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Patchwork-Identität

Wolfgang Kraus
[Forum Gemeindepsychologie, Jg. 15 (2010), Ausgabe 2]


Der Begriff der Patchwork-Identität steht heute als Kürzel für den Ansatz "alltäglicher Identitätsarbeit", wie er u.a. von Heiner Keupp (2008 [1999]) formuliert worden ist. Wesentliche Kennzeichen sind die Identitätsarbeit in der gesellschaftlichen Situation der "zweiten Moderne" (Beck & Bonß, 2001), das Insistieren auf ihre lebenslange Unabgeschlossenheit, die Betonung der Bedeutung von Sozialität und von innerer Kohärenz - und der Unmöglichkeit ihrer dauerhaften Sicherung, und schließlich der Verweis auf die wichtige Rolle von sozialen Netzwerken und Ressourcen für die Identitätskonstruktion.

Patchwork-Identität als Forschungsprogramm

Geprägt wurde der Begriff der Patchwork-Identität von Heiner Keupp im vorletzten Jahrzehnt des vorigen Jahrtausends. Das klingt nach "lange her" und fühlt sich für mich auch so an, denn heute, nach zwei langjährigen Forschungsprojekten zu verschiedenen Facetten des Patchwork-Ansatzes, an denen ich mitarbeiten durfte, ist der "gefühlte" zeitliche Abstand zur Entstehung des Ansatzes beträchtlich. H. K. schlägt zum Zwecke "theoriearchäologischer" Untersuchungen des Patchwork-Ansatzes einen Aufsatz von 1989 vor. Seine Lektüre lohnt auch heute noch, weil er als Programmaufriss für etliche nachfolgende Forschungsprojekte gelesen werden kann und weil er zudem einige Grundthemen des Denkens von H. K. verdeutlicht. Er zeigt auf, dass der von ihm in den achtziger Jahren geprägte Begriff einer Patchwork-Identität zunächst nicht für eine elaborierte Theorie stand, sondern für ein Thesengerüst zur Erarbeitung einer solchen. In dem erwähnten Artikel (1989, S. 53) konstatiert H. K. eine hektische Betriebsamkeit in der Identitätsdiskussion, ausgelöst durch veränderte Prozesse der Subjektbildung: Sie werden krisenhafter und entwachsen traditionellen Lebensmustern. Etablierte Konzepte, wie das insbesondere die psychologische Diskussion bestimmende von Erik Erikson, reichen, so seine Einschätzung damals, für die Analyse nicht mehr aus.

Der Begriff des Patchwork flog ihm nicht einfach zu. Wie er feststellt (a.a.O., S. 65) haben auch andere Sozialwissenschaftler vor ihm schon mit dem Begriff hantiert, wenn auch nicht in direktem Zusammenhang mit Identität. Andere hatten vom "Basteln" und vom "Fleckerlteppich" gesprochen. Seine Wahl habe aber auch eine privat-anschauliche Dimension: Das Beobachten seiner Frau Annemie bei ihrer kreativen Arbeit mit Stoffresten habe diese Assoziation befördert. In seinem assoziativen Ausloten der Metapher betont er v.a. die schöpferische Energie beim Entwurf und der Verwirklichung eines Patchwork. Identitätstheoretisch betrachtet meint das die Betonung der Akteursrolle des Individuums, auch wenn die jeweiligen Freiheitsgrade natürlich von gesellschaftlichen Bedingungen und Ressourcen abhängen. Seine Unterscheidung zwischen klassischen, wohl geordneten Patchworkmustern einerseits und andererseits den "Crazy Quilts" mit überraschenden, oft wilden Verknüpfung von Formen und Farben nützt er für eine Parallelisierung zu der Differenzierung zwischen einem klassischen, Eriksonschen Identitätsbegriff und der Identitätsbildung unter den Bedingungen der Gegenwart. Am Ende des Artikels von 1989 fasst H. K. sein Konzept in Thesen zusammen. Weder "Identitätspathos" noch Jammern über den "Verlust der Identität", so lautet das Fazit, welches er den Thesen voranstellt (a.a.O., S. 68 f.):

  • Ein Zurück zu "festen Identitätsgehäusen" ist unmöglich. In der zweiten Moderne ist für Identitätsbildungsprozesse keine Beruhigung zu erwarten.
  • Der Identitätsbergriff ist unverzichtbar - trotz aller Nachrufe auf das autonome oder heroische Subjekt. In ihm steckt wenigstens seinem utopischen Gehalt nach die Idee eines souverän gelebten Leben.
  • Individualisierung ermöglicht Gestaltung des eigenen Lebens, erfordert aber auch die Kompetenz dazu. Das Gefühl der Kohärenz der eigenen Lebenssituation entsteht gerade nicht nur durch die Reproduktion von vorgezeichneten Lebensentwürfen, sondern aus dem kreativen Patchwork einer zukunftsoffenen Identitätsarbeit.
  • Identität braucht materielle und soziale Ressourcen: Ohne Teilhabe am gesellschaftlichen Lebensprozess in Form von sinnvoller Tätigkeit und angemessener Bezahlung wird Identitätsbildung zu einem zynischen Schwebezustand, den auch ein "postmodernes Credo" nicht zu einem Reich der Freiheit aufwerten kann.

In diesen Thesen und, mehr noch, in der ihnen vorangestellten Diskussion der vorliegenden Theorieangebote ist klar formuliert, was er - und wir als Projektmitarbeiter mit ihm - in der Folgezeit immer wieder klarzustellen hatten (weshalb ich die Gelegenheit nutze, es auch hier zu tun):

  • Nein, er versteht diesen Ansatz nicht als postmodern. In der erwähnten programmatischen Schrift (a.a.O., S. 66) erteilt er postmodernen Vorschlägen, das "alte Identitätsgehäuse auf den Abfallhaufen" zu werfen - und den Identitätsbegriff gleich mit dazu - eine Absage. Denn er sieht keine Alternativen zu den oft mühseligen, aber beharrlichen Versuchen, neue und lebenswerte Formen der Alltagsbewältigung zu entwickeln. Ja: Er teilt manche Diagnosen postmoderner Autoren, nein: nicht aber ihre Lösungsvorschläge.
  • Nein, das Konzept der Patchwork-Identität ist keine ideologische Zelebration der Buntheit des Lebens ohne jeden gesellschaftskritischen Impetus. Betont wird im Gegenteil - jenseits allen individuellen Bemühens - die Notwendigkeit angemessener gesellschaftlicher und ökologischer Rahmenbedingungen für Identitätsarbeit. Ein realistischer Blick auf die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse zeige uns neben den gesellschaftlichen Freisetzungs- und Individualisierungsprozessen auch eine tiefer werdende gesellschaftliche Spaltung, die für wachsende Teile der Bevölkerung keine gesellschaftliche Teilhabe mehr vorsehe.
  • Nein, das Konzept ist keineswegs lediglich auf den Sonderfall einer klischeehaft imaginierten Schwabinger Jungerwachsenen-Szene ("jung-reich-schön-bohemehaft") anwendbar. H. K. betont im Gegenteil die aktuellen Bedingungen gesellschaftlicher Marginalisierung und wachsender persönlicher Demoralisierung und er betont, dass solche Umstände zu keinen hoffnungsvollen und produktiven Identitätsentwürfen führen könnten.
  • Nein, der Identitätsansatz Erik Eriksons, der Leitfigur der psychologischen Identitätsforschung nach dem zweiten Weltkrieg, wird von ihm nicht vorschnell zu Grabe getragen. Vielmehr gehe es darum, bei hoher Wertschätzung für dessen Leistung, seinen Ansatz historisch einzuordnen, was aber seine Bedeutung als Inspiration für die Identitätsforschung nicht schmälert.
    Wenn "Missverstehensbereitschaft" und "Schubladisierungsreflexe" Indikatoren dafür sind, dass ein Ansatz etablierte Denkmuster infrage stellt, dann hat das Konzept eine hohe Trefferquote bewiesen.

Von der Metapher zum Modell: Identitätsentwicklung als alltägliche Identitätsarbeit

Die empirische Untersuchung und theoretische Ausbuchstabierung haben wir unter Heiner Keupps Leitung in einem Forschungsprojekt an der LMU München in den Jahren 1989 bis 98 unternommen (Keupp & Höfer, 1997). Im Jahre 1999 präsentierte unser Projekt schließlich seinen Ertrag (Keupp u.a., 1999). Das Buch ist mittlerweile (2008) in der vierten Auflage erschienen, ein Indiz für seine Resonanz in den Sozialwissenschaften. Die Leitmetapher des "Patchwork" war im Begriffsreservoir unseres Projekts zwar immer präsent, allerdings zeigte sich auch ihre Begrenztheit. Sie animierte - zumindest einen Teil der Rezipienten - zur Assoziation eines abgeschlossenen bzw. abzuschließenden Werks, während es der Forschergruppe doch gerade um die Offenheit, das Konstruieren, den Konstruktionsprozess von Identität ging.1 Entsprechend ist in der Modellsprache des Projekts eher von "Konstruieren", "Konstruktionen" und "Identitätsarbeit" die Rede.

Im Rahmen des Projektes entstand nicht nur ein Struktur- und Prozessmodell von Identität; etliche Teammitglieder legten auch, unterstützt und angeregt von der Projektdynamik, tiefer gehende eigenständige Untersuchungen zu einzelnen Aspekten von Identitätsarbeit vor: zur Bedeutung sozialer Netzwerke (Straus, 2002), zum Sense of Coherence (Höfer, 2000), der Bedeutung von Ressourcen (Ahbe, 1997), dem Stellenwert von Narrativität (Kraus, 1996) und der Bedeutung von Heimatkonzepten und ihrer Veränderung für die Identitätsarbeit (Mitzscherlich, 1997).

In seinen "Nachgedanken" zum Projekt (2008 [1999], S. 294 ff.) betont H. K., dass das Projekt zwar von der Patchwork-Metapher ausgegangen sei, aber keinesfalls auf ihre bloße empirische Illustrierung reduziert werden dürfe. Den wesentlichen Ertrag sieht er in der Analyse des "Wie", des Herstellungsprozesses von Identität und der daraus resultierenden Modellentwicklung. Zwei Aspekte hebt er hervor, die im Projektverlauf an Zentralität gewonnen haben, zum einen das Kohärenzthema: Es hat sich für uns gezeigt, dass die Suche nach Kohärenz, das Ringen darum, die individualisierten Individuen nach wie vor umtreibt. Kohärenz darf dabei nicht als objektivierbares Resultat der Identitätsarbeit verstanden werden. Sie ist vielmehr ein Prozess des ständigen Balancierens von Erfahrungen mit der eigenen Handlungswirksamkeit in der Alltagswelt und ein Grundprinzip unserer psychischen Organisation. Zum zweiten hat im Lauf der Projektgeschichte die Dimension der Anerkennung erheblich an Bedeutung gewonnen. Fragen der Zugehörigkeit, Anerkennung und des Vertrauens in die Tragfähigkeit eigener Beziehungen erwiesen sich als zentral für die alltägliche Identitätsarbeit.

Er betont weiter (a. a. O., S. 297), dass die empirischen Ergebnisse des Projekts sich nicht zur Untermauerung apokalyptischer Sichtweisen eigneten. Wenn auch viele einschneidende Veränderungen im gesellschaftlichen Alltag und deren Auswirkungen auf individuelle Biographien zu konstatieren seien, so verlaufe Identitätsarbeit doch durchaus auch erfolgreich, auch wenn der "Erfolg" nur jeweils situativ zu sichern sei. Schließlich benennt er noch eine Leerstelle in unserem Ansatz alltäglicher Identitätsarbeit, nämlich seine Unverbundenheit mit der von Elias so benannten "Wir-Schicht" (Elias, 1986), wie sie typischerweise unter dem Begriff der "kollektiven Identitäten" verhandelt wird; und er kündigt ein Projekt an, das diese Brücke herstellen soll.2

Zwanzig Jahre später: Rezeption - Klarstellungen - Pointierungen

Beinahe zwanzig Jahre nach seinem programmatischen Artikel von 1989 resümiert H. K. noch einmal die Entwicklung des Patchwork-Ansatzes und seiner Rezeption. Er konstatiert dort die positive Resonanz auf das Konzept, aber auch Versuche der "Enteignung", d.h. seine Aufladung zu einem normativen Modell, das zur Unterstützung oder Kontrastierung unterschiedlicher Ideologiepositionen herhalten musste (Keupp, 2005, S. 5).

Dem gegenüber betont er noch einmal, dass die Ausgangsfragestellung unserer ForscherInnengruppe - jenseits aller normativen Vorannahmen - die folgende gewesen ist: Die erste Moderne hat normalbiographische Grundrisse geliefert, die als Vorgaben für individuelle Identitätsentwürfe gedient haben. Innerhalb dieser Grundmuster spielte die berufliche Teilidentität eine zentrale Rolle, denn sie schuf Ordnungsvorgaben für die Identitätsarbeit der Subjekte. In der zweiten Moderne verlieren diese Ordnungsvorgaben an Verbindlichkeit, was das Projekt zu der Frage geführt hat, wie heute Identität konstruiert wird. Und er bündelt seine Antwort so:


Identitätsarbeit hat als Bedingung und als Ziel die Schaffung von Lebenskohärenz. In früheren gesellschaftlichen Epochen war die Bereitschaft zur Übernahme vorgefertigter Identitätspakete das zentrale Kriterium für Lebensbewältigung. Heute kommt es auf die individuelle Passungs- und Identitätsarbeit an, also auf die Fähigkeit zur Selbstorganisation, zum "Selbsttätigwerden" oder zur "Selbsteinbettung". Das Gelingen dieser Identitätsarbeit bemisst sich für das Subjekt von Innen an dem Kriterium der Authentizität und von Außen am Kriterium der Anerkennung (Keupp, 2005, S. 9).


Patchwork-Muster faszinieren oft durch die Vielfalt der Farben und Materialien. Für Heiner Keupp ging es immer um mehr als die vordergründige Buntheit, nämlich ganz wesentlich um das Tun, den Herstellungsprozess, die Verbindung von Disparatem, das Aufsuchen und Aushalten von Gegensätzen und Ambivalenzen, den Versuch der - immer vorläufigen - Ordnung des "Unordentlichen", mit dem Ziel einer gewissen "Alltagstauglichkeit". Dieser Bedeutungshof der Patchwork-Metapher steht nicht nur in Resonanz zu unserem Ansatz alltäglicher Identitätsarbeit, sondern charakterisiert auch, so meine ich, das Denken von Heiner Keupp.

Literatur

Ahbe, Th. (1997). Ressourcen - Transformation - Identität. In H. Keupp & R. Höfer (Hrsg.), Identitätsarbeit heute: Klassische und aktuelle Perspektiven der Identitätsforschung. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Beck, U. & Bonß, W. (2001). Die Modernisierung der Moderne. Franfurt/M.: Suhrkamp.

Elias, N. (1986). Figuration. In B. Schäfer (Hrsg.), Grundbegriffe der Soziologie (S. 88-91). Opladen: Leske + Budrich.

Höfer, R. (2000). Jugend, Gesundheit und Identität. Opladen: Leske + Budrich.

Keupp, H. (1989). Auf der Suche nach der verlorenen Identität. In H. Keupp & H. Bilden (Hrsg.), Verunsicherungen. Das Subjekt im gesellschaftlichen Wandel (S. 47-70). Göttingen: Hogrefe.

Keupp, H. (2005). Patchwork-Identität - Riskante Chancen bei prekären Ressourcen. Vortrag in Dortmund am 20. Mai 2005. [Online], Verfügbar unter: http://www.ipp-muenchen.de/texte [15.4.2009].

Keupp, H., Ahbe, Th., Gmür, W., Höfer, R., Kraus, W., Mitzscherlich, B. & Straus, F. (2008 [1999]). Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Reinbek: Rowohlt.

Keupp, H. & Höfer, R. (1997). Identitätsarbeit heute. Klassische und aktuelle Perspektiven der Identitätsforschung. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Keupp, H., Höfer, R., Jain, A., Kraus, W. & Straus, F. (2001). Soziale Landschaften in der reflexiven Moderne - Individualisierung und posttraditionale Ligaturen. In U. Beck & W. Bonß (Hrsg.), Modernisierung der Moderne (S. 160-176). Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Kraus, W. (1996). Das erzählte Selbst. Die narrative Konstruktion von Identität in der Spätmoderne. Pfaffenweiler: Centaurus.

Mitzscherlich, B. (1997). Heimat ist etwas, was ich mache. Eine psychologische Untersuchung zum individuellen Prozess von Beheimatung. Pfaffenweiler: Centaurus.

Straus, F. (2002). Netzwerkanalysen. Gemeindepsychologische Perspektiven für Forschung und Praxis. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag.

Endnoten

  1. Für den Keupp von 1989, der seiner Frau beim Herstellen eines Patchwork ja unmittelbar zusah, hatte die Metapher sicher einen stärkeren Bezug zum Herstellungsprozess.
  2. Das dort angekündigte Projekt begann unter dem Titel "Posttraditionale Ligaturen" als Teil des SFB 536 an der LMU München im Jahre 2000 und wird 2009 beendet (vgl. Keupp u. a., 2001).

Autor

Dr. phil. Dipl.-Psych. Wolfgang Kraus
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Wolfgang Kraus, Jg. 1950, Dr. phil, Dipl.-Psych., Studium der Psychologie in Regensburg und an der FU Berlin, Mitarbeiter im Institut für Praxisforschung und Projektberatung München, Arbeitsgebiete: Narrative Identität, kollektive Identitäten, subjektive Konstruktion von Vertrauen und Zugehörigkeit.



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