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Interview mit Dr. Saúl Ignacio Fuks

[Forum Gemeindepsychologie, Jg. 13 (2008), Ausgabe 2]


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Dr. Saúl Ignacio Fuks

Zur Person Dr. Saúl Ignacio Fuks
Ordentlicher Professor für klinische Psychologie und Gemeindepsychologie an der UNR (Universidad Nacional de Rosario). Der Schwerpunkt seiner professionellen Aktivitäten liegt in der Verbindung von Gemeindepsychologie und klinischer Psychologie in Praxis und Lehre.
Seine Publikationen befassen sich einerseits mit klinischen Ansätzen, die auf einem Konzept der Wertschätzung des Subjekts und seines sozialen Netzwerkes basieren, wie auch mit der Aktualität von Gemeindepsychologie.
Im Praxisfeld der gemeindenahen Gesundheitsversorgung koordiniert Saul Fuks seit 24 Jahren das Programm "CeAC" (Centro de Asistencia a la Comunidad de la Universidad Nacional de Rosario) mit dem Ziel, Herangehensweisen aus der klinischen Psychologie und Gemeindepsychologie zusammenzuführen. Bei einigen Projekten ist dies dauerhaft gelungen.
In den von ihm geleiteten erkenntnistheoretischen Studien zur Komplexität bevorzugt er methodische Ansätze der partizipativen Aktionsforschung und Hermeneutik. Saúl Fuks arbeitet darüber hinaus als Gastdozent und permanenter Berater in Brasilien, Schweiz, Frankreich und Deutschland, wo er ebenfalls Autor wie auch Koautor verschiedener Artikel und Bücher ist.

Kontaktadresse:
CeAC – Centro de Asistencia a la Comunidad, Secretaría de Extensión Universitaria, Universidad Nacional de Rosario: Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensterhttp://www.ceac-unr.blogspot.com/
E-Mail: Öffnet ein Fenster zum Versenden einer E-Mailcocofuks@bitte-keinen-spam-gmail.com


1. Wie würden Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen die Linien der Gemeindepsychologie in Argentinien und in Lateinamerika skizzieren? Gibt es Entwicklungen in Theorie und Praxis, eine wechselseitige Befruchtung zwischen der akademischen Welt und dem beruflichen Anwendungsfeld?

Die Gemeindepsychologie geht in Argentinien – und bis zu einem gewissen Grad gilt das für ganz Südamerika – aus drei miteinander in Beziehung stehenden Praxisfeldern hervor, die den theoretischen Reflexionen Impulse geben: das "Soziale", die "Gesundheit" und das "Gemeinwesen". Abhängig von der historischen Epoche und der Region von der wir reden, haben sich Probleme von Ungerechtigkeit, Themen zu Gender oder Ethnie oder Fragen zu Menschenrechten in den Mittelpunkt des Interesses geschoben.
Nachdem einige Ländern eine solche Dichte und Komplexität an epistemologischen, theoretischen und / oder methodologischen Ergebnissen produziert haben, ist es inzwischen gerechtfertigt, von einer Lateinamerikanischen Gemeindepsychologie zu sprechen. Nach meiner Vorstellung war diese Entwicklung in solchen Ländern möglich, wo es zu einem durchlässigen und ausgeglichenen Zusammenspiel zwischen der "Praxis" und den akademischen Zentren gekommen ist, wie z.B. in Venezuela, Puerto Rico, Brasilien, Chile - um einige Länder zu nennen, wo das am offensichtlichsten ist. 

In Argentinien dagegen haben eher "Felderfahrungen" mehr Originalität und Tiefe gezeigt als die erkenntnistheoretische Entwicklung auf diesem Gebiet, was wahrscheinlich durch das Fehlen einer Forschungstradition in der akademischen Psychologie noch verstärkt wurde.  


2. Glauben Sie, dass der "lateinamerikanische Mensch" spezifische Probleme hat, auf die die Gemeindepsychologie Antworten geben könnte? Was wären das für Probleme und in welche Richtung gingen die Antworten?

Ich denke, dass in Lateinamerika die Gemeindepsychologie zu bestimmten historischen Momenten substanzielle Beiträgen geliefert hat: zu Beginn (der 60er Jahre, Anm. Übers.) – als in einem Integrationsprozess die subjektiven und sozialen Dimensionen miteinander verknüpft wurden, was sich auf das wissenschaftliche Verständnis von Sozialpsychologie wie auch von klinischer Psychologie ausgewirkt hat. Dann gab es bemerkenswerte Beiträge, die in der Zeit entstanden, als sich Gemeindepsychologie in den 60er und 70er Jahren mit den sozialen Bewegungen verbündete; und in den letzten Jahren hat Gemeindepsychologie zu Themen beigetragen, die den Jahrtausendwechsel begleiten: Die Kultur des Dialogs und des Miteinanders. Vom "lateinamerikanischen Menschen" zu sprechen, scheint die Illusion zu nähren, sich irgendeiner wissenschaftlichen Disziplin anpassen zu können und falls es sich hierbei um eine transdisziplinäre oder postmoderne Zuschreibung handeln würde, müssten wir zurückkehren und bei Rodolfo Kusch nachlesen!

Ich glaube nicht, dass die Gemeindepsychologie – als psychologische Subdisziplin – auf eine so komplexe Thematik eine Antwort geben könnte. Jedoch kann ich mir vorstellen, säßen an einem Tisch Anthropologen, Philosophen in der lateinamerikanischen Tradition, Soziologen und einige "Transdisziplinäre" – in diesem Kontext könnten wir als Gemeindepsychologen mit einigen Fragestellungen beitragen.


3. Geht in Argentinien die Gemeindepsychologie mit einer sozialen oder wissenschaftlichen Entwicklung einher? Hat sie Konjunktur?

Ich schätze, dass in unserem Land die Gemeinpsychologie mehr mit konkreten gesellschaftlichen Anliegen verknüpft war und ist, als mit dem Wissen, das die akademische Welt untereinander teilt (vgl. Fuchs, 2007).
Sie hat sich gesellschaftlichen Ideen angeschlossen – in den Unruhen der 60er Jahre die eine "soziale Entwicklung" ausgelöst haben; in den 70er Jahren der "nationalen Befreiung" und der "Volksbewegung"; in den 80ern, als mit dem Ende der bipolaren Weltordnung ein "Ende der Ideologien" begann; in den 90er Jahren, während der die "Konsumgesellschaft" triumphierte und schließlich zum Jahrtausendwechsel, in einer sich "verflüssigenden Welt".... Meine Vorstellung ist, dass Gemeindepsychologie versucht, konkrete Fragen der Praxis aufzugreifen (in Bereichen der Bildung, Gesundheit, Soziales, Bürgerrechte, Minoritäten usw.), die sich in einer immer globalisierteren Welt stellen.

Ich würde sagen, Gemeindepsychologie gewinnt bei Praktikerinnen und Praktiker zunehmend an Attraktivität, da sie für die Praxis einen bemerkenswerten Reflexionsrahmen zur Verfügung stellt und sie eröffnet unbeabsichtigt denjenigen Praktikerinnen und Praktiker einen Ausweg, die sich in dem Dilemma sehen, sich zwischen dem "Politischen" und dem "Professionellen" entscheiden zu müssen.


4. Im Allgemeinen legen die psychologischen Studiengänge kein besonderes Augenmerk auf die gemeindepsychologische Perspektive. Gibt es Ihrer Erfahrung nach dafür Gründe? Und würde sich dieser Zustand ändern lassen?

Dass in den wissenschaftlichen Programmen der staatlichen Universitäten in Argentinien die Gemeindepsychologie so gut wie nicht vorkommt, ist eher eine Folge denn eine Ursache der Situation und den Umständen, die eng verwoben sind mit der geschichtlichen Entwicklung der argentinischen Psychologie.

Aufgrund der Vormachtstellung der klinischen Psychologie, an der sich die restlichen Subdisziplinen definieren, unterscheidet sich die psychologische Lehre in Argentinien grundsätzlich von der im Rest Lateinamerikas: in Argentinien wird Psychologie gleichgesetzt mit Psychoanalyse. Die gegenwärtig vorherrschende psychoanalytische Denkweise im klinischen Bereich drückt den Themen, die behandelt werden, den Stempel auf. In diesem Sinne wird – in Argentinien – das Studium des "Sozialen" durch eine psychopathologische Brille gesehen (wie der Medizinanthropologe Eduardo Menéndez (1979) kritisch anmerkt) und in Unkenntnis darüber, dass andere Konzepte, die sich mit Kollektiven beschäftigen, existieren. Wenn ich von Unkenntnis spreche, beziehe ich mich nicht nur darauf im Sinne der Ignoranz (die gibt es auch) sondern auch darauf, dass der aktuelle Stand der Wissenschaft, den man sich aneignen könnte, negiert wird.
Das Fehlen eines universitären Studienganges zur Gemeindepsychologie ist daher ein Produkt der doppelten Unkenntnis – der Ignoranz und der Abqualifizierung jedes nicht ins gängige Schema passenden Wissens.

Wie wir in einer kürzlich erschienen Arbeit zu den Paradoxien des Empowerment anmerkten (vgl. Fuks, 2007), ist eine grundlegende Voraussetzung – um Alternativen bei denjenigen zu entwickeln und zu stärken, mit denen wir arbeiten – anzunehmen (wie es Paolo Freire vertrat, vgl. Freire, 1997), dass die "anderen" (Personen, Gruppen, Gemeinschaften) sich auf sich, ihre Möglichkeiten, Stärken und Handwerkszeug besinnen, die aus ihrer eigenen Geschichte kommen.

Der klinische Ansatz, der in Argentinien dominiert, hält am psychopathologischen Konzept fest, fokussiert auf die Entdeckung von Defiziten, Schwächen, Einschränkungen und Unfähigkeiten; eine Perspektive, die Professionelle in Richtung Unkenntnis (im doppelten Sinn) des aktuellen Diskurses führt. Sie nehmen gegenüber denjenigen, mit denen sie arbeiten, ein in Bezug auf deren Möglichkeiten, ihren gesunden Anteilen und ihren positiven Kompetenzen eine skeptische Haltung ein.

Die nahe liegende Frage, ob sich diese Situation umkehren lässt, ist eine schwierige Frage, da ich unterscheiden muss zwischen meinem Wunsch, dass dies tatsächlich passieren würde und meiner Skepsis was die Möglichkeiten anbetrifft, damit ein solcher Wechsel stattfinden kann.

Mein Wunsch gründet auf der Überzeugung, dass die Gemeindepsychologie viel zu den anderen Subdisziplinen beitragen könnte und dass sie für solche Psychologen von großem Nutzen wäre, die im öffentlichen Gesundheitswesen, im Bildungswesen und im Gemeinwesen arbeiten. Sie sollten wegen ihrer Unkenntnis verpflichtet werden, Instrumente und Methoden zu "entdecken", die wir schon vor mehr als 30 Jahren erfunden haben. 

Skeptisch, dass ein Paradigmenwechsel stattfinden könnte, bin ich (auf die Gefahr hin, dass ich jetzt verallgemeinere, wenn ich von "Argentinien" spreche) aufgrund schmerzlicher Erfahrung. Zu befürchten ist, dass Veränderungen im Wissenschaftsbetrieb als Folge von grundlegenden Krisen, die wiederum von Veränderungen im externen Kontext ausgelöst werden, sich häufig destruktiv auf die institutionellen Strukturen auswirken, indem diese dann rigider werden. Ich bezweifle, dass rigide Strukturen in der Lage sind, einen Lernprozess der Psychologie in Gang setzen - etwas, das mir jedoch als die einzige Möglichkeit erschiene. 


5. Beabsichtigt das CeAC, das sich als Programm im universitären Kontext entwickelt hat, eine Modifizierung der akademischen Strukturen? Hat das, was mit dem Arbeitsfeld gezeigt wird, Auswirkungen auf die Studenten?

Das Programm CeAC stammt aus den ersten Jahren der Rückkehr zur Demokratie, als man im Land einen nationalen Plan zur psychosozialen Gesundheit entwarf (Plan Nacional de Salud Mental). Dieser basiert auf den Strategien der Primärversorgung, die in den Beschlüssen von Alma Ata in den 70er Jahren festgehalten wurden. Vorrang hatte eine niedrigschwellige, gemeindenahe und partizipative Versorgung der Betroffenen.

Als großes Hindernis bei der Durchführung des Plans stellte sich heraus, dass es nach fast 10 Jahren der Diktatur keine Professionellen gab, die auf eine solche Strategie vorbereitet gewesen wären und man konnte auch auf keine Grundlagen zurückgreifen, um schnell die dafür notwendigen Ausbildungen zu entwickeln.

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Unter diesen Umständen war es machbar, in Erweiterung des universitären Konzeptes, ein Programm aufzustellen, das als Krisendienst mit dem Schwerpunkt Familie und Netzwerk in das Gemeinwesen eingebettet ist und mit einem Team arbeitet, das geschult ist in partizipativen Methoden.

Für das Besondere dieses "Modells" – hinsichtlich seines individualistischen und langfristig angelegten Ansatzes und dadurch, dass es durch die Geschichte nicht belastet war – interessierten sich Studenten, die den Wunsch hatten, für die Praxis andere Arbeitsweisen kennen zu lernen. Dieses Interesse hat aber auch eine defensive Reaktion bei solchen Sektoren hervorgerufen, die private "Schulen" und "Sektionen" errichtetet hatten, mit denen sie bedeutende Geldsummen bewegten und die begannen, in der Universität ein monopolistisches Marktpotential zu entdecken. 

Von Beginn an war das Selbstverständnis des CeAC seine Arbeit als interdisziplinär zu definieren und das Gemeinwesen zu stärken. Das Augenmerk lag darauf, gemeindenahe Gesundheitsversorgung, Organisationsentwicklung, Netzwerkarbeit und klinische Familien-Kurzzeittherapie miteinander in Einklang zu bringen. Mangels kohärenter Unterstützung durch einen universitären Studiengang, war es notwendig, als Team sein eigenes Qualifizierungssystem zu "erfinden", in dem die Besonderheiten jeder Disziplin respektiert und Synergien durch komplementäres und interdisziplinäres Zusammenwirken gefördert werden.

Die Erfahrung von 15 Jahren interdisziplinärer Dozententätigkeit (Psychologie, Sozialarbeit, Jura, Medizin, soziale Kommunikation, Pflege, Anthropologie, Architektur und Kunst) hat es mit sich gebracht, dass wir in den Lücken wachsen und Beschränkungen ignorieren, mit denen der vorherrschende Dogmatismus in der psychologischen Fakultät versucht, den internen Markt einzukreisen und zu kontrollieren.

In dem Maße wie die Studenten die Notwendigkeit für eine solche Art Ausbildung einforderten, zeigten sich die Verteidiger der "wahren" Lehre im Alarmzustand. Dennoch waren es nicht die politischen "Paten", die das CeAC als Programm gegenüber den Absichten verteidigten, es zu kontrollieren oder zu zerstören, sondern die Bewohner der Region selbst, die sich immer wieder aufmachten, um das ihre zu schützen.
Nach 24 Jahren können wir sagen, dass wir eine Wirkung in der Ausbildung von Psychologinnen und Psychologen hinterlassen haben, indem wir zeigen, dass eine "andere" Ausbildung möglich ist, in der die  Herausforderungen der Praxis im Mittelpunkt stehen. Aber – leider – hat dies im Vergleich zu anderen Disziplinen (Medizin, Sozialarbeit, Jura, Anthropologie) kaum Auswirkungen auf die curriculare Planung der psychologischen Studiengänge.


Das Interview führte Lic. Mario J. Molina, von der Asociación de Psicólogos de Buenos Aires

Aus dem Spanischen übersetzt von Monika Bobzien, Dipl.-Psychologin, München, Kontaktadresse: Öffnet ein Fenster zum Versenden einer E-Mailmonika.bobzien@bitte-keinen-spam-arcormail.de

Das Original-Interview mit Dr. Saúl Ignacio Fuks ist abgedruckt im März 2008 in der Zeitschrift Psicología para América Latina internationale elektronische Zeitschrift der Unión Latinoamericana de Entidades de Psicologia – das Schwerpunktthema der Ausgabe Nr. 12: Psicología comunitaria.

Literatur

Freire, Paolo (1997). Pedagogia da autonomía. Saberes necessários á práctica educativa. Rio de Janeiro: Paz e Terra.

Fuks, Saúl (2007). El lugar de lo comunitaro en el Siglo XXI – Ponencia inaugural de las Jornadas Cientificas de Salud Comunitaria. 6.-8. septiembre 2007. Salta R. Argentina.

Fuks, Saúl (2007). Reflexiones acerca de la paradoja del empowerment. En E. Saforcada, N. Cervone, J. Castellá Sarriera, A. Lapalma & M. de Lellis, Aportes de la psicologia comunitaria a problemáticas de la actualidad latinoamericana. Buenos Aires: JVE ediciones.

Kusch, Rodolfo (1966). Obras completas (vol.1), Indios, porteños y dioses, Buenos Aires, Editiorial Fundación Ross.

Menéndez, Eduardo (1979). Cura y control, la apropiación de lo social por la práctica psiquiátrica. México: Nueva Imagen.

 



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