migranten haben eine Staatsangehörigkeit eines sub-saharischen Landes (151.000) (vgl. Schmid, 2011, S. 53-55).

Die Zuwanderung von Menschen aus afrikanischen Ländern nach Deutschland lassen sich folgenden vier Möglichkeiten zuordnen:

  • Familiennachzug
  • Asylmigration
  • Bildungsmigration
  • Erwerbstätigkeit (von Hochqualifizierten) nach §§ 18 und 19 AufenthG

Der Familiennachzug spielt eine wichtige Rolle, ist jedoch aufgrund der verschärften Neuregelungen im Jahre 2007 zum Ehegatten- und Familiennachzug rückläufig und trifft in ¾ aller Fälle auf nordafrikanische Familien zu. Auch die Asylmigration ist für Menschen aus West-, Ost- und Zentralafrika die letzten 20 Jahre aufgrund der Asylrechtsreform 1992 stark zurückgegangen. Die meisten Asylanträge kamen aus Algerien, der Demokratischen Republik Kongo, Äthiopien, Nigeria, Togo und Ghana. Ebenso nachrangig ist die Bildungsmigration von Afrikanern, die in den letzten Jahren zurückging. Aus afrikanischen Ländern kommen meist Studienanfänger aus Marokko (Platz 16) und Kamerun (Platz 20). Vergleichbar nachrangig ist die Zuwanderung zur Erwerbstätigkeit von Hochqualifizierten zu sehen. Betrachtet man diese Zahlen, so scheint es, als wäre die Thematik Menschen mit afrikanischem Migrationshintergrund obsolet. Die politischen Ereignisse der letzten drei Jahre mit dem Zusammenbruch der bisherigen Regierungssysteme in den nordafrikanischen Staaten und die damit verbundenen Auswirkungen auch auf die sub-saharischen Länder, wie die stärkeren Flüchtlingsbewegungen über das Mittelmeer, fordern jedoch die Asylpolitik Europas heraus. Die Zuwanderung von Menschen aus afrikanischen und auch arabischen Ländern und deren Integration wird deshalb nicht an Relevanz verlieren.

Zu dieser Schlussfolgerung kommt auch Susanne Schmid: "Anhand der tatsächlich nach Deutschland wandernden Staatsbürger afrikanischer Staaten ist nicht auf das Ausmaß afrikanischer Problemlagen und das Migrationspotenzial aus Afrika zurückzuschließen. Die afrikanischen Problemlagen kommen umso besser und deutlicher zum Vorschein, wenn die kontrastierenden Räume gegeneinander gestellt und auf das darin enthaltende Wohlstandgefälle untersucht werden" (Schmid, 2011, S. 56). Diese hohe Diskrepanz ist Ursache für die Relevanz der afrikanischen Migration. Unter Migrationspotential wird verstanden, welchen Migrationswillen - man könnte aber auch sagen, welche Migrationsnot - Menschen haben, weil sie in ihrer Heimat ihr Leben nicht gestalten können. Susanne Schmid nennt hierfür fünf Bestimmungsfaktoren für das Migrationspotential Afrikas, die in folgender Grafik darstellt werden (Schmid, 2011, S. 31):

Abb. 1: Migrationspotenzial aus regionalen Entwicklungsdifferenzen

Ein weiterer Punkt, der für die Relevanz der Thematik afrikanischer Familien spricht, ist die hohe Fertilitätsrate von afrikanischen Frauen. Mit 4,61 Kindern pro Frau ist sie die höchste der Welt und sogar im Vergleich mit anderen weniger entwickelten Ländern (wie z.B. Lateinamerika/Karibik mit 2,26 oder Asien mit 2,35 Kindern pro Frau) doppelt so hoch. In Europa hingegen hat eine Frau durchschnittlich 1,5 Kinder (vgl. Schmid & Borchers, 2011, S. 38). Kinder werden in Afrika als großer Segen gesehen. Keine Kinder zu haben, gilt als großes Unglück (vgl. Staewen, 2009, S. 32). Es ist deshalb interessant, einen kurzen Blick auf das generative Verhalten von afrikanischen Frauen in Deutschland zu werfen. Zwar passt sich die Fertilität von Migrantinnen (1,6 Kinder pro Frau) denen von deutschen Frauen an (1,3 Kinder pro Frau) und ähnelt bereits in der zweiten Generation mehr dem des Zuwanderungslandes als des Heimatlandes der Eltern. Jedoch ist die Geburtenrate von afrikanischen Frauen mit 2,6 Kindern pro Frau die höchste unter den Migrantinnen (vgl. Schmid & Borchers, 2011, S. 5-6). Wie diese Zahlen zeigen, wird zukünftig die Anzahl von Menschen mit afrikanischem Migrationshintergrund ohne eigene Zuwanderungserfahrung stärker steigen. Auch die Anzahl der Kinder pro Frau in den Familienpatenschaften ist mit durchschnittlich 2,9 höher. 68,75 % der Familien haben drei bis fünf Kinder und 31,25 % haben ein bis zwei Kinder.

Potentiale von interkulturellen Familienpatenschaften

Vertrauensvolle Beziehung zu allen Familienmitgliedern

Die Stärke von allen ehrenamtlichen Patenschaften liegt in einer vertrauensvollen, persönlichen Beziehung zwischen Pate und der bzw. den Person/en, für die eine Patenschaft initiiert wird. Das sehr persönlich motivierte Beziehungsangebot des Paten ist getragen von Loyalität und Verantwortungsbewusstsein für einen anderen Menschen. Die Beziehungsgestaltung zwischen beiden ist äußerst exklusiv, denn einen ehrenamtlichen Paten zu haben, ist eine Besonderheit, die nicht jedes Kind bzw. jede Familie hat. Familien mit Migrationshintergrund nehmen diese Besonderheit wahr und zeigen ihrem Paten besonderen Respekt.

Ganzheitliche Sicht auf die Familie

Was eine Patenbeziehung ebenfalls auszeichnet und von den meisten professionellen Angeboten im Kontext von Sozialer Arbeit, Pädagogik oder Psychologie unterscheidet, ist, dass ehrenamtliche Paten die Lebenswirklichkeit der Familien ganzheitlich miterleben und zu allen Familienmitgliedern Kontakt haben. Bei den wöchentlichen Besuchen registrieren sie beispielsweise, welche Aufgaben und Verantwortungen die Geschwister untereinander haben, wie die Paarbeziehungen der Eheleute oder von alleinerziehenden Müttern aussehen oder wie die Eltern das Wochenende verbringen (Kirchengang, Fernsehen usw.). Familienpatenschaften haben deshalb laut Thomas Röbke (2010) eine besondere Stellung innerhalb der verschiedenen Formen der aktiven, ehrenamtlichen Patenschaften, denn im Gegensatz zu allen anderen Patenschaften richten sich Fürsorge und Beziehung nicht nur auf eine Person, sondern auf alle Familienmitglieder. Die Patenschaft ist eingebunden in ein komplexes Beziehungsgeflecht und offen in der konkreten Aufgabenstellung (vgl. Röbke, 2009 und 2010, S. 13). Diese Offenheit in den konkreten Aufgaben fördert die interkulturelle Begegnung. Die Paten wie Familien sind frei, ihre gemeinsamen Themen selbst zu definieren. Das kann in einer Patenschaft die Ernährung betreffen, z.B. eine Patin bäckt zusammen mit der Familie Pizza und Kuchen, lernt aber zugleich auch afrikanische Gerichte kennen. In einer anderen Patenschaft kann die Patin hingegen als Unterstützerin in alle schulisch-berufliche Angelegenheiten involviert sein und zum Elternabend mitgehen, den Schulübertritt begleiten und der Mutter beim Erstellen eines Lebenslaufs behilflich sein.

Freiheit und Flexibilität der Hilfe durch Laien

Familienpaten bringen sich mit ihren eigenen Vorstellungen, sozialen wie beruflichen Kompetenzen, ihrer eigenen Motivation und Lebenserfahrung individuell ein. Diese Individualität der Ehrenamtlichen wird auch als "Eigensinn und Eigenlogik" bezeichnet. Das heißt, Ehrenamtliche helfen da, wo sie Hilfe als sinnvoll und erforderlich halten und handeln dabei nach ihrer eigenen Logik, also wie sie es für richtig und schlüssig halten. Dieser Freiraum ist äußert fruchtbar. Manche Familien sind über Jahre hinweg mit Deutschen nur in Behörden und Institutionen in Kontakt gekommen. Paten agieren hingegen anders als Behördenvertreter/innen. Sie tragen keinen Rucksack mit gesetzlichen Vorschriften, fachlichen Erklärungsmustern und professionellen Verhaltensweisen mit sich, was sich auch im Kontakt auswirkt. Diese freie Verhaltensweise fördert den interkulturellen Austausch auf Augenhöhe.

Ähnlichkeit mit Hilfskonzepten aus kollektivistischen Gesellschaften

Die Familienpatenschaften eignen sich besonders für Familien aus kollektivistischen Gesellschaften, denn ihnen ist mitmenschliche Hilfe durch die Verwandtschaft oder die Dorfgemeinschaft vertrauter als sozialstaatlich organisierte Angebote durch Sozialarbeiter, Pädagogen, Sachbearbeiter. Zwar verstehen die Familien den Begriff und die Bedeutung von ehrenamtlichem Engagement oder einer ehrenamtlichen Patenschaft nicht, aber die Art der Hilfe ist ihnen sehr vertraut. So ist beispielsweise die Hemmschwelle um ein Vielfaches niedriger, einen Paten nach dem Inhalt eines unverständlichen Briefes zu fragen, als selbst eine Beratungsstelle ausfindig zu machen, diese aufzusuchen und einer deutschsprachigen Beraterin gegenüber seine Unsicherheit in jenem Anliegen zu schildern. Paten können auch zu persönlicheren Anliegen befragt werden. Eine junge Mutter aus Angola wollte von ihrer Patin wissen, wie in Deutschland eine Beerdigung stattfindet. Anlass für dieses Gespräch war der Tod eines Freundes der Patin. Eine andere Mutter aus Togo empfing ihre Patin mit der Frage, ob sie ihr helfen könne, ein Profil in einer Internet-Single-Börse auszufüllen. Diese lebensnahen und persönlichen Begegnungen ermöglichen es auch, dass sich einheimische und zugewanderte Menschen im Alltag annähern. Die Paten bringen "das Deutsche" mit in die Familien und erfahren, wie ein afrikanisches Familienleben aussehen kann und was Eltern und Kinder bewegt. Unmittelbarer kann ein interkultureller Dialog nicht sein, als zu Hause in den Wohnungen und im Alltag der Eltern und Kinder (siehe folgendes Fallbeispiel).

Interkulturalität als Gewinn für die Familien

Der zentrale Moment in den interkulturellen Familienpatenschaften ist die Tatsache, dass die afrikanischen Familien einen deutschen Vertrauten gewinnen. Die Paten stehen den Familien in der Komplexität des deutschen Alltages zur Seite und treten für sie ein. Sie werden zum Sprachrohr (z.B. gegenüber einer Hausverwaltung oder einer Kindergartenleitung) und geben Sicherheit im Auftreten gegenüber Behörden und Institutionen wie Schulen. Dadurch kann sich ein Ohnmachts- und Unsicherheitsgefühl reduzieren. Die Familien werden jedoch nicht nur nach Außen hin gestärkt, sondern sie lassen durch den Kontakt zugleich "das Deutsche" in die Familie. Dadurch lernen sie Lebensweise, Werte und Normen kennen. Wie das konkret aussieht, zeigen folgende Beispiele, die anhand der von oben fortgeführten Fallgeschichte aufgezeigt werden:


Als Familienpatin wird Familie Nubu die 34jährige Bettina Maier vermittelt. Sie ist kinderlos und hat sich in ihrem Beruf eine gute Stellung erarbeitet. Ihre Arbeit macht ihr Spaß, aber sie stellt deren Sinnhaftigkeit in Frage. Deshalb möchte sie sich in ihrer Freizeit sozial engagieren. Nach den intensiven Eindrücken eines Afrikaurlaubes fasst sie den Entschluss, sich hier in Deutschland für eine afrikanische Familie einsetzen zu wollen. Zu Beginn der Patenschaft beschäftigt sich Frau Maier vor allem mit der 5jährigen Mary. Der Vater möchte, dass die Patin Mary zusätzlich zum Kindergarten intensiv fördert, indem sie mit ihr Bücher liest und Vorschulblätter des Kindergartens ausfüllt. Schnell stellt Herr Nubu auch Kontakt zwischen Frau Maier und der Erzieherin in Marys Gruppe her, weil diese das Mädchen in eine Förderklasse einschulen möchte und der Vater das Gefühl hat, seine Tochter werde von den Erzieherinnen benachteiligt. All das bewegt den Vater sehr, denn er möchte sein Kind auf keinen Fall in der Sonderschule sehen. Die Familie fühlt sich ohnmächtig. Die Familienpatin begleitet diese aufreibende Zeit und besucht die Familie ein- bis zweimal wöchentlich. Dazwischen informiert sie sich über das Thema Schuleinschreibung, nutzt die unabhängige Schulberatung und begleitet den Vater schließlich zum Einschreibungstest von Mary. Dann steht fest: Mary kann in die "normale" erste Grundschulklasse gehen, was den Vater mit Stolz erfüllt. Doch das erste Schuljahr ist für Mary schwierig. Sie kann kaum Anschluss mit den Mitschülern halten. Doch "ihre" Bettina übt mit ihr und spricht ihr Mut zu. Aber nicht nur die Hausaufgaben dominieren die Kontakte. Die Patin lehrt Mary das Schwimmen, was das Mädchen mit Stolz und Selbstbewusstsein erfüllt. Und auch die Eltern und jüngeren Geschwister vertrauen sich der Patin Bettina an. Vor allem Sarah will auch mit Bettina spielen und bei den Ausflügen mitkommen. Herr und Frau Nubu fragen die Patin vor allem bei behördlichen Vorgängen, als beispielsweise Herr Nubu ratlos ist, weil sein neuer Arbeitgeber die Steuernummer möchte und er nicht weiß, wie er diese ausfindig machen kann. Frau Maier wird auch gefragt, als eine Nachzahlung für den Kindergartenbeitrag den Eltern in die Hand gedrückt wird, ohne dass diese die Zusammenhänge verstehen. Nach einem Jahr Patenschaft registrieren die Eltern auch Unterschiede im Umgang der Patin mit den Kindern zu ihrem eigenen Verhalten. Die Patin löst Konflikte zwischen Mary und Sarah, indem sie einfache und einsichtige Regeln für beide aufstellt und die Einhaltung einfordert, ohne den Kindern dabei verbale oder physische Gewalt entgegen zu bringen. Frau Nubu versteht durch das Vorleben der Patin, was ihre Schwangerenberaterin mit der "deutschen Pädagogik" meinte und dass diese auch bei ihren afrikanischen Kindern funktionieren kann.


Aus dieser Beschreibung lassen sich folgende Bereiche benennen, in denen die afrikanischen Familien durch Paten besonders profitieren:

  • Reduzierung der Unsicherheit und Ohnmacht der Eltern im fremden Deutschland
  • neues Wissen (z.B. Schulwahl, behördliche oder rechtliche Vorgänge) und dessen Umsetzung im Alltag (z.B. Erklärung, wie man sich über die Sozialversicherungsnummer kundig macht)
  • Erschließung neuer Lern- und Spielräume für die Kinder (z.B. Schwimmen, Ausflug in die Berge oder die örtliche Kirmes)
  • deutsche Sprache und frühkindliche/schulische Förderung (durch Vorlesen, in die Natur gehen, Hausaufgabenbegleitung)
  • Vorleben von deutschen Erziehungsvorstellungen

Ein weiterer wesentlicher Aspekt in den Patenschaften ist, dass die Paten zu Kultur(ver)mittlern für die Kinder und Eltern werden. Außenstehenden Personen gegenüber sensibilisieren Paten die kulturellen Unterschiede. Eine Patin erklärte einer Ärztin, warum der somalische Vater ihr die Hand nicht gebe, sondern nur den Ellenbogen reiche. Dies geschehe in seiner Kultur aus Respekt gegenüber Frauen, auch wenn uns das irritiert und "wir deutsche Frauen" das als respektlos empfinden. Nach Innen wirken Familienpaten als Kultur(ver)mittler, indem sie beispielsweise die Wichtigkeit der Pünktlichkeit erklären. So wurde eine Patin vom Fußballtrainer ihrer beiden afrikanischen Patenkinder angesprochen. Er bat sie, der Mutter zu erklären, dass die Kinder pünktlich zum Training kommen müssen. Wenn auf sie kein Verlass sei, könnten sie zukünftig auch an keinem Mannschaftsspiel am Wochenende mehr teilnehmen. Von der "Kultur(ver)mittlung" profitieren die Kinder insbesondere, denn die Familienpaten bringen die deutsche und die afrikanische Kultur im familiären Nahraum zusammen. Normalerweise müssen die Kinder von zugewanderten Eltern beide Systeme adaptieren und pendeln dann zwischen beiden. "Die deutschen bzw. westlichen Anteile" werden außerhalb der Familie - im Kindergarten und Schule - gelebt, die "afrikanischen Anteile" innerhalb der Familienwohnung. Wenn diese Systemunterschiede bestehen, kann das laut Barbara Thiessen bei den Kindern zu inneren Konflikten zwischen den Anforderungen unserer Gesellschaft und den Idealen der Eltern führen (vgl. Thiessen, 2009, S. 9). Da die deutschen Paten jedoch zu engen Bezugspersonen innerhalb der Familie werden, bieten sie den Kindern die Chance, beide Lebensweisen, Werte und Normen nicht aufzuspalten, sondern im Familienalltag zu integrieren.

Interkulturalität als Gewinn für die deutschen Paten

Patenschaften sind ein Gewinn für beide Seiten, denn auch die deutschen Paten profitieren vom Kontakt. Sie nehmen punktuell am Familienleben teil, das kulturell anders geprägt ist und erhalten besondere Einblicke. So wurde die im Fallbeispiel genannte Patin, Frau Maier, zu einer islamischen Geburtsfeier der afrikanischen Kirchengemeinde mit eingeladen. Eine andere Patin berichtet: "Auch war es für mich fremd, dass togolesische Familien nicht zusammen essen. Die Speisen stehen auf dem Herd. Wer Hunger hat, nimmt sich. Manchmal kocht Olayinka [Anmerkung: die Mutter] Fufu, das togolesische Nationalgericht aus Mais und Kochbananen, das mit der Hand gegessen wird. Beherzt greife ich beim ersten Mal zu, verbrenne mir die Finger und war zudem nicht darauf eingestellt, wie scharf der Maisbrei ist. Als mir Tränen in die Augen steigen, beginnen alle verschämt zu lachen" (Perzlmaier/Sonnenberg, 2013, S. 87). Besonders zu beobachten ist jedoch, dass sich vor allem afrikanische Familien den Paten gegenüber öffnen. Sie vertrauen oft schon beim ersten oder zweiten Besuch die Kinder dem Paten an und lassen die Paten nach und nach in ihr Familienleben. Aus vielen Patenschaften werden dann Freundschaften. Eine Patin wurde beispielsweise selbst Mutter. Dadurch fand eine Rollenumkehr statt, denn nun konnte ihr die afrikanische Mutter mit ihrem Erfahrungswissen über Babys weiterhelfen. Manche Patenschaften erweitern sich auch auf die gesamte Familie des Paten und es werden Partner, Eltern und eigene Kinder mit in die Besuche integriert. Einige Patenkinder fahren auch mit ihren Paten in den Urlaub. Die Paten machen dieses Beziehungsangebot in der Regel nicht aus altruistischen Motiven heraus, sondern weil sie selbst davon profitieren, denn auch ihr Leben wird durch die Kinder und Familien bereichert.

Interkulturalität am Limit

Bei diesen persönlichen Begegnungen kann es jedoch auch zu Grenzüberschreitungen kommen. Diese gehen nach den Erfahrungen im Münchner Projekt weniger von den Ehrenamtlichen aus, sondern können aufgrund kultureller Missverständnisse entstehen. Eine Patin fühlte sich beispielsweise massiv bedrängt, als die Mutter ihr immer wieder Fragen zu ihrem Single-Status stellte und nicht verstehen konnte, wie eine deutsche Frau Mitte Dreißig ohne Mann und Kinder sein konnte. In ihrer Welt unvorstellbar und unheimlich. Die afrikanische Mutter wollte sie deshalb mit ihrem in Berlin lebenden Schwager verkuppeln. In afrikanischen Gesellschaften weckt nach den Erfahrungen von Christoph Staewen Unfruchtbarkeit großes Misstrauen und Angst, kinderlose Frauen könnten unter dem Einfluss eines bösen Zaubers stehen, denn viele afrikanische Kulturen basieren auf einem magisch-religiösen Weltbild, das von Magie, Orakeln, bösen Blicken, Fluch und Zauber geprägt ist (vgl. Staewen, 2009, S. 32 und 148-151). Mit diesem Hintergrundwissen wirkt das Intervenieren der Mutter verständlich. Die Angst und Sorge der Patin wurden in Einzelgesprächen thematisiert. Die Beklemmung konnte sich erst lösen, als sie sich die Bedeutung von Ehelosigkeit vergegenwärtigte und sich vor allem ihrer eigenen Befürchtungen und Ängste bewusst wurde, nämlich bei einer möglichen Verkuppelung einem fremden Mann ohnmächtig gegenüber zu stehen.

Problematisch kann ebenso ein passives, lethargisches Verhalten von afrikanischen Eltern sein. Die Beobachtungen zeigen, dass manche afrikanischen Eltern sehr viele Aufgaben und Verantwortlichkeiten (insbesondere bei schulischen Angelegenheiten) an die Paten abgeben. Sie gehen dann nicht mehr zu Elternabenden, fühlen sich nicht verantwortlich für die Bezahlung des Mittagessengeldes oder für den Auftritt der Tochter beim Schulfest. Manchmal kommt es sogar zu forderndem Verhalten der Eltern, beispielsweise wenn Paten für einen nicht geglückten Schulübertritt verantwortlich gemacht werden. Eine mögliche Erklärung für dieses Verhalten liefert Christoph Staewen durch seine Erfahrungen in der Entwicklungshilfe in Afrika. Er beschreibt, dass es zu kulturellen Missverständnissen kommen kann, wenn Europäer eine besondere Freude oder ein unerwartetes Geschenk machen. Anstatt sich dafür zu bedanken, folgt eine Bitte um weitere Hilfen. Je mehr gegeben wurde, desto mehr wird zusätzlich erbeten. Dies löst in unserem kulturellen Verständnis Gefühle von Undankbarkeit, Anmaßung und Unverschämtheit aus, aus afrikanischer Sicht macht es Sinn, denn wenn das erste Geschenk möglich war, so sind auch weitere möglich (vgl. Staewen, 2009, S. 50). Aufgrund der in vielen Fällen real vorhandenen ökonomischen Gefälle zwischen Pate und Familie können afrikanische Eltern dieses Verhalten zeigen, wenn sie erleben, dass Paten ihnen verschlossene Türen öffnen oder den Kinder zum schulischen Erfolg verhelfen können.

Eine anderes Thema ist auch in den Patenschaften ein Tabu-Thema: Die Beschneidung von Mädchen und Frauen. Es ist davon auszugehen, dass viele Mütter aus v.a. ostafrikanischen Familien genitalbeschnitten sind. Indirekte Anzeichen wie häufige Unterleibsbeschwerden oder schwierige Schwangerschaften und Geburten sind dafür Indizien. Paten belastet diese Tatsache und sie machen sich zugleich Sorgen, ob nicht auch die afrikanischen Mädchen bei einem Heimaturlaub oder in Deutschland genitalverstümmelt werden. Hier erleben die Paten, trotz der großen, gegenseitigen Nähe, eine Grenze und Ohnmacht und nicht jede Beziehung ist in diesem Punkt tragfähig genug, diese interkulturellen Divergenzen anzusprechen, wenngleich auch das Kindeswohl der Mädchen in Gefahr sein könnte.

Bei Patenschaften mit Familien aus afrikanischen Herkunftsländern ist das Thema Alltagsrassismus präsent. Paten reagieren sehr sensibel auf Äußerungen der Umwelt. Die rassistischen Äußerungen eines Arztes in der Notaufnahme zu einer afrikanischen Mutter ("da wo sie herkommen, wäre ihr Kind schon längst tot"), empörte die Familienpatin sehr. Sie wollte diesen Vorfall nicht ruhen lassen und überlegte sich, wie und wo sie sich beschweren könnte. Die Mutter jedoch schien diesen Vorfall gelassener zu nehmen, denn es ist anzunehmen, dass ihr schon häufiger rassistisches Verhalten entgegengebracht wurde. Damit Paten nicht in einen Aktionismus verfallen, ist es deshalb wichtig mit Sensibilität im Sinne der Familien (und nicht nur zum Eigeninteresse) zu handeln und sie in mögliche Interventionsschritte miteinzubeziehen.

Förderung der Interkulturalität durch fachliche Begleitung

Die Paten und Familien treten zueinander in privaten, informellen Kontakt, wodurch die Ehrenamtlichen auch an interkulturelle Grenzerfahrungen kommen können - wie die vorangestellten Punkte zeigten. Deshalb ist eine fachliche Begleitung der Patenschaften unerlässlich, denn ohne eine fachlich initiierte Reflexion der interkulturellen Erfahrungen birgt es die Gefahr in sich, dass sich Stereotype festigen, statt aufzulösen. Eine zentrale Aufgabe in den interkulturellen Familienpatenschaften ist es deshalb, die ehrenamtlichen Familienpaten fachlich zu begleiten, das heißt, mit ihnen die Erfahrungen zu reflektieren und ihnen migrationsspezifisches Wissen zugänglich zu machen, denn eine interkulturelle Kompetenz entsteht in der Auseinandersetzung durch Wissen und in der Reflexion der konkreten, erlebten Erfahrungen. Interkulturelle Kompetenz entwickelt sich deshalb im Bemühen, das Fremde zu verstehen und angemessen zu deuten, wozu neben migrationsspezifischem Wissen vor allem Schlüsselkompetenzen wie Empathie, Offenheit, Selbstreflexion, Konfliktfähigkeit, Kreativität etc. gebraucht werden (vgl. Handschuck & Klawe, 2010, S. 42-45).

Die Entwicklung der Schlüsselkompetenzen wird im Münchner Familienpatenschaftsprojekt vor allem in der individuellen Begleitung der Paten geleistet. Anhand von konkreten Vorkommnissen werden die Paten angeregt, ihr Verhalten, ihre Wahrnehmungen und Emotionen zu reflektieren. Was verunsichert, verärgert oder verstört den Paten? Welche persönlichen Anteile sind darin enthalten? Welche Verhaltensmuster kommen zum Tragen? Die Auseinandersetzung mit eigenen kulturellen und biografischen Erfahrungen führt meistens zum interkulturellen Verständnis. Die individuelle Begleitung wird ergänzt durch Austauschtreffen der Paten untereinander. Es hilft Paten, ihre Erlebnisse zu reflektieren, wenn sie die Erfahrungen von anderen Ehrenamtlichen mit afrikanischen Familien hören. Zudem wenden Paten unterschiedliche Problemlösungsstrategien an, wovon alle untereinander profitieren. Um das Wissen zu anderen Kulturen zu erweitern, finden die meisten Patentreffen mit Vorträgen zu Themen wie Traumatisierungen bei Flüchtlingen, islamisches Familienleben, Asylrecht oder Zweisprachigkeit statt. Zur intensiveren Auseinandersetzung mit migrationsspezifischem Wissen wie auch der Entwicklung von sozialen und kommunikativen Schlüsselkompetenzen werden auch interkulturelle Trainings angeboten (Interkulturelles Training, Anti-Rassismus-Training).

Fazit

Aus den Patenschaften für junge Familien wurden interkulturelle Patenschaften, die besonders positive Effekte zeigen mit Familien, die aus den sub-saharischen Ländern zugewandert sind. Dieser Ansatz ist nach den geschilderten Erfahrungen ein gelingendes Modell zur Förderung der Interkulturalität im familiären Kontext und ein Beitrag zur Chancengleichheit von Kindern mit Migrationshintergrund. Er kann eine Anregung für andere, familienorientierte Migrationsangebote sein und im Sinne von Barbara Thiessen ist es zu wünschen, dass sich dieser Ansatz weiter ausbreitet.

Endnoten

  1. Die soziologischen Konzepte von Individualismus und Kollektivismus sind differenziert zu betrachten und bergen wie jede Zuschreibung die Gefahr der Stereotypisierung in sich. In den konkreten Handlungsbezügen mit der Zielgruppe der Familienpatenschaften bietet diese jedoch einen zutreffenden Erklärungsansatz und ist in der praktischen Arbeit mit den Ehrenamtlichen eine Verständnishilfe, die jedoch immer im Kontext der biografischen Erfahrungen der einzelnen Menschen gesehen werden sollten.
  2. Familienpatenschaften gewinnen in Deutschland an Popularität und werden in vielen Kommunen angeboten. Die zielgruppenspezifische Ausrichtung unterscheidet sich jedoch. Viele neue Familienpatenschaften sind für Eltern mit Kindern unter drei Jahren (Frühe Hilfen) oder im Bereich der Flüchtlings- bzw. Migrationsarbeit konzipiert. Die Kombination dieser beiden Ausrichtungen, durch die im SkF Projekt insbesondere Familien mit sub-saharischen Migrationshintergrund angesprochen werden, stellt daher eher eine Besonderheit dar.
  3. Pseudonymisierte Fallschilderung

Literatur

Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend, kurz BMFSFJ (2010) (Hrsg.). Familien mit Migrationshintergrund. Lebenssituation, Erwerbsbeteiligung und Vereinbarkeit von Familien und Beruf. Berlin: BMFSFJ.

Handschuck, S. & Klawe, W. (2010). Interkulturelle Verständigung in der Sozialen Arbeit. Ein Erfahrungs-, Lern- und Übungsprogramm zum Erwerb interkultureller Kompetenz. 3. Auflage. Weinheim und München: Juventa-Verlag.

Perzlmaier, C. & Sonnenberg, S. (2013). Patenschaften praxisnah. Herausforderungen und Umsetzung von Kinder- und Familienpatenschaften. Weinheim und München: Juventa-Verlag.

Röbke, T. (2010). Eine Form der Nachbarschaftshilfe. Neue Caritas 3/2010, Jahrgang 111, 13-16.

Röbke, T. (2009). Ehrenamt, Freiwilligenarbeit, Patenschaften - wer engagiert sich wofür? Verfügbar unter: http://www.lbe.bayern.de/imperia/md/content/stmas/lbe/pdf/fampa_caritas_bonn.pdf [24.04.14].

Schmid, S. (2011). Migration zwischen Afrika und Europa. In: T. Baraulina, A. Kreienbrink & A. Riester (Hrsg.), Potentiale der Migration zwischen Afrika und Deutschland. Nürnberg: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Schmid, S. & Borchers, K. (2011). Generatives Verhalten und Migration. Eine Bestandsaufnahme des generativen Verhaltens von Migrantinnen in Deutschland. Forschungsbericht 10. Nürnberg: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Sinus Socivision (2008). Die Milieus der Menschen mit Migrationshintergrund. Eine qualitative Untersuchung von Sinus Sociovision. Auszug aus dem Forschungsbericht. Verfügbar unter: http://www.sinus-institut.de/uploads/tx_mpdownloadcenter/MigrantenMilieus_Zentrale_Ergebnisse_09122008.pdf [24.04.14].

Staewen, C. (2009). Zusammenarbeit mit Afrikanern. Kulturelle und psychologische Bedingungen. Augsburg: decora-Verlag.
Statistisches Bundesamt, kurz DETATIS: 2012. 16,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Verfügbar unter https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/MigrationIntegration/Migrationshintergrund/Aktuell2012Migranten.html [24.04.14].

Thiessen, B. (2009). Fremde Familien. DJI Bulletin 88, 4/2009, Experiment Familie. Der globale Wandel und die Folgen: Wie Väter, Mütter und Kinder den Alltag bewältigen. München: Deutsches Jugendinstitut, 7-9.

Autorin

Christiane Perzlmaier
Koordinatorin für Familienpatenschaften
Sozialdienst katholischer Frauen e.V. München
Dachauer Str. 48
80335 München
c.perzlmaier@bitte-keinen-spam-skf-muenchen.de
www.skf-muenchen.de

Christiane Perzlmaier ist Diplom Sozialpädagogin, staatlich anerkannte Erzieherin und Freiwilligenmanagerin (AfFD); seit 2009 beim SkF München Koordinatorin der Patenschaften für junge Familien; Buchveröffentlichung "Patenschaften praxisnah - Herausforderungen und Umsetzung von Kinder- und Familienpatenschaften" zusammen mit Birgit Sonnenberg (erschienen 2013 im Juventa-Beltz-Verlag).



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