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Editorial

[Forum Gemeindepsychologie, Jg. 18 (2013), Ausgabe 1]

Schwerpunkt: Psychologisierung und Medizinisierung in der Gesundheitsversorgung

Endlich ist es so weit: Eine neue Ausgabe des Forum Gemeindepsychologie kann erscheinen. Schwerpunkt ist eine kritische Auseinandersetzung mit ausgewählten Phänomenen der Psychologisierung und Medizinisierung in Feldern der psychosozialen und gesundheitlichen Arbeit. Ein Unbehagen über eine zunehmende Dominanz von psychologisierenden und medizinisierenden Sichtweisen, nicht nur im Jargon der medialen Aufbereitung, sondern vor allem auch in verschiedenen fachlichen Diskursen, steht im Hintergrund dieser Ausgabe.

Psychologisierende oder medizinisierende Sichtweisen lassen sich in zahlreichen Erklärungsmustern und Handlungsansätzen finden: zum Beispiel in einer zunehmenden Verschreibepraxis von Ritalin oder die Zunahme der Diagnose "ADHS". In der Diskussion um eine mögliche Zunahme von Burnoutphänomenen werden kaum gesellschaftliche Faktoren oder deren Auswirkungen auf Arbeitsbedingungen reflektiert. Eine Kritik am aktuell erschienenen DSM V lautet, dass darin neu aufgenommene Störungsbegriffe oder Kriterien dazu beitragen würden, Zustände, wie beispielsweise Trauer, die nicht als Krankheiten zu betrachten sind, zu pathologisieren.

In der aktuellen Ausgabe des "Forum Gemeindepsychologie" werden ausgewählte Phänomene der Psychologisierung und Medikalisierung aufgegriffen und in ihrer Funktionalität von den AutorInnen diskutiert. Im einleitenden Text Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterDie Psychologisierung gesellschaftlicher Ungleichheit - die ‚underclass’-Debatte in den USA, Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland analysiert Hans-Peter Michels politische Diskurse zu Armut und Ausgrenzungsprozessen. Entsprechend der zentralen These des Textes sind diese sozialpolitischen Diskurse mitverantwortlich für die Diffamierung von Menschen, die in Armut leben: Sozioökonomische Bedingungen für die Entstehung von Armut werden ausgeblendet und die Verantwortung den in Armut Lebenden selbst zugeschoben. Insbesondere im Vorfeld einschneidender Maßnahmen, so die Analyse, würde der "neue, die soziale Ungleichheit personalisierende und psychologisierende Diskurs maßgebliche Wirkungen erzielen". Im Text werden wichtige Protagonisten bzw. Argumente der "underclass-Debatte" vorgestellt und ihre Argumentationsfiguren kritisch analysiert.

Thomas Bock erinnert in seinem Artikel Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterPsychiatrie im Widerstreit der Interessen - Risiken und Chancen für die Zukunft an die Forderungen der Psychiatrie-Enquête (1975), an das Ziel, die Versorgung und Behandlung schwer psychisch kranker Menschen wesentlich zu verbessern, und zeigt, dass diese Ziele nicht erreicht wurden. Medizinisch-psychiatrisch, anthropologisch, sozialpsychologisch und politisch, immer auch aus der Perspektive der Betroffenen, analysiert er das kontroverse Bild der Psychiatrie in der BRD. Spezifische Störungsbilder werden in Zusammenhang mit neoliberal geprägten gesellschaftlichen Lebenswelten diskutiert. Der Autor berichtet über verschiedene Behandlungswege und Anforderungen an psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung und betont die strukturell bedingte Komplexität der Versorgungsaspekte. Die zuletzt herausgefilterten zehn Thesen stellen nicht nur eine allgemeine Handlungsorientierung dar, sondern bereichern auch den gemeindepsychologischen Diskurs.

Peter Mosser und Thomas Schlingmann greifen in ihrem Beitrag Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterPlastische Chirurgie an den Narben der Gewalt - Bemerkungen zur Medizinisierung des Traumabegriffs die Problematik des Traumadiskurses auf. Sie zeigen, wie sich in dieser Fachdiskussion die Begriffe von Trauma und Traumatisierung verwischen und wie mit diesen Unschärfen mittels aktueller Diagnosemanuale (DSM-III, DSM-IV und ICD 10) im medizinisch-psychiatrischen und psychotherapeutischen Praxisalltag gearbeitet wird. Die derzeitige Deskription in Diagnosemanualen lässt die subjektive Betroffenheit weitgehend außer Acht, die naturwissenschaftlich-basierte Logik der Medizin dominiert über sozialwissenschaftliche Erkenntnisse. Die beiden Autoren schöpfen aus ihrer langjährigen Praxiserfahrung, um ihre Forderung nach "ganzheitlichen, partizipativen und nicht-hierarchischen Hilfeformen" zu unterstreichen.

Auch im Artikel von Anne-Kathrin Will wird der Begriff der Traumatisierung kritisch aufgegriffen. Im Artikel Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterPsychologisierung am Beispiel bosnischer Bürgerkriegsflüchtlinge in Berlin arbeitet die Autorin auf Basis einer eigenen Untersuchung heraus, wie psychologische Diagnostik und Therapie für bosnische Bürgerkriegsflüchtlinge die Voraussetzung zur Erlangung eines - zumindest befristeten - Bleiberechtes von Bürgerkriegsflüchtlingen schaffen konnte. Am Beispiel der Verwendung der Diagnose der "Posttraumatischen Belastungsstörung" wird deutlich, wie Psychotherapie und die Arbeit von psychologischen ExpertInnen zu einer vermeintlichen Antwort auf die prekären und unsicheren Lebensbedingungen der Flüchtlinge werden, die ihrerseits die psychologisierende Sichtweise übernehmen.

Leonie Knebels Artikel Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterAnstieg "depressiver Störungen" im neoliberalen Kapitalismus? Kritisch-psychologische Anmerkungen zu Methode und Ergebnissen der Depressionsforschung bezieht sich auf Erkenntnisse aus ihrer Studie "Depressive Patienten in prekären Lebensverhältnissen". Warum haben depressive Erkrankungen zugenommen? Wie werden die Diagnosen festgestellt? Von welchen Faktoren hängen Entstehung und Auftreten der Störung ab? Die Autorin zeigt anhand verschiedener Studien, wie das Auftreten von Depressionen und gesellschaftlich reale Arbeitsbedingungen (wie niedrige Bezahlung, Arbeitslosigkeit etc.) zusammenhängen. Ihr Fazit lautet, dass vor allem subjektwissenschaftliche Einzelfallstudien fehlen. Erst anhand der Ergebnisse solcher Studien könnten Ursachen sowie eine verallgemeinerbare Theorie herausgearbeitet werden. Sie fordert gezielte Forschung und engagiert sich für die Fortsetzung dieses Diskurses.

Es folgt ein Beitrag von Christian Küpper, Grete Erckmann, Felicitas Karimi und Leonie Knebel. In dem Beitrag werden zentrale Themen und Diskussion aus dem Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterBericht: Ferienuniversität Kritische Psychologie - Reflexionen über die Entfremdung von Theorie und Praxis (11.-15.9.2012 in Berlin) vorgestellt. Mit freundlicher Genehmigung des DGVT-Verlages erfolgt ein wiederholter Abdruck dieses Berichts, der bereits in der Zeitschrift "Verhaltenstherapie & psychosoziale Praxis" erschienen ist.

Nach diesen Beiträgen über Spezialisierungstendenzen in Psychologie und Medizin leitet ein Beitrag von Kerstin Hein zum Thema der nächsten Ausgabe über. Kerstin Hein beschreibt in ihrem Artikel Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterVom Ausländer zum Jugendlichen: Interkulturelle Begegnungen, Identitätsarbeit und Handlungsfähigkeit bei jungen Migranten lateinamerikanischer Herkunft in Chile einen Ausschnitt aus ihrem Forschungsprojekt in Chile. Sie zeigt am Beispiel von jugendlichen Migrantinnen und Migranten in Lateinamerika die Bedingungen auf, die zum Gelingen und Scheitern von Identitätsarbeit und Anpassungsprozessen beitragen. Zunächst erfahren die Jugendlichen Zurückweisungen und Ausgrenzung vonseiten der Einheimischen. Schulen mit einem hohen Anteil an Jugendlichen mit Migrationserfahrung werden als sogenannten "Migrantenschulen" stigmatisiert. Beim Übergang von der Schule zum Beruf können die Befragten über positive Veränderungen berichten. Sie erzählen, wie sie ihre Herausforderungen meist konstruktiv meistern konnten.

Die Autorinnen und Autoren eröffnen verschiedene Perspektiven und zeigen die Dynamik von Spezialisierungsdebatten. Unabhängig von den Positionierungen der Einzelnen laden wir den Leserkreis zu einer interessanten Lektüre ein und freuen uns auf Leseeindrücke und eine spannende Diskussion.

Edith Borchers und Christine Daiminger



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