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Soziale Netzwerke

Bernd Röhrle
[Forum Gemeindepsychologie, Jg. 15 (2010), Ausgabe 2]


Dieser Beitrag ist ein Netzwerkprodukt. Vor über 25 Jahren habe ich eine Diplomarbeit zum Thema "Subjektive Sicht zu Merkmalen sozialer Netzwerke" betreut. Die Idee stammte von Studierenden, die davon bei Heiner Keupp gehört hatten, der sich schon Anfang der Achtziger mit diesem Konzept intensiv befasst hatte (Keupp, 1982). Ich wiederum kannte ihn schon als frühen Mitstreiter beim Aufbau einer gemeindepsychologisch konzipierten Versorgung (man nennt dies multiplexe Beziehung in der Netzwerkterminologie). Eine kleine Gruppe von Leuten (Clique, überspannt: Elitezirkel), die zum Teil bis heute die Idee der Gemeindepsychologie hoch hält, so auch Heiner Keupp, pflegte das für diese psychologische Orientierung enorm wichtige Konzept des sozialen Netzwerks über die Jahre hinweg weiter. Dies führte zu einem enorm bedeutsamen Transfer von Ressourcen: Damit sind weniger die daraus entstandenen gemeinsamen Publikationen und Zitierzirkel gemeint, sondern vielmehr die Ideen einer sozialwissenschaftlichen Denkweise, die sich zunehmend in eine individualistisch orientierte Psychologie, wenngleich mit Maßen, einnistete. Damit zeigte sich, wie eine Schlüsselfigur in einem komplexen Netzwerkgefüge dafür sorgen kann, dass der Homo Psychologicus auch ein soziales, politisches und kulturelles Wesen darstellt, das nicht allein Produkt irgendwelcher Kognitionen und Verstärkerverhältnisse ist, sondern auch ein Ergebnis, aber auch ein Gestalter, sozialer, ökonomischer und kultureller Verhältnisse. Damit hat ein Netzwerk dafür gesorgt, dass der Gegenstand zumindest der Psychologie nicht zu einem "Reiz-Reaktionsdepp" verkommen ist, wie es Heiner Keupp früher gerne ausdrückte.

Was hat Heiner Keupp und auch andere so sehr an diesem Konzept interessiert? Zunächst handelt es sich beim Begriff des sozialen Netzwerks um etwas, was sozialpolitisch engagierte Menschen, wie Heiner Keupp, kaum massiv aktivieren können. Denn in erster Linie stellt es sich als eine Sammlung formaler Beschreibungsmöglichkeiten von möglichen Verbindungen zwischen sozialen Elementen dar, von daraus entstehenden emergenten Strukturen und die sie tragenden Funktionen der Unterstützung und Kontrolle. Dass diese Beschreibungsmöglichkeiten zum Teil auch aus der Psychologie stammten, mag den Psychologen Heiner Keupp ein wenig aus Gründen eigener Identitätszweifel interessiert haben. Sein zum Teil gebrochenes Verhältnis zur Main-Stream-Psychologie mag ein weiterer Grund sein, sich auch immer reflexiv mit der Frage auseinanderzusetzen, wie denn der Netzwerkbegriff insgesamt und auch innerhalb der Psychologie rezipiert wird (vgl. Laireiter, 2009; Röhrle, 1994; Röhrle & Laireiter, im Druck; Scholl, 2007). Bei genauer Betrachtungsweise hat sich Heiner Keupp ganz im Lichte der Unterscheidung von Berkowitz (1988) zwischen einer soziologischen und psychologischen Betrachtungsweise sozialer Netzwerke bewegt, so wie er sich immer für die gesellschaftlichen Verhältnisse einerseits und die Befindlichkeiten und Handlungsmöglichkeiten des Individuums andererseits in ihren jeweiligen Verhältnissen interessierte. In einer zweiten Hinsicht wandelt Heiner Keupp zwischen verschiedenen Positionen im Umgang mit sozialen Netzwerken: Meist scheint ihm der Gegenstand oder soziale Netzwerke als Metapher des Gemeinschaftlichen bedeutender als die genannten formalen Beschreibungsmöglichkeiten dieses Begriffs. Diese gehen allerdings auch nicht völlig bei ihm verloren. Beim Gegenstand des sozialen Netzwerks beschäftigt er sich mit den sozialen Netzwerken inhärenten Potentialen, aber auch mit den Gefahren dieser sozialen Gefüge. In erster Linie interessiert/interessieren ihn dabei ...

  1. ... die Darstellung gesellschaftlicher Prozesse, wie sie sich einerseits in sozialen Netzwerken abbilden und andererseits durch sie mitbestimmt werden. So werden soziale Netzwerke zum Druckmuster verschiedener neuer sozialer Risiken wie Individualisierung, Mehrdeutigkeit und Pluralität des modernen Lebens, der Exklusion, des Verlusts oder auch des Umbaus von Gemeinschaftlichkeit (auch von Wir-Identitäten), der Virtualisierung und damit einhergehenden Globalisierung des Sozialen (vgl. hierzu Röhrle, im Druck). Phänomene dieser Art bilden sich ab als Abbau traditioneller Bindungsmuster, Vielfalt subkultureller Nischen und ihren Deutungsmöglichkeiten sozialen Handelns und der Identitätsbildung, als Einbruch tragender Beziehungen, als Modifikation der Kontaktanteile, Entzug von Zugänglichkeiten zu Ressourcen (sozialem Kapital) u. a. m. (Keupp, 1987a, b, 1997a, b; 2008a, b; Röhrle, im Druck).
  2. ... die Frage, wie sich gesellschaftliche Prozesse auf individuelles Geschehen auswirken und wie umgekehrt das Individuum Einfluss auf Gesellschaft ausüben kann. Hier bieten sich soziale Netzwerke als vermittelnde Instanzen - Heiner Keupp bezeichnet es deshalb als Scharnierkonzept - in komplexen ökologischen Systemzusammenhängen an; und es waren auch schon frühe sozialanthropologische und formale Netzwerkanalytiker, welche den Einzelnen als handelndes Subjekt in diesen komplexen Gefügen ausgemacht hatten.
  3. ... die Suche nach einem sozialen Potential, das sowohl individuelle als auch gesellschaftlich produzierte Risiken abzumildern vermag, z.B. auch den Verlust an Anerkennung im Arbeitsleben kompensieren oder Orientierungen bei der Identitätsbildung bieten als auch durch kollektive Empowermentprozesse sich zu einer Kraft entwickeln kann, die eigenen Interessen der Mitglieder sozialer Netzwerke zu vertreten und auch so auf gesellschaftliche Verhältnisse Einfluss zu nehmen (Keupp, 1997a, b; 1998a, b, 2004, 2007). Damit waren durchaus auch utopische Ideen für neue Gemeinschafts- und Gesellschaftsformen mit angedacht worden, sei es im Kontext von zivilgesellschaftlicher oder kommunitärer Lebensformen.
  4. ... die Möglichkeiten durch Maßnahmen der Netzwerkförderung individuelles Leid zu vermeiden, abzumildern und gesundheitsförderliche Potenziale zu schaffen. Es geht dabei nicht allein um den Erhalt oder die Stärkung von Ressourcen, sondern auch um den Abbau pathogener Zustände in Netzwerken. Gegenstände solchermaßen verstandener Netzwerkförderung sind beispielsweise der Abbau aversiver Interaktionsformen, die Reflektion sozial kontrollierender Formen der Zuweisung der Krankenrolle oder die Überweisungswege an professionelle Hilfssysteme, die zum Teil auch als Konkurrenten sozialer Netzwerke auftreten (Keupp, 1987b, 1994; Röhrle & Laireiter, im Druck).

Bei all diesen Interessen findet man bei Heiner Keupp eine sichtbare kritische Haltung zumindest gegenüber dem Konzept der sozialen Netzwerke; so manche Möglichkeiten der sozialen Netzwerkforschung werden auch vielleicht deshalb nicht im Detail verfolgt.

Insbesondere die Bedeutung formaler Netzwerkanalysen wird von Keupp immer wieder in Frage gestellt. Sie gelten als zu phänomenfern, zu entleert von Bedeutungen konkreter sozialer Lebenswelten und kultureller Zusammenhänge. Man bekommt den Eindruck, dass aber bei ihm eine völlig metaphernartige Betrachtung sozialer Netzwerke auch nicht trägt, da es ihm auch darum geht, nicht möglichen Romantizismen aufzuliegen. Es scheint so, dass formale Merkmale sozialer Netzwerke ihm zumindest als Indikatoren dienen, um dahinter stehende gemeinschaftliche und gesellschaftliche Phänomene in ihrer Wirkung auf soziale Netzwerke erahnen zu können. Durch den Hinweis, dass damit auch Lebenswelten gemeint sind, werden Netzwerke bei ihm mehr zu einer ökologischen und durchaus auch zu einer subjektiven und zugleich eher als Ressource aufzufassende Kategorie. Allerdings muss die Rekonstruktion dieser Welten im Ungefähren bleiben, wenn er nur auf die Möglichkeiten qualitativer Analysen hinweist und dabei unklar bleibt, wie sich dann die erfassten Phänomene zu den formalen Merkmalen verhalten. Auch bleiben die Mechanismen unscharf, wie gesellschaftliche Phänomene sich im Einzelnen auf Merkmale sozialer Netzwerke auswirken und welche Funktion soziale Netzwerke im Kontext einer funktionalen Sicht im Zusammenhang gesellschaftlicher Phänomene einnimmt. Systemtheoretische Betrachtungsweisen legen so etwas nahe.

Trotz des starken Interesses an den Ressourcen sozialer Netzwerke warnt Heiner Keupp vor der Überschätzung der Potenziale und auch der Verletzlichkeit dieser Systeme. Dennoch ist eine gewisse Tendenz erkennbar, vielleicht manchmal die positiven und auch innovativen Kräfte sozialer Netzwerke zu überschätzen. Das wertkonservative und System stabilisierende Moment sozialer Netzwerke kommt bei seinen Analysen etwas kurz. Gleichzeitig sind letztlich auch die tatsächlich empirisch feststellbaren Potenziale, in Effektstärken ausgedrückt, relativ bescheiden. Dies gilt auch für die professionelle Nutzung sozialer Netzwerke als gezielte Hilfeform (Linden, Hogan & Habra, im Druck; Strouse & Röhrle, 2008).

Auch das Verhältnis von Individuum und sozialen Netzwerken bleibt, mit Ausnahme der Prozesse der Identitätsbildung, bei Heiner Keupp’s Auseinandersetzung mit sozialen Netzwerken etwas undeutlich. So sind die subjektiven Repräsentationen von sozialen Netzwerken in ihren propositionalen und strukturellen Aspekten in seinen Analysen unbenannt, ebenso undeutlich bleibt, wie die Akteure sozialer Netzwerke ihr Handeln individuell und kollektiv organisieren. Auch die durchaus bedeutsame soziobiologische Dimension bleibt unbesprochen, welche Wirkprozesse sozialer Netzwerke auf der körperlichen Ebene nachzuweisen vermag (vgl. Reblin & Uchino, 2008). Dies mag mit der Vorsicht zu tun haben, auf diesem Wege keinem Reduktionismus sozialer Phänomene zu dienen, was selbst dann geschehen kann, wenn im Rahmen eines methodologischen Individualismus versucht wird, mit individuellen Kategorien Merkmale und Dynamiken sozialer Netzwerke verstehbar zu machen (Kropp, 2008). Noch weniger wird deutlich, wie sich Individuum und Netzwerk in einer reziprok determinierenden Relation betrachten lassen (dynamischer Interaktionismus, Asendorpf, 2007).

Die Defizite, die Heiner Keupp’s Interessenlage produziert, kann man aber auch als eine besondere Form der sozialen Unterstützung ansehen: Es bleibt für andere auch in der Zukunft etwas übrig, Gegenstand und Konzept des sozialen Netzwerks näher zu beleuchten und vielleicht zu einem wirklichen Hoffnungsträger zu machen.

Literatur

Asendorpf, J. (2007). Psychologie der Persönlichkeit. Berlin: Springer.

Berkowitz, S. D. (1988). Afterword: toward a formal structural sociology. In B. Wellman & S. D. Berkowitz (Eds.), Social structure: A network approach (pp. 477-497). New York: Cambridge University Press.

Keupp, H. (1982). Soziale Netzwerke. In H. Keupp & D. Rerrich (Hrsg.), Psychosoziale Praxis. Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen (43-53). München: Urban & Schwarzenberg.

Keupp, H. (1987a). Psychosoziale Praxis im gesellschaftlichen Umbruch. Sieben Essays. Bonn: Psychiatrie-Verlag.

Keupp, H. (1987b). Soziale Netzwerke. Eine Metapher des gesellschaftlichen Umbruchs? In B. Röhrle & H. Keupp (Hrsg.), Soziale Netzwerke (11-53). Frankfurt: Campus.

Keupp, H. (1994). Psychologisches Handeln in der Risikogesellschaft. Gemeindepsychologische Perspektiven. München: Quintessenz.

Keupp, H. (1997a). Diskussionsarena Identität: Lernprozesse in der Identitätsforschung. In H. Keupp & R. Höfer (Hrsg.), Identitätsarbeit heute. Klassische und aktuelle Perspektiven der Identitätsforschung (S. 11-39). Frankfurt: Suhrkamp.

Keupp, H. (1997b). Ermutigung zum aufrechten Gang. Tübingen: DGVT.

Keupp, H. (1998a). Chancen des Umbruchs - das soziale Kapital Deutschlands. In B. Röhrle, G. Sommer & F. Nestmann (Hrsg.), Netzwerkintervention (S. 279 - 296). Tübingen:dgvt.

Keupp, H. (1998b). Ohne Angst verschieden sein. Von der fürsorglichen Belagerung zum Empowerment. In T. Bock & H. Weigand (Hrsg.), Handwerksbuch Psychiatrie (S. 76-92). Bonn: Psychiatrie-Verlag.

Keupp, H. (2004). Bürger lasst das Klotzen sein, kommt herunter reiht euch ein. Die Rolle des bürgerschaftlichen Engagements in der Krise des Sozialstaates. Vortrag aus Anlass des 80-jährigen Jubiläums des PARITÄTISCHEN Landesverband Bremen e.V. am 03.11.2004 in Bremen.

Keupp, H. (2007). Lebenskompetenzen für eine risikoreiche Welt. Vortrag bei der Fachtagung "Offenheit hinter geschlossenen Türen - Zwangsmaßnahmen als Chance?" am 19. April 2007 in Schloss Fürstenried.

Keupp, H. (2008a). Ressourcen der Lebensqualität : Soziales Kapital und Gesundheit. Vortrag bei der Konferenz "Zukunft: Lebensqualität" am 5. Mai 2008 beim Campus Urstein der Fachhochschule Salzburg.

Keupp, H. (2008b). So weit die Netze tragen: Chancen und Mythen der Netzwerkarbeit. Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis, 40 (4), 859-869.

Kropp, P. (2008). Methodologischer Individualismus und Netzwerkforschung. Ein Diskussionsbeitrag. In C. Stegbauer (Hrsg.), Netzwerkanalyse und Netzwerktheorie. Ein neues Paradigma in den Sozialwissenschaften (S. 145-153). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Laireiter, A.-R. (2009). Soziales Netzwerk & Soziale Unterstützung. In K. Lenz & F. Nestmann (Hrsg.), Handbuch Persönliche Beziehungen (S. 75-100). Weinheim: Juventa.

Linden, W., Hogan, B. E. & Habra, M. (im Druck). Interventionen gegen mangelnde Soziale Unterstützung: Wie effektiv sind sie und wer profitiert davon? In B. Röhrle & A.-R. Laireiter (Hrsg.), Soziale Unterstützung und Psychotherapie (S. 623-642). Tübingen: dgvt-Verlag.

Reblin, M. & Uchino, B. N. (2008). Social and emotional support and its implication for health. Current Opinion in Psychiatry, 21, 201-205.

Röhrle, B. & Laireiter, A.-R. (im Druck). Netzwerkforschung in der Psychologie. In R. Häußling (Hrsg.), Handbuch Netzwerkforschung. Bad Homburg: VAS.

Röhrle, B. (im Druck). Soziale Exklusion aus der Perspektive sozialer Netzwerke. In H. Keupp et al. (Hrsg.), Fördern und Fordern. Armut und Exklusion in individueller Verantwortung. Tübingen: DGVT.

Röhrle, B. (1994). Soziale Netzwerke und Unterstützung. Weinheim: PVU.

Scholl, D. (2007). Das Konzept sozialer Netzwerke. Einige seiner Annahmen und zwei ausgewählte Probleme der Darstellungsform von Netzwerken: Dynamik und Raum. In J. Broch, M., Rassiller & D. Scholl, D. (Hrsg.), Netzwerke der Moderne: Erkundungen und Strategien (S. 13-36). Würzburg: Königshausen & Neumann.

Strouse, J. & Roehrle, B. (2008). The influence of social support on the success of therapeutic interventions: A meta-analytic review. Psychotherapy Theory, Research, Practice, Training, 45(4), 464-476.

Autor

Prof. Dr. Dipl.-Psych. Bernd Röhrle
Öffnet ein Fenster zum Versenden einer E-Mailroehrle@bitte-keinen-spam-staff.uni-marburg.de

Bernd Röhrle, Prof. Dr., Dipl.-Psych., Jg. 1947, ist seit 1978 an Hochschulen als Dozent aber auch als Therapeut und Supervisor im Bereich Klinische Psychologie und Psychotherapie tätig. Die Arbeits- und Interessenschwerpunkte sind: Soziale Netzwerke, Prävention und Gesundheitsförderung. Philipps-Universität Marburg.



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