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Editorial

Irmgard Teske, Ingeborg Schürmann & Mike Seckinger
[Forum Gemeindepsychologie, Jg. 24 (2019), Ausgabe 2]


Alles Netzwerk oder was?


Reale und virtuelle soziale Netzwerke haben für die gemeindepsychologische Praxis und Forschung eine große Bedeutung. Es gibt eine lange Tradition der Auseinandersetzung mit den Fragen, welchen Beitrag soziale Netzwerke zur sozialen Unterstützung haben, welche Formen sie annehmen und wie sie gut erforscht werden können (z.B. Röhrle, Sommer & Nestmann, 1998). Es war mal wieder Zeit, sich neben den zuweilen aufgeregten Debatten um virtuelle Netzwerke und ihre schädlichen und gefährlichen Aspekte, den realen Netzwerken aus einer psychosozialen (die Beiträge von Kassel, Fuchs & Schleider, Rauh & Böttinger sowie Adolph & de Vries) und bildungsorientierten (der Beitrag von Clemens) Perspektive zuzuwenden. Die in dieser Ausgabe vereinten Beiträge wollen zur Reflexion der Potenziale sozialer Netzwerke und zur Analyse von Netzwerken anregen sowie zur Entwicklung von Methoden einer Netzwerkintervention ermutigen.

Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterClemens formuliert in ihrem Artikel die These, dass wenn man menschliches Handeln und dessen Ergebnisse verstehen will, immer zuerst die Beziehungen in den Vordergrund der Analyse zu stellen hat. Sie begründet dies damit, dass Soziales sich nur als Relationales verstehen lässt. Wenn Beziehungen und deren Gestaltung eine so große Bedeutung haben, dann liegt es auch nahe, der Frage nachzugehen, wie die Kompetenz herausgebildet werden kann, sich in einem Geflecht von Beziehungen zurecht zu finden und dieses im eigenen Sinne mitzugestalten. Sie arbeitet an der Idee der Navigationskompetenz heraus, was es hierfür braucht und welchen Einfluss Einzelne auf die Gestaltung von Beziehung übernehmen können. Netzwerkinterventionen sollten der Idee der Navigationskompetenz folgend sich darauf fokussieren, den Möglichkeitsraum zur Konstituierung von Beziehungen auszuweiten und "helfen", die richtigen Entscheidungen zu treffen. Eine Förderung von sozialen Beziehungen, die Milieu und andere Grenzen überschreitet, wird als eine hoffnungsvolle Interventionsstrategie beschrieben, soziale Ungleichheit abzubauen. Eine so weite Auslegung des Netzwerkbegriffs legt die Frage nahe, ob es sich nicht doch lohnt, zwischen einer relationalen Perspektive und einer Netzwerkperspektive systematisch zu unterscheiden. Auch wenn beide soziale Beziehungen in den Mittelpunkt stellen, beschreiben sie Unterschiedliches.

Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterLaura Kassel nimmt in ihrem Beitrag eine völlig andere, eher traditionelle Perspektive auf das Thema soziale Netzwerke ein. Sie stellt Ergebnisse einer langfristig angelegten qualitativen Studie zu familiären Unterstützungsnetzwerken vor. Die wiederholten Befragungen erlauben es auch, Aussagen zur Entwicklung dieser Netzwerke zu treffen. Die Ergebnisse der Studie machen auf ein Problem aufmerksam, dass in der alltäglichen Praxis der Netzwerkarbeit allzu leicht übersehen wird: Die Abhängigkeit der Adressat*innen von professionellen Akteuren in ihrem Netzwerk. Offensichtlich gibt es Hilfeempfänger, deren Netzwerk fast ausschließlich aus professionellen Akteuren besteht. Gerade eine gemeindepsychologisch inspirierte Praxis kann mit einem solchen Ergebnis nicht zufrieden sein. Da diese auf die Notwendigkeit verweist, in der Netzwerkarbeit verstärkt auf die Förderung nachbarschaftlicher Kontakte und auch der Selbsthilfe zu setzen.

Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterFuchs und Schleider thematisieren in ihrem Beitrag Herausforderungen für professionelle Netzwerke am Beispiel des südbadischen Netzwerks der psychosozialen Versorgung und pädagogischen Förderung bei Autismus-Spektrum-Störungen. Sie beschränken ihren Blick somit auf einen spezifischen Typus sozialer Netzwerke, nämlich auf solche, die zur Lösung eines Problems von Fachkräften gegründet wurden. In ihrer qualitativen Studie zeigen sie die interne Diversität solcher Netzwerke, die sich nicht zuletzt auch an Kategorien wie disziplinäre Verortung, sozialer Status, Ressourcen, rechtliche Verankerungen, die Rolle von Laien und Betroffenen strukturieren lassen. Sie verweisen auch auf die Ambivalenz von Kompetenzgewinn durch integrierte Diversität und der damit anwachsenden Komplexität von Netzwerken.

Ein zweites Beispiel dafür, dass sich die Befassung mit sozialen Netzwerken häufig nicht auf die Untersuchung von sozialen Netzwerken von Personen beschränkt, sondern Institutionen und Organisationen in den Blick nimmt, ist der Beitrag von Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterRauh und Böttinger. In diesem Text wird die Idee und deren Umsetzung dargestellt, Gesundheitsprävention durch ein Präventionsnetzwerk voranzubringen. Das Besondere dabei ist, dass in einem Flächenlandkreis eine Infrastruktur in Weiterentwicklung der Frühen Hilfen für Familien mit Kindern zwischen dem dritten und zehnten Lebensjahr aufgebaut wurde.

Der letzte Beitrag in diesem Heft geht der Frage nach, ob und wie systemische Interventionsstrategien geeignet sind, die Herausbildung von Metanetzwerken zu fördern. Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterDe Vries und Adolph zeigen auf, wie zwei Netzwerke, die zumindest auf dem ersten Blick ähnliche Ziele verfolgen und eine ähnliche Zielgruppe haben, von einer Beratung durch ein weiteres Netzwerk profitieren können. Sie greifen die Frage "Alles Netzwerk oder was?" insofern auf kreative Weise auf, weil sie sich sowohl auf die Suche nach geeigneten Instrumenten der Entwicklung und Förderung von Netzwerken gemacht haben, als auch die Beratungsaufgabe in die Hand eines - wenn man so will - Netzwerks gelegt haben.

Die Herausgeber*innen wünschen allen eine anregende Lektüre und freuen sich über die Einreichung neuer Artikel.

Irmgard Teske, Ingeborg Schürmann & Mike Seckinger
Herausgeber für das Redaktionsteam Forum Gemeindepsychologie

Literatur

Röhrle, B., Sommer, G., Nestmann, F. (Hrsg.) (1998). Netzwerkintervention. Tübingen: dgvt.



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